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DFB-Boss Theo Zwanziger: Viel mehr Betroffene im Fall Amerell

Der ehemalige Sprecher der DFB-Schiedsrichter, Manfred Amerell, soll weit mehr Kollegen sexuell belästigt haben als bisher bekannt. Das sagte DFB-Boss Theo Zwanziger in einem Interview.

Im Fall Manfred Amerell gibt es laut Verbandspräsident Theo Zwanziger mehr Betroffene als bisher vermutet. "Die kolportierte Zahl von vier Betroffenen ist falsch. Es sind mehr", sagte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Zeitungen "Die Welt" und "Hamburger Abendblatt". Der ehemalige Schiedsrichter und DFB-Funktionär Amerell soll mindestens einen Referee sexuell belästigt haben. Er bestreitet alle Vorwürfe. Seine Verbandsämter hat Amerell niedergelegt.

Schiedsrichter Michael Kempter, der die Angelegenheit ins Rollen gebracht hatte, soll im März erstmals wieder pfeifen. Dies kündigte der Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, Volker Roth, an. Roth sagte am Freitag, er plane die Rückkehr von Kempter bis Mitte des kommenden Monats. Der 27-Jährige solle zunächst in der 2. Bundesliga ein Spiel erhalten. Der im Urlaub befindliche Kempter hatte am Donnerstag signalisiert, dass er bald wieder im Einsatz sein will. "Wenn ich ein halbes Jahr Pause machen müsste, könnte ich gleich aufhören", sagte er dem "kicker".

Zwanziger ünterstützt Kempter


Zwanziger sprach sich erneut für ein schnelles Comeback von Kempter aus und forderte wie Roth die Fans zu einem fairen und respektvollen Umgang auf. Der DFB-Präsident bezeichnete es als "spannend", wie die Zuschauer in den Stadien auf die Rückkehr reagieren und richtete einen eindringlichen Appell an die Fans: "Er hat sich nicht als homosexuell bezeichnet, und es spielt auch keine Rolle. Die Fans können zeigen, ob sie so sind, wie sie beim Tod von Robert Enke waren, oder doch ganz anders. Es gibt ja eine Menge schwuler Fanclubs, die nun die Chance haben, auf ihre Minderheitensituation aufmerksam zu machen und dafür zu kämpfen, in den Fußballstadien anerkannt zu werden." Zwanziger rechnet nicht mit einer Welle von Offenbarungen, bot aber jedem, der sich outen wolle, erneut die Hilfe des DFB an.

Der Verbandschef zeigte sich besorgt über Amerells Lage, meinte jedoch: "Es kann nicht jeder, der Suizidgedanken äußert, plötzlich als Opfer gelten, und wir stellen dann unsere Ermittlungen ein. Für ihn wären jetzt gute Freunde wichtig, die ihn richtig beraten und ihn zur Einsicht und zur Bereitschaft bringen, die Wahrheit einzuräumen." Zwanziger hatte den Fall für den DFB nach einer Untersuchung für erledigt erklärt. Bei einem sofortigen Rücktritt von Amerell wäre es nach Angaben des DFB-Chefs nicht zu den Ermittlungen gekommen. In diesem Fall hätte der DFB aber "nicht Erkenntnisse in dieser Tiefe, wie wir sie jetzt haben, erlangt", sagte Zwanziger und kündigte mehr Transparenz sowie einen häufigeren Wechsel der Schiedsrichter-Beobachter an.

Schiedsrichter bleiben beim DFB


Eine Eingliederung der Bundesliga-Referees in die Deutsche Fußball Liga (DFL) lehnte Zwanziger ab. Laut der internationalen Vorgaben unterliege das Schiedsrichterwesen den nationalen Verbänden. "Und wer gibt mir denn die Garantie, dass alles besser läuft, nur weil jetzt die DFL zuständig sein sollte?", fragte Zwanziger. Allerdings sagte er der DFL bei Reformen eine enge Zusammenarbeit zu.

DPA / DPA

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