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Dauerbelastung bei Bundesligatrainern: Brennen, bis das letzte Feuer erlischt

Der Arbeitsalltag von Bundesligatrainern ist mit dem von Topmanagern vergleichbar. Kein Wunder, dass sie von den gleichen Krankheiten heimgesucht werden, wie der Fall Ralf Rangnick zeigt.

Von Christoph Ruf

Armin Veh ist seit Jahrzehnten Trainer. Er kann sich mit Inbrunst über den schlechten Rasen im heimischen Stadion beschweren. Und wenn die Gäule mit ihm durchgehen, nennt er auch mal den Spieler beim Namen, der den entscheidenden Fehlpass vorm gegnerischen Siegtor gespielt hat. Kurzum: Der Mann nimmt seinen Job verdammt ernst. Allerdings: Man sieht Armin Veh manchmal mit Zigarette und herzlichem Lachen im Gespräch mit alten Bekannten. Veh hat viele kleine Lachfältchen und wenn dem Frankfurter Trainer früher ahnungslose Präsidenten allzu sehr auf den Zeiger gingen, hat er schon mal durchblicken lassen, dass er nicht vorhabe, sich alles gefallen zu lassen. Daher ist Armin Veh bei Journalisten ausgesprochen beliebt. Aber: Einige haben dem Mann schon unterstellt, ihm fehle das "letzte Feuer".

Ralf Rangnick ist ebenfalls seit Jahrzehnten im Geschäft. Die Vorstellung, ihn mit einer Zigarette in der Hand zu sehen, ist in so realistisch wie die Idee, der Papst könne auf seiner Deutschlandreise ein Loblied auf die freie Liebe singen. Rangnick, privat ein nachdenklicher, durchaus emotional entscheidender Mensch, hat die Öffentlichkeit stets als hochintelligenten, kontrollierten Perfektionisten wahrgenommen. Er hat den Satz geprägt, wonach nur derjenige ein Feuer entfachen können, der selbst brenne. Das mit dem Feuer hören sie gerne in der Fußballbranche, in der es als höchstes Lob gilt, wenn man von einem Manager oder Trainer sagen kann, er "brenne an beiden Enden". Wer dauernd brennen muss, läuft allerdings Gefahr, irgendwann auszubrennen.

Jedes einzelne Spiel eine neue Reifeprüfung

Bundesligatrainer sind in vielerlei Hinsicht mit Spitzenmanagern vergleichbar. Was das Gehalt anbetrifft, die Arbeitszeiten und die spezifischen Berufskrankheiten. In einer Hinsicht sind Bundesligatrainer dann aber nicht mehr mit Spitzenmanagern zu vergleichen. Während die Spitzenkräfte von Dax-Konzernen in aller Regel unbehelligt im Restaurant sitzen können, weiß jedes Kind, wie der Trainer von Hannover 96 oder gar Bayern München aussieht. Abschalten kann man in dieser Branche der tausend Kameras allenfalls zuhause. Und im Gegensatz zum Dax-Vorstand, der einmal im Jahr seinen Aktionären gegenüber Rechenschaft erstatten muss, ist jedes einzelne Spiel eine neue Reifeprüfung.

Die extremsten Folgen: Herzinfarkt wie im Fall der schottischen Trainerlegende Jock Stein, der 1985 bei einem WM-Qualifkationsspiel starb - ähnlich wie der ehemalige Bayern-Trainer Gyula Lorant vier Jahre zuvor. Oder die Flucht in den Alkohol. Die traurigen Bilder des Meistertrainers Branco Zebec, der sturztrunken auf der HSV-Bank saß, sind noch immer eine erschreckende Mahnung an die heutige Trainergeneration. Heute gibt sich zwar niemand mehr die Blöße, fast von der Bank zu fallen. Gerüchte über Alkoholismus gibt es bei dem ein oder anderen aber schon.

"Das Rad dreht sich immer weiter"

Die weniger, aber dennoch dramatische Folge: Burnout. "Es wundert mich nicht, dass auch Bundesliga-Trainer dieser Managerkrankheit verfallen. Es ist auch für mich wichtig, mich zu disziplinieren und bewusst zu machen, wie wichtig geistige und emotionale Regeneration sind", sagt etwa Thomas Tuchel, der Trainer von Mainz 05. "Es tatsächlich umzusetzen, ist aber schwer. Denn das Rad dreht sich immer weiter."

Das meint auch der Bochumer Sportpsychologe Thomas Graw. Rangnick, findet er, habe sich "genau richtig verhalten", als er die Reißlinie zog: "Ein vegetatives Erschöpfungssyndrom ist ein Warnschuss, eine Ansage: Wenn das so weitergeht, kriegen wir ernsthafte Probleme." Der Schalke-Trainer hat die Ansage ernst genommen. Doch in der Arbeitswelt ist es gang und gäbe, weiterzufunktionieren, bis man endgültig an einem toten Punkt angelangt ist. Gerade im Fußball, diesem in sich geschlossenen System, in dem jeder Akteur unter Dauerbeobachtung steht, die immer intensiver wird. "Es ist ein andauernder Stress zu wissen, dass man permanent Energie investieren muss, ohne dass man auch Phasen der Regeneration hätte", sagt Thomas Graw.

"In diesem System übt jeder auf jeden Druck aus"

Flasche leer, Akku entladen - es gibt viele Bilder, die den Zustand der Ermüdung beschreiben. Hinzu kommt die öffentliche Dramatisierung. Im Grunde genommen muss ein Trainer bereits nach einer Niederlage die ersten mulmigen Gedanken bekommen, was seine Zukunft angeht. Zwei Niederlagen zu Saisonbeginn sind inzwischen schnell eine "Serie". Das nächste Spiel wird dann selbstredend zum "Schicksalsspiel" für den Trainer erklärt. In Gelsenkirchen wissen sie spätestens seit Mittwoch, dass ein Schicksal nicht unbedingt etwas mit den Zufälligkeiten zu tun hat, die 22 Männer während 90 Minuten produzieren.

Rangnicks Leverkusener Kollege Robin Dutt hat kluge Worte gefunden. "In diesem System übt jeder auf jeden Druck aus: Spieler auf Trainer, Trainer auf Spieler, Medien auf Spieler, Medien auf Trainer, Fans auf Spieler, Fans auf Trainer." Im Übrigen empfahl Dutt, der sich in seiner Freiburger Zeit einen Tag die Woche komplett für die in Stuttgart wohnende Familie Zeit genommen haben soll, "sich selbst Freizeit aufzuerlegen und Vertraute an der Seite zu haben, die einen warnen".

Wahre Worte. Aber warum reden dann in der Branche alle von morgens bis abends nur über Fußball? Es wird Zeit, Armin Veh in ganz neuem Licht zu sehen.

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