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BVB: Tuchel vor dem Aus - warum soll er denn nun eigentlich gehen?

Sportlich hat Thomas Tuchel in zwei Jahren beim BVB alle Ziele erreicht. Auf anderen Ebenen hat er aber offenbar völlig versagt. Anders ist sein aktuelles Standing im Verein nicht zu erklären. Nun wenden sich offenbar auch die Spieler gegen ihn.

Thomas Tuchel

Thomas Tuchel bei der großen Feier des DFB-Pokalsiegs in Dortmund

Es mutet schon kurios an: Thomas Tuchel hat in zwei Jahren als Trainer des BVB so ziemlich alle sportliche Ziele erreicht, wenn nicht gar übererfüllt. In der letzten Saison wurde er mit seiner Mannschaft der beste Vizemeister aller Zeiten, in dieser Spielzeit gewann er nach den Abgängen mehrerer Schlüsselspieler mit einer blutjungen Mannschaft den ersten Dortmunder Titel nach fünf Jahren und wäre ohne die Umstände des Anschlags auf den Mannschaftsbus vielleicht sogar ins Halbfinale der Champions League eingezogen.

Trotzdem ist das Aus des Erfolgstrainers in Dortmund offenbar beschlossene Sache. Es wäre wohl eine der ungewöhnlichsten Entlassungen der Bundesliga-Geschichte. Nun, nach dem Titel, stellt sich mehr denn je die Frage, warum Tuchel denn nun eigentlich gehen muss. Was ist da genau los beim BVB? Tuchels Zerwürfnis mit Watzke ist lange genug betont worden, nun verdichten sich aber auch die Anzeichen, dass es zwischen Tuchel und den Spielern nicht (mehr) stimmt. Die "Bild"-Zeitung berichtet, das Verhältnis zwischen Tuchel und der Mannschaft sei hoffnungslos zerrüttet. Angeblich hätten mehrere Spieler gedroht, den Verein zu verlassen, sollte Tuchel bleiben.

Thomas Tuchel beim BVB: Gründe für die Gräben

Immer wieder hätten sich Profis bei BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc über den Trainer beschwert. Gründe für die Gräben zwischen Coach und Team sollen die öffentliche Schelte Tuchels nach der Niederlage gegen Eintracht Frankfurt in der Hinrunde sein ("Unsere Leistung war ein einziges Defizit"), vor allem aber auch die Phase nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus, in der die Spieler näher zusammengerückt seien, der Trainer sich aber zunehmend isoliert habe.

Bemerkenswert: Just in jener Phase vollzog Tuchel in der medialen Wahrnehmung eine Wende vom schroffen Trainer-Nerd zum einfühlsamen Krisenmanager - eine offenbar eher provokante Metamorphose, die auch Watzke dazu brachte, öffentlich Position gegen den eigenen Trainer zu beziehen.

Schon Mittelfeldspieler Nuri Sahin hatte zuvor bei einem Auftritt im ZDF-"Sportstudio" anklingen lassen, dass zwischen Coach und Mannschaft nicht alles stimme. Das Verhältnis sei "so wie es sein muss", sagte Sahin da: "Wir haben ein professionelles Verhältnis, so wie es sich gehört." Am Samstag wurde Sahin von Tuchel nun kurzfristig und völlig überraschend aus dem Kader für das Pokalfinale gestrichen. Eine späte Rache? Die Spieler seien jedenfalls "geschockt" gewesen über die Entscheidung, ließ Marcel Schmelzer nach dem Spiel wissen, und: "Die Mannschaft steht geschlossen hinter Nuri."

Deutlicher kann man sich kaum vom eigenen Trainer distanzieren. Die Trennung sei demnach laut "Bild"-Zeitung eine beschlossene Sache und soll den BVB laut "Bild" vertraglich geregelte 2,9 Mio Euro Abfindung kosten. Für diese Summe wird vereinsintern erwartet, dass Tuchel später nicht nachtritt.

"Natürlich möchte ich nicht naiv erscheinen"

Aber der gibt sich in der Öffentlichkeit weiter betont nonchalant. Angesprochen auf ein entscheidendes Treffen mit den Bossen, das Anfang dieser Woche stattfinden soll, sagte er: "Ich habe einen Vertrag und möchte den erfüllen. Aber natürlich möchte ich nicht naiv erscheinen, und natürlich scheint es, als wären die Gespräche ergebnisoffen – mindestens ergebnisoffen."

Die Höflichkeitsformen werden in Dortmund also weiterhin eingehalten, auch von Watzke bei seiner Bankettrede nach dem Pokalsieg: "Lieber Thomas, das ist dein erster Titel für dich und dein Team. Ich sage dir, dass ich mich total darüber freue. Bravo, toll gemacht, herzlichen Glückwunsch an dich und dein Team."

Dass es nicht nur Tuchels erster, sondern wahrscheinlich auch sein letzter Titel mit dem BVB ist, behielt der Boss dabei für sich.

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