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EM 2008 Das Kreuz mit den Ecken


Taktik, Spielzüge, Fitness - bei den Deutschen ist alles klar für das Polen-Spiel. Nur an einem hakt es, das haben die letzten Partien bewiesen: Ecken und Freistöße funktonieren nicht, bleiben trotz grandioser Kopfballspieler ohne Wirkung. Was können Löw und Co. jetzt noch tun, um das zu ändern?
Von Martin Sonnleitner

Es zeichnet Nationaltrainer Joachim Löw aus, dass er unverblümt auch eigene Versäumnisse und Defizite seiner Mannschaft anspricht. "Wir haben zuletzt wenig Standards trainiert. Da muss ich mir an die eigene Nase fassen, das war mein Fehler", gab Löw jüngst zu.

Früher Waffe, heute Mangel

Standards, gemeint sind Ecken und Freistöße, entschieden früher oft Spiele zugunsten der Deutschen und kamen gerne zum Einsatz, wenn ansonsten gar nichts mehr ging. Der langjährige Rechtsverteidiger der Nationalmannschaft, Manfred Kaltz, Erfinder der "Bananen-Flanke" und Standard-Spezialist, sagt zu stern.de: "Standards gehören zum ABC des Fußballs und waren früher Waffe der Deutschen. Sind sie gut, liegt die Chance, ein Tor zu erzielen, bei 20 bis 30 Prozent."

Nur, dass die deutsche Nationalmannschaft heute genau hierin eklatante Mängel aufweist, wie im letzten EM-Test gegen Serbien besonders deutlich wurde. Das Siegtor durch Kapitän Michael Ballack per Freistoß war die rühmliche Ausnahme. Ansonsten segelten die einst punktgenau auf ihre Abnehmer platzierten oder gar im Tor landenden Bälle nach Ecken und Freistößen meist ziellos im gegnerischen Strafraum umher. Empfänger unbekannt. Ballack kritisiert: "Die Standards müssen besser werden, ganz klar."

Doch wer wäre heute in der Lage, diese so wichtigen Bälle zu spielen? Ex-Nationalspieler Thomas Häßler, in den Neunzigerjahren selbst ein gefährlicher Freistoß-Spezialist, sagt, worauf es ankommt: "Technische Vielseitigkeit, ein gutes Auge und fußballerische Intuition zeichnet gute Standardschützen aus."

Nach Schnix kommt nix

An dieser Stelle wird deutlich, wie sehr der verletzte Bernd Schneider dem deutschen Team fehlt. "Schnix" zirkelte gerade bei Standards die Bälle so punktgenau in den Strafraum, dass die gegnerische Verteidigung immer wieder Probleme hatte. Über potenzielle Abnehmer verfügt die deutsche Elf nämlich genug. Da wäre Ballack zu nennen, mit seiner Kopfballstärke. Auch Sturmführer Miroslav Klose und Mario Gomez sind Verwerter par excellence.

In Schneiders Fußstapfen bei ruhenden Bällen sollte eigentlich Bastian Schweinsteiger treten, doch der Münchner, der sowohl mit links als auch mit rechts gefählich schießen kann, läuft seiner Form derzeit hinterher. Gegen Serbien segelten gleich zwei seiner Ecken über Freund und Feind hinweg. Bleibt Torsten Frings, der im letzten Test immerhin einmal eine Ecke so trat, dass Ballack fast per Kopf getroffen hätte. Doch der Bremer gilt neben Ballack als der Stratege im deutschen Spiel, ein wenig Entlastung wäre nicht schlecht.

Forscher Jansen, "Joker" Trochowski

Diese muss nicht aus dem Mittelfeld kommen. Die Tradition beweist, dass auch Verteidiger gute Standardschützen sein können. Mut machen aktuell die forschen Flankenläufe von Linksverteidiger Marcel Jansen. Der Gladbacher ist frech genug, es ebenfalls mal mit einer Ecke oder einem Freistoß zu versuchen. Die Schusstechnik hat er dafür.

Bleibt noch einer der "Joker" in der Hinterhand: Löw weiß genau, warum er entgegen vieler Skeptiker an Piotr Trochowski festgehalten hat. Der Hamburger ist einer der letzten deutschen Straßenfußballer. Er ist schussgewaltig, mit rechts wie mit links, und hat bei ruhenden Bällen den "Touch", der den Unterschied ausmachen kann. Gut möglich, dass genau diese Qualität den Hamburger bei der EM zu einem gefragten Spezialisten werden lässt.


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