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Yangshuo: Abstecher ins Reich der Zauberberge

China zum Anwärmen, das ist Yangshuo. Nicht nur wegen der Natur: Nirgendwo sonst trifft man so viele Englisch sprechende Chinesen.

Von Adrian Geiges

Als Gott die Gegend um Yangshuo erschuf, hatte er seinen kitschigen Tag. Die kamelhöckerförmigen Karsthügel sehen so lieblich aus, dass man an ihrer Echtheit zweifeln könnte. Dabei sind sie vor etwa 350 Millionen Jahren aus alten Kalken entstanden. Heute bilden zwölf von ihnen die Kulisse für die allnächtliche Theatershow "Impression Sanjie Liu". Regie führt Zhang Yimou, weltweit bekannt durch seine Filme "Rote Laterne" und "Hero". Ungewöhnlich an dieser Vorstellung ist nicht nur die Kulisse, sondern auch die Bühne: das Wasser des Li-Flusses. In ihm spiegeln sich die angeleuchteten Hügel, Floßfahrer überspannen den Fluss mit einem roten Seidentuch. 600 Schauspieler nehmen an dem Spektakel teil. Viele von ihnen sind hauptberuflich Bauern und Fischer. Wie der 42-jährige Deng Youming, der vor der Show noch Karpfen angelt. "Meine Rolle auf dem Bambusfloß ist nicht einfach. Wir treten bei jedem Wetter auf. Ich kämpfe mit Stürmen, Regen und versteckten Felsen", sagt er.

"Großartig, wie das Wasser und die Felsformationen in die Vorstellung einbezogen werden", begeistert sich Erich Kasper aus Pfaffenhofen, Professor an der Uni Stuttgart. Er und seine Frau Anna wurden von chinesischen Freunden, die ihnen Yangshuo als „den schönsten Platz der Erde“ beschrieben haben, hierher eingeladen. Dabei ist die Show auf der vermutlich größten Naturbühne der Erde nur eine von vielen attraktiven Möglichkeiten, diese seltene Landschaft zu erleben. Karsthügel prägen das Gebiet um die südchinesische Stadt Guilin. Doch das 83 Kilometer entfernte Yangshuo bietet weitaus mehr. 1999 kam der Australier Alf Exposito für eine Studie über den chinesischen Tourismusmarkt in den Ort mit seinen 300.000 Einwohnern - er blieb bis heute. Grund: "In Yangshuo erlebt man China - und findet gleichzeitig all das, was Menschen aus dem Westen gefällt." Zum Beispiel Kneipen mit englischsprachiger Bedienung. Eine davon, die Buffalo Bar, hat Alf selbst aufgemacht. In der Gegend rund um die West Street gibt es Dutzende solcher Lokale und Restaurants. Auf einem Stadtplan wird die Straße als „Samenbeet chinesisch-ausländischer Ehen“ gepriesen.

"Yangshuo ist ideal für Leute, die Spaß am Fotografieren haben"

Alf hat hier seine Frau Mingfang kennengelernt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, doch die Dinge entwickelten sich, und in der Buffalo Bar hängt jetzt ein Artikel aus der Lokalzeitung. Überschrift: "Ausländischer Ehemann schenkte Schwiegermutter eingemachten Schinken." Nicht nur Alf weiß, dass Touristen aus dem Westen neben dem Nachtleben auch Radfahren, Wandern und Klettern lieben. Und so ist es inzwischen selbstverständlich, dass man in Yangshuo an etlichen Stellen Fahrräder mieten kann. "Auf einem Rad erlebe ich die Landschaft aus einer völlig anderen Perspektive", sagt Jeremy Posnansky aus London, unterwegs zur steinernen Fuli-Brücke (Ming-Dynastie, 1368–1644). "Yangshuo ist ideal für Leute, die Spaß am Fotografieren haben", sagt er. Eigentlich ist er im Reich der Mitte, um an einer Konferenz von Scheidungsanwälten in Shanghai teilzunehmen. Er nutzte die Gelegenheit, um Peking und Xian zu besuchen, und hörte dort von Yangshuo, "wo man China außerhalb der Paläste erleben kann".

Von der Fuli-Brücke zurück nach Yangshuo nimmt Posnansky das Bambusfloß, es bietet auch Platz für sein Fahrrad. Eine schöne Chinesin auf einem Floß nebenan streckt ihre Beine ins klare Wasser. Die Ruderer mit ihren Strohhüten lesen aus den Karsthügeln Geschichten, die man sich seit Jahrtausenden erzählt, sehen darin Affengesichter und Kamele, die den Fluss überqueren. Die Schiffer führen ihre Mitreisenden zu Familienrestaurants, in denen Hühner vor den Augen der Gäste geschlachtet werden. Wer auf den Stromschnellen des Yulong-Flusses reist, kann seine Pläne jederzeit ändern. Kann die Fahrt beliebig abbrechen und wieder aufs Fahrrad umsteigen. Man sollte aber nicht auf die Idee kommen, einen Teil des Fahrgeldes zurückzuverlangen. "Geh zur Hölle", schreit der Mann vom Floßverleih für die, die ihn verstehen. Ähnliches kann einem auch in den örtlichen Kleinlinienbussen passieren. Die Fahrer warten, bis der letzte Sitz besetzt ist. Mit leeren Plätzen zu fahren gilt als Benzinverschwendung. Ein Tourist im Bus nach Xingping beschwert sich, der Schaffner droht ihm mit Rausschmiss. Eine Reisegruppe aus Deutschland soll den Bus füllen, doch während die ersten Teilnehmer schon sitzen, stellt sich heraus, dass der Platz nicht für alle reicht.

"Hier treffen sich der Westen und der Osten"

"Wieder mal toll organisiert", meckert einer. Selbst in einem Touristenparadies wie Yangshuo braucht man Geduld, Humor und Abenteuerlust, um China zu genießen. Aber nach Xingping muss man unbedingt, denn hier, am Li-Fluss, befindet sich eine der schönsten Stellen der Wasser- und Karstlandschaft. Sie ist auf dem chinesischen 20-Yuan-Schein abgebildet, weshalb viele Besucher das Geld in der Hand halten, um Sein und Schein zu vergleichen. Dem Japaner Katsuyuki Hayashi gefiel es hier so gut, dass er sich vor elf Jahren nur wenige hundert Meter entfernt niederließ. Der Gemeinde spendete er eine öffentliche Toilette, die er selbst erbaute. Nicht ganz uneigennützig, denn wer hier mal muss, kommt an Hayashis kleinem Hotel vorbei. Auch er ist mit einer Chinesin verheiratet. Seine Frau Dong Bincai verliebte sich in ihn, als sie einen TV-Bericht über den guten Toilettenbauer von Xingping sah. Jetzt haben sie gemeinsam einen dreijährigen Sohn, er heißt Kitaro und tollt den Felsen entlang.

Von hier brechen niederländische Touristen zu Wandertouren auf. Nicht weit entfernt erklimmen Bergsteiger neben Reisfeldern den fast 90 Grad steilen Tongmen-Hügel. "Yangshuo ist Chinas bester Ort, um Felsen zu besteigen. Es gibt 200 Routen", sagt Kletterlehrer Zhang Yong. 40 Prozent der Bergsteiger sind Frauen. Gut die Hälfte von allen kommt aus Europa und den USA. Ob wohl Yangshuo so viele Ausländer anzieht, eignet es sich hervorragend, um Chinesen kennenzulernen. Denn aus dem einstigen Mekka für Rucksacktouristen aus aller Welt wurde ein Mekka für junge Einheimische, die Englisch sprechen wollen. Jenseits von Nepp und Sextourismus plaudern und flirten Chinesen und Ausländer auf Straßen und in Bars. In Schulen werden Englischkurse für Einheimische angeboten. Michael Witkowski aus München hat es auf einer zum stellvertretenden Schulleiter gebracht. Und er fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat: "Hier treffen sich der Westen und der Osten."

Mitarbeit: Ellen Deng

Hin mit dem Rad, per Flossfahrt zurück

Anreise

Nächster Flughafen ist Guilin. Flug von Peking 2 Stunden 50 Minuten, von Shanghai 2 Stunden und 10 Minuten und von Hongkong 1 Stunde und 25 Minuten. Ein Taxi vom Flughafen nach Yangshuo (knapp zwei Stunden) kostet ca. 35 Euro.

Beste Reisezeit

Mai bis Oktober

Geld

Die Währung in China ist Yuan (ein Euro entspricht etwa zehn Yuan), Kreditkarten werden nicht überall akzeptiert.

Telefon

Vorwahl von Yangshuo von Deutschland aus: 0086/773

Angebote und Preise

Die Show "Impression Sanjie Liu" beginnt jeden Abend um 20 Uhr. Eintritt ca. 18 Euro. Tickets können über das Hotel oder unter Tel.: 881 19 82 reserviert werden. Fahrräder werden vor Hotels und in der West Street verliehen. Miete pro Tag ca. 1 Euro. Floß: Schiffer bieten überall an den Flüssen ihre Dienste an. Der Preis ist Verhandlungssache, je nach Strecke bis zu 18 Euro. Ein Kurs im Bergsteigen kostet für vier Stunden 18 Euro pro Person.

Übernachten

Paradesa, 116 West Street, Yangshuo, Tel.: 882 21 09, www.paradiseyangshuo. com. Standardzimmer je nach Jahreszeit 30 bis 63 Euro. Das Vier-Sterne-Hotel ist das älteste und komfortabelste an der West Street. Hong Fu Palace, 79 West Street, Yangshuo, Tel.: 882 94 89, www.yangshuohongfuhotel. com. Standardzimmer je nach Jahreszeit 20 bis 25 Euro. Im nachgebauten, traditionellen chinesischen Stil, hohe und geräumige Zimmer. West Street Hostelling International, 102 West Street, Yangshuo, Tel.: 882 09 33. Einfache Zimmer, je nach Jahreszeit 12 bis 27 Euro.

Essen und Trinken

Chinesische und westliche Restaurants konzentrieren sich an der West Street. Spezialitäten: Bierfisch (4 Euro) und Muscheln (1 bis 2 Euro).

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