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Wohnmobil-Boom: Aufbruch in die Freiheit

Der Urlaub im Wohnmobil erlebt einen regelrechten Boom. Vor allem für deutsche Touristen sind Ferien im Grünen attraktiv. Lotterleben auf hohem Niveau und der Kick der Freiheit gewinnen mehr und mehr an Image.

Von Christina Rienhardt

Das 20-Uhr-Läuten der Kirchenglocken von Supetar empfängt die Fähre von Split. Die Abendsonne spiegelt sich rötlich im kroatischen Meer und taucht die steinernen Häuser des Hauptortes der Insel Brac in ein mildes Licht. Fischerboote und kleine Yachten schaukeln an der mit Palmen bestandenen Uferpromenade, an der Restaurants mit appetitlichen Fischvitrinen daran erinnern, dass es Zeit zum Abendessen ist. "Wie lange wollen sie bleiben?", fragt der Wärter des geschotterten Parkplatzes direkt am Strand, an dem die letzten Badegäste ihr Handtuch einrollen. "Eine Stunde? Zwei Stunden? Oder die ganze Nacht?"Die Entscheidung des leicht ergrauten Mannes am Steuer seines Wohnmobils ist nach einem kurzen Blick zu seiner Frau schon nach Sekunden gefallen. "Wir bleiben die Nacht", sagt er, reicht dem Parkplatzwärter 10 Euro und wird von ihm dafür noch an einen Stellplatz direkt am Wasser einge-wiesen. Der Wohnmobilist, 54, im Hauptberuf Schreinermeister, schnappt sein Portemonnaie, hakt sich bei seiner Frau unter und zieht der Hafenpromenade entgegen. "Fahren, schauen, und wo es uns gefällt, da bleiben wir einfach", sagt Max Buschmann. "Unser Wohnmobil ist unser fahrbares Ferienhaus."

Zahl der modernen Nomaden wächst

Der Schreinermeister aus Oldenburg gehört zu einer stets wachsenden Zahl moderner Nomaden. Während die Tourismusbranche erst ganz langsam wieder in Schwung kommt, erlebt der Urlaub im Wohnmobil einen regelrechten Boom. Die Verkaufszahlen wachsen seit zehn Jahren stetig. Aber vor allem in den vergangen drei Jahren setzen sie zu Höhenflügen an. Marktführer Hymer, laut dem Buch "Deutsche Standards" der "Gattungsbegriff für das Reisemobil schlechthin", legte im Geschäftsjahr 2003/2004 mit 13 Prozent so stark zu, dass der Aktienkurs gleich nach Bekanntgabe der Zahlen um zehn Prozent kletterte, nachdem er sich im letzten Jahr bereits verdoppelt hatte. "Wir erwarten auch weiter eine steile Absatz- und Umsatzentwicklung, die leicht über dem Vorjahr liegen dürfte", sagt Hymer-Chef Hans-Jürgen Burkert. "Der Trend wird sich fortsetzen."Europaweit, Holland ausgenommen, haben Reisemobile die Wohnwagen bei Neuzulassungen inzwischen überholt. Spätestens seit Sportler wie der Ski-Welt-Cup-Sieger Bode Miller im Winter im Wohnmobil von Wettkampf zu Wettkampf ziehen, ist es vorbei mit dem Image des dickbäuchigen Campers, der den Gartenzwerg auf dem Armaturenbrett spazieren fährt und Bier trinkend die Grillzange schwenkt. Wohnmobilisten, so ergab eine Untersuchung des deutschen Tourismusverbandes, verfügen über überdurchschnittliche hohe Ausbildung und Einkommen sowie über eine gute Stellung im Beruf. 22 Millionen Deutsche, so eine Untersuchung der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F.U.R.), kann sich einen Urlaub im Reisemobil vorstellen. Denn: "Ferien im Grünen sind mittlerweile für alle Bevölkerungsschichten attraktiv und erreichen zunehmend positive Imagewerte".

Keineswegs ein Billig-Urlaub

Vorbei sind die Zeiten, in denen Wohnmobile Lastwagen mit klapprigen Aufbauten glichen. Aus den Rumpelkisten von einst haben sich ausgeklügelte Systeme entwickelt, mit denen es sich angenehm reisen und komfortabel wohnen lässt. Toilette und Dusche sind inzwischen selbstverständlich. Klima-Anlage, Tempomat und Zentralverriegelung zählen fast schon zu den Standards der Fahrzeuge, die sich Neukunden im Schnitt 51.000 Euro kosten lassen. Immer häufiger werden Neuwagen auch mit Navigationssystem, DVD-Playern oder auch Fernseher bestückt. "Es hat sich herum gesprochen, dass verreisen im Wohnmobil keineswegs ein Billig-Urlaub ist", sagt Viktoria Groß, die Sprecherin des Deutschen Camping-Clubs. "Aber diese Urlauber lieben das Wohnen in der Natur und ihre Unabhängigkeit." So liebt es der Schreinermeister aus Oldenburg auch. Vom schlechter werdenden Wetter hat er sich ganz langsam über die Schweiz und Österreich Richtung Süden treiben lassen. Mal hier eine Stadt besichtigt, da ein Museum besucht, dort einen Nationalpark. Für eine Nacht einen Stellplatz zu finden war nie ein Problem. Längst hat man die Reisenden mit Wohnmobilen als Wirtschaftsfaktor entdeckt. "Wir waren oft gut essen und haben die Nacht über auf dem ruhigen Parkplatz des Restaurants oder auf der Wiese eines benachbarten Bauernhofes verbracht", sagt Buschmann. In Gemeinden wie Bad Dürrheim übersteigt die Zahl der Übernachtung von Besuchern in Wohnmobilen jene von Hotelübernachtungen, weil ein cleverer Geschäfts-mann gleich neben der Therme einen modernen Stellplatz in bester Lage eröffnet hat und unter anderem Nordic-Walking-Kurse und Welllness-Pakete anbietet, wie man sie auch auf modernen Campingplätzen findet, bei denen Schwimmbäder, Saunen und Tennisplätze zum Standard gehören.

Lotterleben auf hohem Niveau

Es ist ein Lotterleben auf hohem Niveau, das vor allem bei Deutschen sehr beliebt ist. "Die Deutschen sind Europameister im Wohnmobiltourismus", sagt Rainer Krüger, 66, Sozialwissenschaftler und Professor für Geographie an der Universität Oldenburg. Krüger ist selbst begeisterter Reisemobilist, hat eine empirische Studie zum Thema erarbeitet und das Buch "Spur der Freiheit - Menschen im Wohnmobil" geschrieben. "Das Wohnmobil bietet vor allem reiferen Mitbürgern die Möglichkeit, sich noch einmal den Kick zu besorgen, noch einmal in ein Stück Freiheit aufzubrechen. Man hat ja sein Schneckenhaus überall bei sich." Rund 2,5 Milliarden Euro werden pro Jahr mit Produktion und Handel von neuen und gebrauchten Fahrzeugen umgesetzt. Der Umsatz der zahlreichen Vermiet-Stationen, die es inzwischen flächendeckend gibt in der ganzen Republik, ist da noch nicht mit eingerechnet.Die machen vor allem in den Schulferien ihr Geschäft mit Familien, die oft schnell auf den Geschmack des modernen Vagabunden-Lebens kommen. Doch aktive ältere Menschen sind immer noch die attraktivste Zielgruppe. Menschen, die das nötige Kleingeld und genügend Freizeit für diese Form des Urlaubs haben. "Empty-Nesters", nennt sie Sozialwissenschaftler Krüger. Zwei-Personen-Haushalte von finanzstarken, älteren Ehepaaren, deren Kinder aus dem Haus sind und die auch während der Reise auf Komfort Wert legen. Immer häufiger werden daher organisierte Wohnmobilreisen gebucht, wie sie von fast allen Herstellern und verschiedenen Reisebüros angeboten werden.

Veranstalter bieten großes Reiseangebot

Für fast alle europäischen Länder gibt es Angebote für Touren zu interessanten Zielen, wobei der Veranstalter den Kunden einen Großteil der Planung abnimmt. "Das ist für Leute, die es im Beruf gewohnt waren, dass ihre Sekretärin für sie die Dienstreisen bucht und sich nun auch in der Freizeit um Details nicht kümmern möchten", sagt Moinka Metzler, Sprecherin der Firma Hymer, die Rundreisen auf Sardinien, große Schleifen durchs Balti-kum oder durch Schottland im Programm hat. Längst gibt es auch geführte Fernreisen. Acht Wochen durch das südliche Afrika, vom Barrier Reef bis nach Melbourne und selbst die 36-wöchige Tour durch Nord- und Südamerika ist bei manchen Veranstaltern buchbar. Die meisten aber zieht es in den europäischen Süden, wenn es im heimischen Deutschland ungemütlich kalt wird. Ein Gutteil der Empty-Nesters verbringt regelmäßig die Wintermonate im warmen Süd-Spanien. Freilich gibt es auch dafür die organisierte Gemeinschaftsfahrt des Deutschen Camping Clubs (DCC) "Überwintern in Spanien". Die mitunter leidige Frage, wo man übernachten kann, stellt sich den Gästen nicht und bewahrt vor unliebsamen Überraschungen, vor denen Individualisten wie der Schreinermeister aus Oldenburg nicht gewappnet sind.

Morgens um halb neun ist es mit der Ruhe auf seinem idyllischen Strand-Parkplatz auf einen Schlag vorbei. Abschleppwagen rücken an und setzen mit lautem Poltern Fahrzeuge von Falschparkern ab, die sie irgendwo im Dorf an den Haken genommen haben. Schreinermeister Buschmann kann es gelassen nehmen. Er ist längst wach und bereits zum morgendlichen Bad in den Wellen des klaren Meeres eingetaucht.

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