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Borussia Dortmund: Klopp will das "Ghetto-Kid" zähmen

Nach Mohamed Zidan verpflichtet Borussia Dortmund den nächsten Problemfall: Kevin-Prince Boateng soll zeigen, dass er mehr ist als ein ehemals hochgelobtes Talent. Bei den Tottenham Hotspurs scheiterte er gnadenlos.

Von Marcus Bark, Marbella

Den Menschen, die an der Börse in den vergangenen Wochen ein Vermögen verloren haben, sei Jürgen Klopp empfohlen. Das gilt auch für Eheleute, die vor einer schmutzigen Scheidung stehen. Im Grunde scheinen alle tief Verzweifelten ein Fall für Klopp zu sein. Dass Kevin-Prince Boateng zumindest für das nächste halbe Jahr bei Borussia Dortmund Fußball spielen wird, ist daher folgerichtig. Was Boateng, 21, in den letzten Monaten in England erlebt hat, kann in puncto Verzweiflung für einen Fußballer kaum übertroffen werden.

Boateng galt als das größte Talent aus der für ihre Qualität gerühmten Nachwuchsschule von Hertha BSC, als er mit 18 Jahren zum ersten Mal in der Bundesliga spielte. Viele sahen in ihm schon einen Nationalspieler. Die Entwicklung stockte zwar, aber die Tottenham Hotspurs überwiesen im Sommer 2007 immer noch fast 8 Mio. Euro, um den damals 20 Jahre alten Boateng zu verpflichten.

Boateng: Bin reifer geworden

"Es hat aus unterschiedlichen Gründen, auf die ich nicht näher eingehen möchte, in England nicht geklappt", sagte Boateng am Montag, als er im Trainingslager von Borussia Dortmund im spanischen Marbella vorgestellt wurde. Er fügte artig an, dass er natürlich reifer geworden und die Premier League, in der er 14-mal zum Einsatz kam, ihm "eine gute Schule in Tempo und Aggressivität" gewesen sei.

Es waren höfliche, besonnene Töne eines Spielers, der nur noch weg wollte von der Insel, als die Dortmunder vor ein paar Tagen Interesse anmeldeten. Der Verein hatte es schon im vergangenen Sommer versucht, aber damals verlangte Tottenham zu viel Geld. Dieses Mal reichte eine Leihgebühr im niedrigen sechsstelligen Bereich - und eine persönliche Intervention Boatengs. Er wird gebettelt haben um seine Rückkehr nach Deutschland. "Alles, was mit Glück zu tun hat", empfinde er über den Wechsel. "Ich freue mich über alles, sogar über das Essen mit der Mannschaft."

Der Junge vom Berliner Kiez

Fußballlehrer Klopp plant Boateng für eine Halbposition in einer Mittelfeldraute ein. Als Hilfesteller für tief Verzweifelte bezeichnete der Trainer die Heilungschancen seines neuen Profis als ausgezeichnet: "Es ist gut, wenn die Leute mal spüren, dass das Leben keine Autobahn ist", sagte er. Die schmerzlichen Erfahrungen in England hätten "eine perfekte Ausgangssituation für Kevin und den Verein" geschaffen.

Kevin-Prince Boateng, Sohn eines ghanaischen Vaters und über seine deutsche Mutter entfernt verwandt mit dem verstorbenen 54er-Weltmeister Helmut Rahn, fuhr schon vor seiner Zeit in London im Höllentempo durch die kurvigen Strecken des Lebens. Er bezeichnete sich als "Ghetto-Kid" aus Berlin-Wedding, hatte wegen seiner Vorliebe für Rap nichts gegen den Ruf als Fußball-Gangsta und sagte einmal: "Ohne den Fußball wäre ich wahrscheinlich kriminell geworden."

Boateng suchte den Konflikt

Der Junge von der Straße suchte den Konflikt mit Menschen, die ihn nach noch gültigem deutschen Standard erziehen wollten, wie etwa Berlins Manager Dieter Hoeneß. Klopp, der den Patienten Mohamed Zidan - gescheitert und geflohen in Bremen und Hamburg - als Referenz vorweisen kann, will andere Methoden anwenden. Details behielt er für sich, er sagte nur: "Meistens sind die Jungs nicht im Ansatz so schwierig, wie sie gemacht werden."

Boateng, dessen Halbbruder Jérôme für den HSV spielt, legt sich voller Vertrauen auf die Couch: "Jeder weiß doch, dass Klopp auf verrückte Typen steht." Dann drängte man das Ghetto-Kid zur Abfahrt. Im Golfhotel mit fünf Sternen wurde das Mittagessen angerichtet.

FTD

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