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Andrej Woronin: Eintänzer auf Leihbasis

Andrej Woronin bringt Hertha BSC auf Meisterkurs. Mit drei Treffern bezwingt der von Liverpool geborgte Ukrainer Angstgegner Energie Cottbus im Alleingang. Und lässt den Manager vor Freude hüpfen.

Von Mattias Wolf, Cottbus

So hat die Fußballwelt Dieter Hoeneß noch nie gesehen. Umringt von den Spielern tanzte der Manager von Hertha BSC auf dem Rasen des Stadions der Freundschaft. Hoch das Bein, wild wie beim Pogo - Szenen, die allein schon zeigen, das Bemerkenswertes passiert sein musste. "Es war ein besonderer Sieg", sagte Hoeneß, nachdem er noch betonte, er sei froh, die Tanzeinlage unverletzt überstanden zu haben, "dieses Spiel war ein Charaktertest." Nach fast sechs Jahren hat der Berliner Bundesligist mal wieder Angstgegner Energie Cottbus besiegt, mit 3:1.

Doch das war es nicht allein. Auf vier Punkte ist der Vorsprung in der Bundesliga angewachsen. Längst bestimmen die Fans die Musik zum Tanz. "Hey, was geht ab", singen sie, "wir holen die Meisterschaft." Da fällt die Zurückhaltung auch immer schwerer für Funktionäre wie Präsident Werner Gegenbauer, der vor dem Kabinengang jedem einzelnen Profi die Hand drückte. "Wir haben nur drei Punkte mehr als heute Morgen", sagte er und wirkte, als müsse er sich auf die Zunge beißen. Ebenso wie Hoeneß, der sich selbst von Statistiken, wonach 75 Prozent aller Meister auch Tabellenführer nach dem 23. Spieltag waren, "nicht locken" ließ.

Alles läuft für Hertha

Am deutlichsten wurde fast noch der besonnene Trainer Lucien Favre: "Alles läuft für uns." Der Schweizer hörte an diesem Tag gar nicht mehr auf zu lächeln. "Mir gefällt es immer, in Cottbus zu spielen", schrieb Favre in das dicke, rote Gästebuch der Lausitzer, "egal wie das Ergebnis ist." Irgendwas muss diesmal aus Sicht der sonst bei den Gegnern wegen ihrer rustikalen Art so unbeliebten Cottbusser ziemlich schiefgelaufen sein.

Und in der Tat: Die Hertha gewann nicht nur mehr Zweikämpfe, sondern beging auch mehr Fouls. Vor allem aber hatte sie einen effektiven Stürmer, der alle drei Tore erzielte. "Ein Woronin hat heute für uns gereicht", sagte der Cottbusser Präsident Ulrich Lepsch. Einen Kopfball, einen Abstauber und einen Slalomlauf durch die halbe Abwehr erfolgreich abgeschlossen - das sehenswerte Arbeitsprotokoll des Ukrainers, der ganz gelassen blieb. "Die Mitspieler servieren mir die Bälle sehr gut in den Lauf", untertrieb Andrej Woronin, der selbst viele Bälle erobert und verteilt, "ich muss sie nur noch reinmachen."

Woronin ist teuer

Zehn Tore hat er nun schon erzielt, hinter den Kulissen ist ein harter Kampf um seine Zukunft entbrannt, wie auch Favre unfreiwillig verriet: "Wir beschäftigen uns mit zwei, drei Spielern. Aber das ist geheim, dazu darf ich nichts sagen." Nach wie vor ist unklar, ob Hertha sich die Leihgabe vom FC Liverpool über die Saison hinaus leisten kann. Hoeneß spricht von der Wirtschaftskrise und dem großen Gesamtpaket Woronin, dessen Gehalt und Ablöse jeweils bei 4 Mio. Euro liegen sollen - da muss ein klammer Klub wie Hertha genau rechnen und abwarten.

Bis die Champions League erreicht wird. Parallel muss Hoeneß den Stürmermarkt nach billigeren Kräften sondieren - und mit der Furcht leben, dass ein anderer Klub Woronin lockt. Fürs Erste aber sind alle glücklich mit den Auswüchsen des Pokers. "Nichts ist uns lieber, als dass sich die Frage nach Woronin Woche für Woche mehr stellt", sagte Gegenbauer, der "nur genießen wollte".

Das Nicht-Tor von Jula

Doch muss nach diesem beeindruckenden Berliner Auftritt auch über einen weiteren Mann gesprochen werden, ohne den das Ergebnis nicht möglich gewesen wäre. Über den Cottbusser Stürmer Emil Jula. Der ist ein Koloss. 1,92 Meter groß und 85 Kilogramm schwer. Doch er wirkte ganz klein, als er gebückt in die Kabine schlich. "Ich bin untröstlich, dass ich die Mannschaft im Stich gelassen habe", stammelte der rumänische Angreifer, "unglaublich, was mir da passiert ist." Oft ist ja im Fußball die Rede davon, dass ein Tor ein ganzes Spiel auf den Kopf stellen kann. In diesem Fall war es ein Nicht-Tor.

Es lief die 30. Spielminute, als Dimitar Rangelow den Ball eroberte, präzise auf Stanislaw Angelow passte - und dieser Jula bediente. Der perfekte Angriffszug. Der Stürmer stand sieben Meter vor dem leeren Tor und hatte alle Zeit der Welt. Auch Julas Kollegen wie Daniel Ziebig hatten im Geiste schon die Arme zum Jubeln hochgerissen: "Ich habe gesehen, wie der Ball in die lange Ecke geht. Ja, der geht in die lange Ecke - und dann geht er vorbei." "Da ist das Spiel gekippt", sagte Torwart Gerhard Tremmel. Statt 2:0 in Führung zu gehen, kassierte Cottbus vier Minuten später das 1:1.

Diese vergebene Chance, befand auch der Berliner Dieter Hoeneß süffisant, tauche bestimmt in jedem Saisonrückblick auf - bei den kuriosesten, peinlichen Torheiten. Das 1:0, als dem Berliner Torhüter Jaroslav Drobny ein Freistoßball von Cagdas Atan durchrutschte, gehört auch dazu - aber diese Peinlichkeit blieb eine Randnotiz, "weil die Mannschaft mittlerweile die Siegermentalität hat, so etwas zu verarbeiten", befand Hoeneß. Auch auf schwierigem Terrain tänzelt Hertha leichtfüßig zum Titel.

FTD

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