Champions League "Wahnsinn, absolute Scheiße"


Nach dem teuersten Fehler der Vereinsgeschichte liefen die Tränen. Blankes Entsetzen breitete sich bei den Bremer Feldspielern aus, nachdem Torwart Tim Wiese mit einem fatalen Fehlgriff die Sensation in Turin verhindert hatte.

Und der bis dahin prächtig parierende Keeper, der innerhalb einer Sekunde vom Helden zum Torwart-Trottel wurde, schlug fassungslos die Hände über dem Kopf zusammen und wischte sich sodann die Tränen aus dem Gesicht. Werders Ausscheiden im Champions-League-Achtelfinale durch das 1:2 am Dienstagabend bei Juventus Turin dürfte den 24-Jährigen lange verfolgen.

Wahrscheinlich wird er sich in mancher schlaflosen Nacht noch einmal vorstellen, wie ihm der Ball zwei Minuten vor dem Ende der Partie aus den Armen kullert, wie Juves Abwehrchef Fabio Cannavaro "Puma, Puma" schreit, wie der schon zurücklaufende Emerson sich daraufhin umdreht und wie er an den verdutzten Bremern vorbei das 2:1 erzielt. An das Geschehen davor, an die Führung durch Johan Micoud (13. Minute) und an den Ausgleich von David Trezeguet (65.), wird er sich hingegen kaum mehr erinnern.

"Das ist für ihn und uns bitter"

Mit teilweise drastischen Ausdrücken versuchte Wiese später in Worte zu fassen, was er ebenso wenig fassen konnte wie zuvor den Ball. "Absolute Scheiße", sagte der Unglücksrabe eine knappe halbe Stunde nach dem folgenschweren Fehler mit leerem Blick. "Ich wollte im Boden versinken. Das ist Wahnsinn. Dass man so ein Riesenspiel noch kaputtmachen kann." Unumwunden gab er zu: "Das war eine ganz dumme Aktion."

Dass die Millionen-Rolle eine reine Aktion für die Galerie war, mochte er nicht bestätigen. "Ich wollte ein bisschen Zeit schinden", lautete die Begründung des Keepers. Und auch Trainer Thomas Schaaf sagte: "Tim wollte in der Szene vor dem Gegentor keine Show-Einlage bieten, sondern der Mannschaft auch ein paar Sekunden Verschnaufpause geben." Mit versteinerter Mine meinte Schaaf: "Das ist für ihn bitter, aber das ist auch für uns bitter."

Wiese soll sein Spiel nicht umstellen

Fast alle Spieler versuchten den unglücklichsten Menschen dieser Turiner Nacht zu trösten, als erster nach dem Abpfiff Christian Schulz, später auch der überragende Micoud. Vorwürfe waren nicht zu hören. "Das ist eben sein Stil, der macht ihn auch stark", sagte Frank Baumann über den Tormann mit dem Hang zum Spektakulären. Und der Kapitän fügte an: "Ich denke nicht, dass er sich da umstellen muss." Genau an diesem Punkt aber gingen die Meinungen auseinander. "Daraus muss er lernen", forderte Manager Klaus Allofs, während Schaaf sagte: "Das klärt die Mannschaft intern."

Dennoch nahm Allofs den Tormann in Schutz. Er verwies auf die beeindruckende Leistung in den 87 Minuten davor und auf die fehlende Spielpraxis des nach zwei Kreuzbandrissen lange verletzten Keepers, der erst vor dreieinhalb Monaten sein erstes Pflichtspiel nach mehr als einem Jahr Pause gemacht hatte. "Er hat vorher eine Weltklasse-Spiel gemacht", sagte der Manager. "Dass er dann so einen Fehler macht, den man sich nicht erklären kann, das ist umso tragischer."

"Wir gehen da gemeinsam durch"

"Juve sagt Dank für diesen Torwartfehler", schrieb die "Corriere della Sera" am Mittwoch. Und "La Republica" meinte: "Juve mit Kampf, Glück und einer komischen Kapriole von Wiese weiter." Der in der 57. Minute eingewechselte Alessandro del Piero, mit 173 Zentimetern einer der kleinsten Spieler auf dem Platz, sagte mit einem schelmischen Grinsen: "Ich habe den Torwart erschreckt, so groß und stark wie ich bin. Aber im Ernst: Wir haben Glück gehabt."

Trotz haben die Bremer durch die beiden starken Spiele gegen den italienischen Rekordmeister die Schlappen gegen Olympique Lyon in der vergangenen Champions-League-Saison vergessen lassen. Sie haben an Ansehen gewonnen und an Erfahrung. Aber sie haben durch Wieses Aussetzer auch weitere Einnahmen verspielt. "Die drei Millionen sind mir ziemlich egal", sagte Allofs. "Das Schlimme ist nur, dass man auf so ungerechte Art und Weise hier rausfliegt. Wir hatten Juve am Rande des Ausscheidens."

Probleme innerhalb der Mannschaft befürchten Manager und Trainer nicht. "Das wird uns eher noch enger zusammenschweißen, als dass es zu Diskussionen führt", meinte Schaaf. "Wir gehen da gemeinsam durch. Und wir gehen jetzt mit Vollgas in den Endspurt der Meisterschaft."

dpa/kbe


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