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Großer Preis von Großbritannien: Hamilton behält die Nerven

Diesen Triumph hat er herbeigesehnt: McLaren-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton krönte sich zum "Regenkönig" von Silverstone. Wieder einmal behielt der junge Brite die Nerven und übernahm die WM-Führung. Aus den haushohen Favoriten in den italienischen Rennwagen wurden dagegen begossene Pudel.

Von Elmar Brümmer, Silverstone

Das Prädikat "Regenkönig" wird in der Formel 1 selten verliehen, es haftet immer noch Ayrton Senna an, 1993 erworben beim britischen Grand Prix. Der silbergraue Himmel über Silverstone sorgte am Sonntag für eine Wachablösung: Nach mehr als anderthalb Stunden zwischen Chaos, Farce und Können triumphierte Lewis Hamilton vom vierten Startplatz aus mit über eine Minute Vorsprung vor dem BMW-Piloten Nick Heidfeld. Es ist derjenige von seinen bislang sieben Grand-Prix-Siegen, den er am meisten ersehnt hat - und den ganz England von ihm forderte. "Nach all den Aufregungen der letzten Woche, widme ich ihn meiner Familie", sagte Hamilton nach der Siegerehrung, bei der er oben auf dem Podium die Hände wie zur Offenbarung gen Himmel hob.

Die Sonntagszeitungen hatten noch dick gemahnt, der 23-Jährige solle endlich auf der Rennstrecke wieder zeigen, dass er ein Großer ist - nicht nur bei den zahlreichen Galabesuchen. "Vielleicht sollte er jetzt häufiger auf den roten Teppich gehen", unkte Mercedes-Sportchef Norbert Haug, nachdem der Brite alle nass gemacht hatte. Mit seinem dritten Saisonsieg und einer Minute und sieben Sekunden Vorsprung auf den ebenfalls bravourösen Nick Heidfeld im BMW hat sich Hamilton für den Dreikampf beim Großen Preis von Deutschland in zwei Wochen positioniert: Er führt dank mehr Siegen die WM-Wertung vor den Ferrari-Piloten Kimi Räikkönen und Felipe Massa, die ebenfalls 48 Punkte auf dem Konto haben, an.

Aus haushohen Favoriten wurden begosssene Pudel

Aus den haushohen Favoriten in den italienischen Rennwagen wurden begossene Pudel: Räikkönen blieb nach einem Strategiefehler nur der vierte Rang, Felipe Massa blieb nach unzähligen Drehern Letzter. Wie unberechenbar die Rutschpartie war, zeigte sich am dritten Platz von Rubens Barrichello, der mit dem Honda von Rang 16 aus gestartet war. Sebastian Vettel und Adrian Sutil wurden früh Opfer der Verhältnisse, Nico Rosberg kam als Neunter und Timo Glock als Zwölfter ins Ziel. Aber durchkommen bedeutet an diesem außergewöhnlichen Tag alles. Auch Heidfelds wichtigstes Fazit in der Gischt war: "Ich habe das Auto auf der Strecke gehalten - und bin super zufrieden."

"Bei weitem war es das härteste Rennen, das ich je gefahren bin. Es ist sicher auch das beste", sagte der Triumphator, "es war so extrem da draußen. Manchmal habe ich nix mehr gesehen. Und am Ende habe ich nur noch gebetet: Bitte, bitte, lass mich dieses Rennen zu Ende fahren." Immer, wenn es zum Chaos kommt, behält Hamilton die Nerven, das war beim Saisonauftakt in Melbourne so und zuletzt im Mairegen von Monaco. Von reinem Glück mag aber selbst der kritische Niki Lauda nicht sprechen: "Das war die Reifeprüfung von Hamilton, absolut meisterlich. Ich habe noch nie eine solche Fahrt unter solchen Bedingungen gesehen." Vergleichbar ist nur der Sieg Hamiltons im letzten Herbst im Monsun unter dem Berg Fuji.

Ferrari verliert die Reifen-Lotterie

Hamilton machte seinen Mut der Verzweiflung schon am Start deutlich, jeden Moment drohen sich die beiden McLaren-Mercedes-Kollegen - Heikki Kovalainen startet eigentlich aus der für den Lokalmatador reservierten Pole-Position - von der Piste zu rammen. Im Aquaplaning holte Kimi Räikkönen auf, und hing vor dem ersten Boxenstopp nach dem ersten Drittel der 60 Runden am Auspuff des Silberpfeils. Gemeinsam fuhren sie in die Gasse, und in gleicher Reihenfolge wieder heraus. Sofort zog Hamilton davon. Er ist auf frischen Allwetterreifen unterwegs, Räikkönen hat die alten Pneus noch drauf, als ein Schauer einsetzt. Pro Runde macht der Brite jetzt fünf Sekunden gut, damit ist das Rennen entschieden, Ferrari hat die Reifenlotterie verloren.

Das beste Überholmanöver des Tages aber muss Nick Heidfeld gutgeschrieben werden: Als auch Heikki Kovalainen ansetzt, an Räikkönen vorbei zu gehen, sind die beiden Finnen so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass der heranstürmende Mönchengladbacher mit seinen Regenpneus mit der Leichtigkeit eines Riesenslalomfahrers an beiden vorbeigeht und Zweiter ist. Der BMW-Pilot ist der einzige im Feld, der sich nicht gedreht hat. "Das Überholen war sogar einfacher, weil ich die richtigen Reifen hatte." "Für Nick war das heute der Befreiungsschlag", freut sich BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. Aus dem greifbar nahen dritten Platz für den Polen Robert Kubica wurde nichts, ihm rutschte zu Beginn des letzten Renndrittels das Auto in einer Pfütze weg. Es war ein Grand Prix, der über die Wasserstandsmeldungen entschieden wurde. Anzunehmen, dass in der Ferrari-Strategiezentrale ein paar Signores ziemlich nasse Füße bekommen haben.

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