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1. Bundesliga: Fünf Fragen an das Relegations-Rückspiel

Der 120. Geburtstag der Berliner Hertha soll erstklassig gefeiert werden - im wahrsten Sinne des Wortes. Ob König Ottos Zepter sich im Relegations-Rückspiel gegen Düsseldorf mit der Macht der Göttin Fortuna messen kann und überhaupt ein Berliner-Team auf dem Rasen stehen wird, erklären wir in den Fünf Fragen.

Nach dem 2:1-Sieg von Fortuna Düsseldorf im Hinspiel der Bundesliga-Relegation stehen die Zeichen für Hertha BSC auf Abstieg. Die Alte Dame zeigt sich zwar nach außen hin äußerst rüstig, doch der Eindruck scheint zu täuschen. Das Spielermaterial ist rein faktisch gut genug, um die Klasse zu halten. Dennoch haben die Fortunen die große Chance, den Aufstieg perfekt zu machen.

Für die Berliner wäre der Abstieg ein zeitlich denkbar ungünstiger Augenblick, jährt sich doch in wenigen Wochen die Fahrt des Fritz Lindner auf dem Dampfer Hertha zum 120. Mal. Der gleichnamige Fußballclub aus der Hauptstadt möchte den runden Geburtstag gerne erstklassig zelebrieren, der erste Gratulant soll aus Düsseldorf kommen.

Allerdings sind die Fortunen beim Feiern äußerst egoistisch und wollen ihrerseits endlich wieder im Oberhaus auf Punktejagd gehen. In unseren Fünf Fragen an das Relegations-Rückspiel geht es dabei um Urlaubsansprüche, den Teamgedanken, die Frage nach einer Gottheit und die Einschätzung des Nervenkostüms.

Sind die Berliner noch ein Team?

Beim täglichen Blick in die Zeitungen dürften sich die Düsseldorfer gefreut haben, denn der Gegner macht vor dem finalen Akt der Relegation nicht den Eindruck, als homogene Einheit auftreten zu können. Den Vorwurf, ein Team zu sein, hat die Mannschaft von König Otto schon während der regulären Saison gnadenlos abgewiesen.

Beim letzten öffentlichen Training gerieten nun auch noch Christian Lell und Änis Ben-Hatira aneinander. Lell hatte seinen Kameraden im Zweikampf mehrfach überhart traktiert, dieser revanchierte sich mit einem versuchten Kopfstoß. Otto Rehhagel, René Tretschock, Sebastian Neumann und Andre Mijatovic mussten mit vereinten Kräften eingreifen.

Böse Worte fielen, am Ende wurde versucht, den gesamten Vorfall klein zu reden. Optimisten würden nun davon sprechen, dass Leben in der Mannschaft ist. Doch ob wirklich jeder Spieler die letzten Meter machen wird, um seinem Kollegen im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt unter die Arme zu greifen?

Schon nach dem Eigentor von Ramos verpassten es die Berliner, ihren Stürmer aufzurichten. Viele Spieler werden zudem nach der Saison den Club verlassen und es wirkt nicht so, als würde ein Wunder geschehen. Ganz anders sieht es in Düsseldorf aus, wo selbst den Club verlassende Spieler ihre Vita mit einem Aufstieg aufmöbeln wollen.

Ist Rehhagel der Abstieg egal?

Otto Rehhagel ist der dritte Berliner-Trainer in dieser Saison. Er wurde als Motivator geholt, sollte die Mannschaft aufbauen. Es scheint, als habe er diese Aufgabe ein wenig unterschätzt. Die Trainingsarbeit machen ohnehin René Tretschok und Ante Covic. Zu Beginn seiner Amtszeit erklärte Rehhagel, er habe in Berlin eigentlich nichts zu verlieren.

Damit irritierte er nicht nur die Fans, die ins Grübeln kamen, ob der alte Mann des Fußballs mit ganzem Herzen dabei wäre. Den Höhepunkt dieser Annahme lieferte der Trainer nach der Niederlage im Hinspiel. Dort wurde er gefragt, was der Abstieg für ihn persönlich bedeuten würde. Nun gibt es viele Antworten, die plausibel gewesen wären.

Der Fußballer an sich ist ein sogenannter Floskeler. Ein Floskeler ist nach der Bezeichnung im Duden Folgendes: Floskeler, der. Wortart: Substantiv, maskulin. Worttrennung: Flos/ke/ler. Nichtssagende Person; formelhafte, leere öffentliche Person. Beispiel: Der Floskeler umging einmal mehr die Fragestellung. Synonyme zu Floskeler: Plattitüder, Sky-Kommentator, Phraser, Fußballer. Rehhagel hätte sich also im Normalfall daran orientieren können.

Möglich wäre gewesen: "Der Abstieg würde mich als ehemaligen Spieler und verantwortlichen Trainer hart treffen. Aber so weit sind wir noch nicht, ich gehe davon aus, den Klassenerhalt zu schaffen." Stattdessen erklärte Rehhagel: "Für mich? Nächste Woche Dienstag nach dem Spiel ist es für mich zu Ende und dann fahr' ich in den Urlaub." Nicht nur bei Preetz entglitten die Gesichtszüge.

Gibt es nur eine Fortuna?

Die Glücksgöttin Fortuna, die ihren Status als Göttin zwar im christlichen Mittelalter verlor, dennoch häufig als glücksbringende Figur angesehen wird, hat ein Problem mit Berlin. Woran genau es liegt, ist historisch nicht belegt. Leidtragende in diesem Jahr ist die Hertha. Einer alten Dame in Regelmäßigkeit Nackenschläge zu verpassen, gehört in der Neuzeit kaum zum guten Ton.

Das scheint Fortuna egal zu sein. Die Düsseldorfer wurden im Verlaufe dieser Spielzeit mit Strafstößen förmlich überschüttet, für die Berliner gab es nur Eigentore. "Seitdem ich hier bin, machen wir jedes dritte Spiel ein Selbsttor", klagte schon König Otto. Das Eigentor von Ramos hatte sich Fortuna als Sahnehäubchen aufgehoben, um die Berliner endgültig zu brechen.

"Ein bisschen Glück beim Schuss hatte ich schon", erklärte zudem 1:1-Torschütze Thomas Bröker, der zuvor kaum aufgefallen war und beim Gegentor die Frage nach dem Schuldigen in der Verweigerung des Hochspringens direkt beantwortet hatte. Doch mit einer Göttin an der Seite gewinnt es sich leichter. Auch im Rückspiel hoffen die Düsseldorfer auf Beistand. Aber: Die Fortuna steht ebenso für Willkür und Unberechenbarkeit.

Haben die Berliner die Nerven?

Im Hinspiel brachen die Berliner nach gutem Beginn später komplett auseinander. Man hatte ordentlich gespielt, dabei die 1:0-Führung erzielt. Doch nach dem Gegentreffer in Halbzeit zwei blieb das Selbstvertrauen auf der Strecke. Die Sicherheit war dahin, alle Konzepte vom Winde verweht – das Drama nahm seinen Lauf.

Natürlich ist das Glas der Düsseldorfer halb voll, während in Berlin mit halb leeren Bechern gearbeitet wird. Ein Aufstieg ist angenehmer als der Abstieg und für die Berliner steht viel auf dem Spiel. Neben den Problemen innerhalb der Mannschaft wirkt der Trainer zeitweise teilnahmslos und die finanzielle Lage ist angespannt.

"Im Zweifelsfall muss man sich auf mehrere Jahre in der 2. Liga einstellen. Wir könnten ein grauer Zweitligist werden", malt Aufsichtsrat-Mitglied Andreas Schmidt gegenüber der Bild das Schreckensszenario an die Wand. Die Aufgabe wird in Düsseldorf ohne die Fans im Rücken nicht leichter und schon ein frühes Gegentor könnte das latent bröselige Hauptstadtkonstrukt zum Einsturz bringen.

Auswärts- oder Heimstärke?

Wie dem auch sei, die Vorzeichen sprechen gegen den Klassenerhalt der Berliner. Kein Team, das sich im Heim-Hinspiel geschlagen geben musste, schaffte im Rückspiel noch die Wende. "Heute ist erst Halbzeit. Wir wissen, dass wir in der Vergangenheit auswärts oft stärker waren als zu Hause", trotzte Preetz allen Unkenrufen.

In der Tat, wie Dr. Adolf Klenk in der Alpecin-Werbung stets intoniert, sind die Berliner in der Fremde gefährlicher, als in der heimischen Arena. Immerhin 16 Zähler wurden auf des Gegners Platz geholt, dabei erzielten die Berliner in sechs von 17 Spielen zwei oder mehr Tore. Der Hoffnungsschimmer wäre auch außerhalb Berlins zu sehen.

Wenn, ja wenn die Düsseldorfer nicht mit einer enormen Heimstärke kontern könnten. Nur eine Heimniederlage kassierte die Elf von Trainer Norbert Meier daheim, stand nur bei vier der letzten 51 Heimspiele als Verlierer auf dem Platz. Im direkten Vergleich gewannen die Berliner das letzte Auswärtsspiel am 30. August 2010 in Düsseldorf. Es war der zweite Spieltag im Aufstiegsjahr – damals war König Otto auch im Urlaub.

Gunnar Beuth

sportal.de / sportal

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