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French Open: Petkovic überrascht sich selbst

Vor einem Jahr dachte Andrea Petkovic in Paris an das Ende ihrer Tennis-Karriere. An gleicher Stelle feiert sie nun den größten Erfolg ihrer Karriere. Daran geglaubt hat die 26-Jährige selbst nicht.

Für einen kurzen Moment erinnerte sich Andrea Petkovic zurück. Paris, ein Jahr zuvor im Mai 2013. In der zweiten Qualifikationsrunde war die heute 26-Jährige an der Chinesin Yi-Miao Zhou gescheitert. Der Tiefpunkt ihrer Karriere. Nach zahlreichen Verletzungen dachte Petkovic damals ans Karriereende. "Innerlich hatte ich schon zwei, drei Mal die Kündigung unterzeichnet. Ich war mit mir und der Tenniswelt nicht mehr im Reinen. Es gab keinen Spaß mehr, keine Hoffnung", sagte sie kürzlich. Ein Jahr später am Tag ihres bislang größten Triumphes kamen diese Erinnerungen wieder hoch. "Ich bin so froh, dass ich es nicht gemacht habe", erzählte Petkovic kurz nach ihrer historischen Leistung.

In nicht für möglich gehaltener Steffi-Graf-Manier stürmte
Petkovic in das Halbfinale der French Open. 15 Jahre
nach dem letzten Triumph der "Gräfin" in Paris hat das deutsche Tennis-Sternchen mit dem
phänomenalen 6:2, 6:2 gegen die überforderte Italienerin Sara Errani
wieder Hoffnungen auf den ersten deutschen Grand-Slam-Coup im neuen
Jahrtausend geweckt. Mit einem Erfolg über die Rumänin Simona Halep
könnte Petkovic den größten Erfolg ihrer
Karriere heute (ab 16.20 Uhr) noch ausbauen - und wie Sabine Lisicki vor elf Monaten in
Wimbledon ein Grand-Slam-Endspiel erreichen. "Ich hätte nie gedacht,
dass ich hier im Halbfinale bin", gab Petkovic in Paris zu.

Zweifelsohne ist die Darmstädterin in der Form ihres Lebens. Auch wenn ihre persönliche Bilanz gegen Halep 1:2 lautet: Nach dem Erfolg über Errani erscheint sogar der ganz große Coup möglich. Beim Turnier in Nürnberg 2013 hatte Petkovic zuletzt im Finale gegen Halep antreten müssen und verloren.

"Ich hätte selbst nicht erwartet, dass ich heute so ein gutes Match spiele"

Doch nun überrascht sich Petkovic selbst. Als eine Rückhand von Errani nach nur 63 Minuten am Mittwochabend aus
dem blauen Abendhimmel seitlich im Aus aufschlug, streckte Petkovic
sekundenlang die Arme jubelnd in die Höhe. "Als ich sah, dass er weit
oben war, und er war so langsam, da habe ich zu Gott gebetet, dass er
ins Aus geht", schilderte Petkovic ihre Gefühle beim Matchball auf
dem Court Philippe Chatrier, wo es nach dem Regen des Tages erst mit
drei Stunden Verspätung losgegangen war.

"Ich hätte selbst nicht erwartet, dass ich heute so ein gutes Match
spiele", sagte sie nach ihrem ersten Einzug in die
Vorschlussrunde bei einem der vier wichtigsten Tennisturniere. Auch
Erleichterung war dabei, als drei Jahre nach dem Viertelfinal-Aus und ein Jahr nach dem Tiefpunkt an
gleicher Stelle im insgesamt vierten Anlauf der Vorstoß in eine neue
Dimension perfekt war. Die Gratulationen ließen nicht lange auf sich
warten. Die vorzeitig ausgeschiedenen Angelique Kerber und Sabine
Lisicki meldeten sich sofort via Twitter. "Geil Petko, riesen
Glückwunsch", schrieb Kerber.





In der Regenpause ging Petkovic schlafen

"Ihr bestes Tennis in einem so wichtigen Match, das zeigt ihre
Qualität. Ich bin sehr stolz auf sie", sagte Bundestrainerin Barbara
Rittner. Sie verfolgte die Tennis-Demonstration vor Ort und durfte
sich außerdem noch über den Einzug von Julia Görges und Anna-Lena
Grönefeld ins Mixed-Finale freuen. Die drei Fed-Cup-Kolleginnen hatten einen
Teil der dreistündigen Wartezeit wegen Regens am Nachmittag gemeinsam
überbrückt, Petkovic legte sich dann sogar noch eine Stunde schlafen
und war anschließend deutlich entspannter. "Ich war so angespannt. Ich hatte das
Gefühl, als hätte jemand alle meine Nerven auf den Boden gespannt",
berichtete sie.

Nach dem 0:2 zum Start, heftigem Wind und letzten Regentropfen ließ
sie Errani keine Chance, attackierte die langsamen Aufschläge, wann
immer es ging und ließ sich von Fehlern nicht vom Plan abbringen. Im
zweiten Satz kam die Sonne heraus und ließ den grün-weiß-orangen
Dress von Petkovic leuchten, die vom Drumherum kaum etwas mitbekam:
"Ich war richtig im Tunnel. Bei 6:2, 5:2 habe ich mich gefragt: Werde
ich fest, Andrea? Nein, nicht heute, nicht jetzt."




nck/DPA / DPA

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