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Akademie für Fußballkultur: Denkfabrik zum Lederkult

Fußball und Intellektuelle, für echte Fans ein Ärgernis. Besonders dann, wenn Herren aus dem Feuilleton ihre Ergüsse nicht für sich behalten können. Für den Gedankenaustausch zum runden Leber gibt es jetzt auch noch eine eigene Akademie.

Für Ulrich Glaser ist Fußball das Größte - so groß, dass selbst die weitläufigste Sportarena dem Lieblingssport der Deutschen nicht annähernd gerecht würde. Um dem komplexen Phänomen "Fußball" genügend Raum zu geben, hat der Leiter des Nürnberger Amtes für Kultur und Freizeit vor rund zwei Jahren mit Gleichgesinnten die Akademie für Fußballkultur gegründet. Die derzeit noch bei der Stadt Nürnberg angesiedelte Denkfabrik zu allen Themen des runden Leders versteht sich als "Anspielstation im Mittelfeld","als ein "Stück Fußball jenseits des 1:O", wie es Glaser formuliert.

Die Akademie, die inzwischen bundesweit - hauptsächlich aber in Nordbayern - Veranstaltungen anbietet, sprengt den Rahmen dessen, was bisher landläufig unter Fußball verstanden wurde. Der Kampf um Tore und Punkte ist dabei nur Ausgangspunkt für ein intellektuelles Dribbling, das den Spuren des beliebten Breiten- und Leistungssports nachspürt. Denn eines war Glaser schon vor der Gründung klar: "Der gesellschaftliche Durchdringungsgrad des Fußballs ist enorm. Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Bereich, in den Fußball nicht reinspielt."

Kicken mit gesellschaftlicher Relevanz

Als Beispiel führt er die Fußballsprache an, die gerade bei Politikern immer beliebter wird. Das wundert ihn nicht. "Die Fußballsprache verwendet Begriffe, die von fast allen verstanden werden", erläutert Glaser. Schließlich sei der Fußballsport, den nach Umfragen rund die Hälfte der deutschen Bevölkerung lieben, "eines des großen gesellschaftlichen Themen". Aber auch die ökonomische Bedeutung von Fußball sei in den zurückliegenden Jahren immer mehr gewachsen. "Fußball ist ein Wachstumsmarkt", unterstreicht der Akademie-Initiator.

So scheint denn für die vom Fußballmagazin "Kicker" und der Nürnberger Norisbank unterstützten Fußball-Akademie eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Fußball dringend erforderlich - und das nicht nur während des derzeitigen WM-Booms. "Gerade nach der Fußball-WM ist es wichtig, dass jemand die zur Zeit geknüpften Fäden zusammenhält", betont Glaser. Die "Fäden" - das sind die zahlreichen Buch-Neuerscheinungen, Ausstellungen, Filme und Bühnenaktionen, die sich im Vorfeld des Championats mit den Randaspekten des Themas "Fußball" beschäftigen. "Schon jetzt bringen wir viele Spieler zusammen, die in dieser Konstellation sonst nie zusammenspielen würden."

Foren zu den " Besonderheiten der Fußballsprache"

Um die Arbeit der Akademie verstehen zu wollen, reicht ein Blick in das Jahresprogramm. Da diskutieren Sportstudenten auf einem Weiterbildungsseminar in Münster über die Besonderheiten der Fußballsprache. Auf dem Volkshochschultag in Berlin lädt die Akademie zu einem Fachgespräch über die schichten- und völkerverbindende Rolle des Fußballs ein. Eine Ausstellung im Nürnberger Rathaus setzt sich vom 19. April an mit dem Thema Frauenfußball auseinander. Das Motto: "Verlacht, verboten und gefeiert".

Das Verhältnis der Akademie zum Deutschen Fußballbund ist partnerschaftlich distanziert, zum Fußballweltverband FIFA unterhält sie gar keine Kontakte. Zu große Nähe zu den Fußballverbänden hält man bei der Akademie auch nicht für erstrebenswert. Auf Unabhängigkeit legen die Macher großen Wert - etwa wenn sie, wie unlängst geschehen, eine Runde von Fachjournalisten über den umstrittenen Markenschutz der FIFA während der bevorstehenden Fußball-WM diskutieren lassen. Derzeit bemüht sich die Akademie, die in diesem Herbst erstmals ihre Fußball-Kulturpreise vergibt, um weitere Partner in Künstler- und Wissenschaftlerkreisen sowie um zusätzliche Sponsoren.

Klaus Tscharnke/DPA

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