Grand Prix von Monaco Der Zauberer im Regen


Der diesjährige Formel-1-Jagd durch das Fürstentum wird unvergessen bleiben: Ein Crash nach dem anderen, ein gebrochener deutscher Außenseiterpilot und ein Weltmeister, der wie ein Anfänger fuhr - am Ende hatte nur Einer alles richtig gemacht und der feierte seine Wiederauferstehung.
Von Elmar Brümmer, Monte Carlo

Das beste Gegenmittel gegen die in der Formel 1 um sich greifende Mosleyitis ist immer noch ein zweistündiges Autorennen unter wechselnden Witterungsbedingungen und mit Verbot der Traktionskontrolle.

Der Große Preis von Monaco wurde dadurch zwar zum Chaos mit Ansage, aber auch mit Abstand zum unterhaltsamsten Rennen seit dem Saisonauftakt in Melbourne, als sich die Autos auch stapelten. Die Casino-Mentalität endet bei der 66. Auflage des Rennens mit einer neuen Spielfarbe: Alles auf Silber!

Beste Taktik von Silber

Wenn alle Dramen glimpflich verlaufen (mit Ausnahme für das Rennergebnis natürlich), darf auch ein großer Sieger gefeiert werden: Für Lewis Hamilton ist der Triumph nach 76 der eigentlich vorgesehenen 78 Runden eine Genugtuung mit einem Jahr Verzögerung. Im Vorjahr wurde ihm von McLaren-Mercedes verboten, seinen Teamkollegen Fernando Alonso anzugreifen, diesmal hatte er freie Fahrt - und am Ende stellte sich sein unfreiwilliger Leitplankenkuss in der 6. Runde sogar als großer Gewinn heraus. Die Ein-Wort-Bilanz des Briten, der sich mit dem Prestigesieg auch an die Spitze der Fahrer-Weltmeisterschaft katapultiert hat, ist ausnahmsweise keine Floskel: "Unglaublich!" Aber wahr. Alles auf die zahlreichen Unfälle zu schieben, wäre unfair gegenüber der Strategen in den Rennställen: McLaren-Mercedes hat mit einer klugen Tank-Taktik ebenso zu Hamiltons zweitem Saisonsieg beigetragen wie Ferraris gleichzeitiger Fehler bei der Reifenwahl von Felipe Massa. Alles richtig machte im Rennen der großen Unwägbarkeiten auch der Planungsstab von BMW: Robert Kubicas zweiter Platz war aber auch das Resultat einer gut dosierten Fahrweise.

Pech für Sutil

Unauffällig auffällig geworden zu sein, kann auch den beiden deutschen Rennfahrern bescheinigt werden, den unter regulären Bedingungen sonst nur die Außenseiterrolle bleibt: Adrian Sutil hielt sich mit dem Force India dank einer ebenso klugen wie beherzten Herangehensweise an die ständig wechselnden Streckenverhältnisse bis acht Runden vor Schluss auf einem sensationellen vierten Platz, nachdem er von Position 18 aus gestartet war.

Dann knallte ihm der schlingernde Weltmeister Kimi Räikkönen ins Heck, und der Gräfelfinger wurde zum gebrochenen Mann – anders lässt sich das dramatische Bild, als er sich in der Box über die Werkbank beugt, nicht deuten.

Haug euphorisch

Mit ruhiger Zockermentalität hat auch Sebastian Vettel die Runden im Auto-Roulette bewältigt – und stand plötzlich auf dem fünften Platz, Prädikat: bester Deutscher. Nick Heidfeld nach einer rüden Attacke Fernando Alonsos, Timo Glock nach ungezählten Drehern mit dem Toyota, und Nico Rosberg nach der Verschrottung seines Williams blieben nur Tränen, Wut und Trotz. Aus den geschilderten taktischen Gründen dürfen heute die zu Wort kommen, die sonst hinter den Fahrer-Interviews immer zurückbleiben müssen. Mercedes-Sportchef Norbert Haug summierte das Monaco-Erfolgsrezept: "Beste Strategie, bester Speed und bestimmt auch ein bisschen Rennglück. Für mich ist unser sechster Sieg in Monaco der bisher großartigste." Einmal noch darf ihn Hamilton, der damit die ganze schon rot angepinselte Weltmeisterschaft wieder spannend gemacht hat, unterbrechen: "Das heute ist der Höhepunkt meiner Karriere."

Ein einziges Drama

BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen hat die Achterbahnfahrt der Gefühle, bei der er zwischenzeitlich sogar an den ersten Grand-Prix-Sieg von BMW-Sauber denken durfte, regelrecht genossen: "Der Wettergott hat uns hier in Monaco das erwartete Drama beschert. Es ging darum, im Rennverlauf ständig die Strategie anzupassen. Robert ist das hervorragend gelungen." Wer Nachhilfe im Zocken braucht, kann sich die nächtlichen Pokerwettbewerbe im Sportfernsehen sparen – er soll sich lieber eine Wiederholung des sechsten Formel-1-Laufs besorgen.


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