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2. Bundesliga Das kleine Wunder von Braunschweig


Eintracht Braunschweig ist die Überraschungsmannschaft der 2. Bundesliga. Während überall schon vom Aufstieg gesprochen wird, bleibt der überragende Tabellenführer bescheiden.
Von Dominic Graf

Auch Tabellen sind Ansichtssache. "Das sieht ganz schwer nach Aufstieg aus", prognostizierte Wolfsburgs Trainer Felix Magath. Sein Braunschweiger Kollege Torsten Lieberknecht stapelte lieber tief: "Wir haben jetzt 13 Punkte Vorsprung auf Platz 16 - das ist für uns erst einmal ein großes Pfund." Das waren zwei subjektive Bewertungen der Tabelle nach Spieltag fünf. Objektiv sah es wie folgt aus: Seit 15 Jahren war kein Team mehr in der 2. Bundesliga so gut gestartet wie Eintracht Braunschweig. Fünf Siege aus fünf Partien. Macht 15 zu 0 Punkte. Aufstieg? "Das hätte überdimensionale Folgen", meint der Coach, um dann wieder auf die Euphoriebremse zu treten. Denn Bescheidentheit ist Trumpf bei Lieberknecht. Daran ändert auch nichts, dass die Eintracht ein Unentschieden bei Kaiserslautern, einem der Topfavoriten für den Aufstieg, holte, am Samstag gegen Bochum klar gewann und auch nach neun Spieltagen ungeschlagen ist und ihren Vorsprung auf Platz 16 auf 17 Zähler ausbauen konnte.

Und selbst wenn die Saison "nur" mit dem Klassenerhalt enden sollte - was Lieberknecht aus dem Team gemacht hat, ist eine Erfolgsstory, wie sie der Profifußball nur alle Jahre erlebt. Es ist auch die Belohnung für den Mut eines Vereins, neue Wege zu gehen und einem Neuling unter den Fußballlehrern das Vertrauen zu schenken, statt auf einen alten Haudegen zu setzen.

Ziel ist das Liga-Mittelfeld

Als Lieberknecht im Mai 2008 Trainer bei dem niedersächsischen Club wurde, war der Traditionsverein am Rande des Absturzes. In den zwei Jahren zuvor versuchten sechs verschiedene Fußballlehrer die marode Truppe zu stabilisieren – ohne Erfolg. Lieberknecht selbst spielte damals noch aktiv für Braunschweig und kannte die Mannschaft sehr gut. So entschied dich die Vereinsführung für das Experiment, den jungen, unerfahrenen Spieler zum Coach zu machen, der damals noch leine Trainerlizenz hatte. Gemeinsam mit dem Co-Trainer Darius Scholtysik und dem Sportchef Marc Arnold erarbeitete sich das Trio einen Plan, den Deutschen Meister von 1967 wieder auf die Erfolgsspur zurückzuführen. Ruhig und kontinuierlich übten sie der Mannschaft ein Spielkonzept ein, das auf einer soliden Defensivarbeit und dem schnellen Umschalten basierte und inzwischen einen Vergleich mit der Dortmunder Spielkultur zulässt.

Nach zwei Spielzeiten unter Lieberknecht feierte Braunschweig den souveränen Aufstieg in die 2. Liga. Das Konzept war aufgegangen und die Mannschaft etablierte sich schon in ihrer ersten Saison im Mittelfeld der zweithöchsten Spielklasse. Mit dem achten Schlussrang wurde das Ziel vom Klassenerhalt locker erreicht. Doch anstatt in Euphorie zu verfallen und die Ambitionen für die nächste Saison noch höher zu schrauben, blieben die Verantwortlichen in Braunschweig bescheiden. "Es geht nur darum, den Verein zu etablieren. Wenn es wieder der achte Platz wird, ist es eine Sensation", so Lieberknecht.

Seit vier Jahren führt Lieberknecht nun ein Team, dessen Kern sich in dieser Zeit kaum verändert hat. Und darin ist wohl auch das Geheimnis des Erfolgs zu finden: Die Mannschaft ist über die Jahre zu einer Einheit verschmolzen, die ihre Möglichkeiten und Grenzen sehr gut einschätzen kann und kontinuierlich weiterentwickelt. Harte Arbeit, ein harmonisches Umfeld und Bescheidenheit prägen die erfolgreiche Kultur der Eintracht.

"Wir sind Erster, und zwar zu Recht"

Und jetzt steht Eintracht Braunschweig souverän an der Spitze der Tabelle und ganz Fußballdeutschland benimmt sich so, als sei der Aufstieg in die Bundesliga so gut wie perfekt. Obwohl die letzten Erfolge eine Welle der Begeisterung ausgelöst haben, meiden Trainer, Spieler und Funktionäre möglichst das "A-Wort". Die bisher gewonnenen Punkte werden als "Nebenprodukte" bezeichnet, die auf dem Weg zum erklärten Saisonziel - Liga-Mittelfeld – gut gebraucht werden. Tatsächlich ist diese Einschätzung realistisch. Ginge es nur nach Faktoren wie finanzielle Mittel, Zuschauerzahlen oder Marktwerte der Spieler, ist Eintracht Braunschweig eine mittelmäßige Zweitligamannschaft, die mit dem Aufstieg nichts am Hut hat.

Dennoch: Sieben Siege in neun Spielen, zwei Unentschieden, keine Niederlage und das beste Torverhältnis (16:3) weisen eine eindrückliche Konstanz aus, die die Eintracht zum Aufstiegskandidaten macht - ob sie nun will oder nicht. Auch Sportchef Arnold ordnet die letzten Ergebnisse hoch ein: "Die Punkte, die wir auf dem Konto haben, sind uns nicht geschenkt worden. Deshalb sind wir Erster, und zwar zu Recht." Das Unentschieden bei dem ebenfalls gut gestarteten 1. FC Kaiserslautern ist nur Beleg dafür. Die Pfälzer führten, Braunschweig erkämpfte sich ein verdientes Unentschieden. Bochum fegte der Tabellenführer am Samstag mit 3:0 weg.

Der echte Härtetest folgt in drei Wochen. Dann wird sich zeigen: Kann die Eintracht auch 1. Liga? Am 30. Oktober geht es im DFB-Pokal daheim gegen Freiburg. Danach wird die Fußballnation wissen, ob aus dem kleinen Wunder ein großes Wunder wird.


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