Ralf Schumacher Hoffen auf ein blaues Wunder


Nach dem enttäuschenden Saisonauftakt steht Favorit BMW-Williams in der Formel 1 unter Druck: Der Titel muss her. Für Fahrer Ralf Schumacher gilt das Gleiche. Und nebenbei geht's um seinen Job

Trost und Verzweilung werden im Albert Park von Melbourne durch niedrige Gartenzäune getrennt. Ralf Schumacher steht mit dem Rücken zur Garagenwand hinter der Boxengarage, und schaut er zum Nachbarn linker Hand rüber, sieht er die Prosecco-Gesellschaft von Ferrari. Nach dem doppelten Triumph im ersten Rennen verfrachten die Italiener beschwingt ihre roten Materialkisten. Blickt er übers andere Gatter nach rechts, schultern dort die Mechaniker von McLaren-Mercedes Fahrzeugteile, ähnlich schleppend, wie ihr Silberpfeil lief. Der Standort von Ralf Schumacher und BMW-Williams ist nach dem Saisonauftakt der Formel 1 äuáerst bezeichnend: Irgendwo zwischen Sekt und Selters.

Vierter ist er geworden, vor seinem Teamkollegen Juan Pablo Montoya, gedruckt sieht das gar nicht so schlecht aus. Aber für Ralf Schumacher ist es viel zu wenig, so wie für den Rennwagen von BMW-Williams anderthalb Sekunden Rückstand pro Runde auf Ferrari viel zu viel sind. Bei dem Vertrauensvorschuss, den die großen Herausforderer vor der Saison genossen, bedeutet das: hinterhergefahren. Den anderen - und den eigenen Erwartungen. Das Etikett des Geheimfavoriten muss vorerst verschämt nach innen getragen werden. Dort kratzt es und steigert, wenn sich der erste Schock erst mal gelegt hat, den Druck: auf Fahrer und Team.

"Es ist ein sehr, sehr wichtiges Jahr für uns alle, weil wir davon ausgehen, dass wir eine Weltmeisterschaft gewinnen können", sagt Ralf Schumacher, "BMW hat als Konzern lange genug herumgedoktert und investiert, deshalb ist die Erwartungshaltung natürlich sehr hoch. Man kann nicht im einen Jahr um die WM mitfahren und im nächsten behaupten, man ist zufrieden, wenn man Dritter wird."

Bitterkeit bleibt nach der ersten Probe aufs Exempel. Einem Exempel, dass Ferrari kraft seiner Überlegenheit statuiert hat. Ralf Schumacher sagt: "Die Erwartungen müssen wir jetzt zurückschrauben. Wir beginnen wieder bei null." Und BMW-Williams muss erst mal da hinkommen, wo man eigentlich anfangen wollte.

Der Rückwärtsgang will nur knirschend greifen. Ralf Schumacher und sein Team, zumindest dessen BMW-Part, sind eine Schicksalsgemeinschaft. Für den 28-Jährigen, der längst der beste deutsche Fahrer wäre, wenn es nicht diesen Bruder gäbe, ist die Warmlaufphase endgültig vorbei. Er sagt: "Ich bin nicht zu 100 Prozent glücklich mit meiner Karriere. Ich bin sehr lange in der Formel 1, auch sehr erfolgreich, aber es hat bisher nie zur WM gereicht." Es wäre die größte Befriedigung, das mit Williams zu schaffen, wo er 1999 am Tiefpunkt des Teams begann: "Dabei weiß ich gar nicht, ob ich 2005 noch bei Williams bin." Also alles oder nichts? Mag er denken, will er aber so nicht sagen: "Eher jetzt oder nie."

Mario Theissen

, Motorsportdirektor bei BMW, macht daraus: "Jetzt gilt's." Seit dem Jahr 2000 hat seine Truppe den eigenen strammen Marschplan zur Spitze immer übererfüllt. Diesmal geht's ums Ganze: "Es ist das erste Jahr, in dem wir den Anspruch erheben, um den Titel mitzufahren." Auf Konzernebene ist die Formel1 eine Prestigesache, Premiummarke.

Der BMW-Vorstand hatte im vorigen Sommer erst nach längerem Zögern den Kontrakt mit dem britischen Partner Williams um fünf Jahre verlängert. Sogar der Ausstieg schien möglich, doch Entwicklungschef Burkhard Göschel machte sich fürs Weitermachen stark. Viele hätten gern ein rein bayerisches Werksteam gesehen; umgekehrt konnte man den Spezialisten aus Mittelengland wenigstens eine leistungsbezogenere Honorierung abringen. Der hausgemachte Druck ist also ganz beiderseits. Ausreden zählen nicht.

Hat sich BMW-Williams nach den viel versprechenden Testfahrten etwas vorgemacht? Es lief alles prima, und auch beim Großen Preis von Australien hielt der Motor problemlos das ganze Wochenende, das Auto machte keine Zicken. Nur am Tempo fehlte es. "Letztes Jahr wussten wir am Anfang, dass wir nicht gut sein würden. Diesmal dachten wir, wir wären schneller, aber schneller konnten wir nicht fahren. Das Problem ist, dass es nicht nur eine Wunde gibt, auf die wir den Finger legen müssen", sagt Ralf Schumacher. Es ist das Resultat einer defizitären Mischung von Aerodynamik, Ballast und Reifen.

Der erste Misserfolg hat die Krisenherde im Team umgehend aufflackern lassen. Juan Pablo Montoya, der 2005 für McLaren-Mercedes fährt, scheint schon jetzt vieles egal zu sein. Der schnell beleidigte PS-Macho brach in Melbourne eine Pressekonferenz ab, nachdem ihn ein paar Spaßvögel provozierten. Dann ließ er die Vertreter eines Münchner Versicherungskonzerns beim Sponsorentermin stehen. Und Ralf Schumacher ist sichtlich genervt über das auf dem Boulevard ausgetragene Pingpongspiel mit Teamchef Frank Williams um seine Vertragsverlängerung.

Schumacher geht es um Ehre

und Gewissen, nachdem man sich mündlich schon geeinigt hatte. Er sagt: "Für mich ist das kein Poker, und meine Verärgerung hat weniger mit Geld zu tun. Ich bin dem Team sehr wohl entgegengekommen, und das meiste war auf Erfolgsbasis ausgehandelt. Ich bin der Meinung, dass man dazu steht, wenn etwas ausgemacht ist. Es muss mir auch im Team Spaß machen, und das ist schwierig, wenn man sich nicht auf seine Partner verlassen kann." Damit der Stress nicht noch größer wird, gibt es keinen Stichtag mehr für weitere Verhandlungen. Die Umstände sollen ihn beim Fahren nicht belasten: "Ich bin dieses Jahr trotz allem in einem siegfähigen Auto, das ist das Einzige, was zählt, und ich möchte gern die WM gewinnen. Mehr denn je. Alles andere wird sich ergeben - oder auch nicht." So locker, wie das klingt, ist es aber nicht. Vom ersten Rennen an hat BMW-Williams zusätzlich zur technischen Aufholjagd nun auch noch das, was man als Letztes gebrauchen kann: Unruhe in der Mannschaft. Nur Ferrari kann sich darüber freuen.

BMW sind die Hände gebunden, weil die Fahrerverträge traditionell Teamsache sind. Allerdings nur so lange, wie nicht das ganze Unternehmen gefährdet wird. Williams war in seiner Teamgeschichte noch nie so lange ohne Titel wie jetzt. Das trägt bei Frank Williams und Partner Patrick Head auch nicht gerade zur Entspannung bei. Es ist ein Wettrennen der Sturköppe, obwohl die gegenseitigen Abhängigkeiten doch klar sind. Als Williams es sich noch leisten konnte, selbst Weltmeister als kleine Angestellte zu deckeln, hatte das Team ein überlegenes Auto. Jetzt aber braucht der Rennstall Top-Fahrer, die den Wagen entwickeln. Umgekehrt braucht Ralf Schumacher, wenn er der Beste in der Formel 1 werden will, auch das bestmögliche Auto. Bei Alternativen wie Renault und Toyota, mit denen er gerüchteweise verhandelt, müsste er Abstriche machen. Eines spricht für einen weiteren Zweckehevertrag der Paarung Williams/Schumacher: Sie kommen vielleicht nicht gut miteinander aus, aber sie wissen, dass sie miteinander gewinnen können.

Es ist kein Zufall, dass sich Ralf Schumacher ausgerechnet in dieser vertraglich wie sportlich unglücklichen Situation neu positionieren will. Die ihm jahrelang zugeschriebene Rotzigkeit hat er durch bewusste Respektlosigkeit ersetzt, endlich will er dem Klischee vom Bruder Leichtfuß davonfahren: "Ich bin das Weichei-Image satt. Für mich waren und sind viele Dinge in meinem Job selbstverständlich, und durch diese Haltung sind Geschichten wie ,Der sieht's nicht so eng" in Umlauf gekommen. Das ist nicht wahr, das will ich geraderücken." Das klingt so, als wolle er es mit der ganzen Welt aufnehmen. Zumindest mit dem Weltmeister. "Ich will nicht mit meinem Bruder crashen, aber ich bin jetzt kompromisslos. Letztendlich will ich die WM gewinnen, dann muss ich auch an ihm vorbei. Also sage ich: Irgendwann ist mal Schluss mit lustig."

Er wirkt, als habe er im Winter

seine rennfahrerische Pubertät nachgeholt und abgeschlossen. Er hat regelmäßig seinen Fitnesstrainer rausgeklingelt, ohne Murren öde Reifentests abgespult, hat den Dickkopf der Analytik geopfert, Sichtweisen und Ton geschärft. Wie einer, der sich häutet. Nicht ein neuer, der wahre Ralf soll hervorkommen. Die böse Überraschung von Melbourne zeigt indes: Lebensentwürfe in der Formel 1 sind immer einer rasenden Dramatik unterworfen.

Der Große Preis von Malaysia bietet am kommenden Wochenende die Chance zur Wiedergutmachung, wenngleich zwischen zwei Überseerennen technisch keine großen Verbesserungen möglich sind. Aber die Piste von Sepang liegt Ferrari traditionell nicht besonders, die Hitze sollte den Michelin-Reifen besser bekommen. Die eigentliche Hoffnung liegt auch darin, dass BMW-Williams im Vorjahr einen viel größeren Rückstand wettmachen musste - und konnte. "Ferrari hat uns da leider einige Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben", sagt Ralf Schumacher.

Natürlich wird Ralf Schumacher weiter an seinen plakativen Aussagen gemessen. Er darf nur nicht verkrampfen dabei. Bei Nichterfüllen der eigenen Ansprüche bliebe nur mehr ein Titel übrig, den bisher McLaren-Mercedes-Pilot David Coulthard abonniert hatte: der Titel des Ankündigungsweltmeisters.

Elmar Brümmer

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