Deutschland-Holland Mehr als nur Fußball

Keine andere Auseinandersetzung schürt die Emotionen auf beiden Seiten derart wie der heute in Porto zum 36. Mal anstehende Klassiker: Deutschland gegen Holland.

Verschwörungstheorien nach dem Münchner WM-Triumph, ausgelebte Revanche im Hamburger EM-Halbfinale und eine unvergessene Spuckattacke in Mailand: Zwischen Deutschland und den Niederlanden ging es immer heiß her - und es hatte häufig mit Fußball nichts mehr zu tun.

"Dieses Duell bringt die ganze Fußball-Welt in Bewegung. Im Guten wie im Schlechten", bringt Fußball-Ikone Johan Cruyff die Jahrzehnte anhaltende und vor allem vom kleinen Nachbarn geschürte Brisanz auf den Punkt. "Das war schon zu meiner Zeit immer eine besondere Rivalität, und an und für sich gewinne ich auch heute noch immer gern gegen Holland", meint Uwe Seeler, der 1959 mit einem Hattrick zum 7:0, dem höchsten deutschen Sieg beigetragen hatte.

Trauma nach WM-Niederlage 1974

Zum Mythos aber wurde das Prestigeduell erst mit dem WM-Endspiel 1974, als Seeler seine Fußballschuhe längst an den Nagel gehängt hatte und Cruyff die bitterste Stunde seiner Laufbahn erlebte. "Ich fühle mich immer noch als Gewinner", sagte der 57-Jährige über die 1:2-Niederlage, die beim kleinen Nachbarn ein bis heute nicht bewältigtes nationales Trauma ausgelöst hatte. Betrugsvorwürfe machten anschließend die Runde, es wurde gar ein Komplott gewittert, weil kurz vor dem Finale despektierliche Fotos von Poolpartys mit halb nackten Frauen aus dem niederländischen Quartier publik wurden.

Für den niederländischen Autor Auke Kok, der die Geschehnisse 30 Jahre später in einem Buch aufarbeitete und damit einen Bestseller landete, liegt die Ursache der 74er-Emotionen viel tiefer. "Sie glaubten, sich an den Kindern der deutschen Besatzer rächen zu müssen", schrieb er in dem Werk mit dem bezeichnenden Titel: "1974, wir waren die Besten."

Diese These vertritt auch der frühere Nationaltorhüter Hans van Breukelen: "Wir alle hatten das Gefühl, dass die Niederlage nicht verdient war, weil wir den besten Fußball gespielt hatten." Der heute 47-Jährige gehörte zu jener Fußball-Generation, die 14 Jahre später im Hamburger Volksparkstadion unter denkwürdigen Umständen beim 2:1 in der Europameisterschaft Revanche nahm. Riesengroß war in Deutschland die Empörung darüber, dass van Breukelen dem Kontrahenten Lothar Matthäus einen "tierischen Tod" gewünscht hatte und Ronald Koeman sich mit dem Trikot von Olaf Thon symbolisch seinen Hintern abwischte.

Spuckattacke bei WM 1990

Heute wollen beide nicht mehr über ihre damaligen Entgleisungen reden, ebenso wenig wie Frank Rijkaard über seinen Ausfall gegen Rudi Völler im Achtelfinale der WM 1990 in Italien. "Das Spucken passte überhaupt nicht zu Rijkaard, der ein wirklich höflicher und liebenswerter Mensch ist, es zeigte aber unsere ganze Frustration", schilderte van Breukelen, der rückblickend einräumen muss: "Wir haben so viel Energie in die falschen Dinge gesteckt."

In den fünf Aufeinandertreffen danach, von denen Deutschland nur eines gewann, blieben hässliche Szenen auf dem Spielfeld aus - zu deutlich war in den letzten Jahren die Dominanz der Niederländer auf dem Fußball-Platz. Allerdings ging es dabei auch nie um so viel wie am Dienstag in Porto.

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