EM 2008 Wie gefährlich ist der Ballack-Hype?


Ballack, Ballack, Ballack. Der Mann ist ohne Zweifel die größte deutsche EM-Hoffnung. Doch wie gefährlich ist die starke Fixierung auf seine Person für das deutsche Spiel? stern.de hat ehemalige Nationalspieler gefragt.
Von Martin Sonnleitner

Wann den ersten Experten klar wurde, dass hier ein neuer deutscher Weltklassespieler heranwachsen würde, ist nicht verbrieft. So um die 1998 machte sich ein 21-jähriger, dynamischer Jungspund daran, den Grundstein zu seiner Ausnahme-Karriere zu legen. Der 1. FC Kaiserslautern, damals Bundesliga-Aufsteiger, gewann im Handstreich die Deutsche Meisterschaft. Es war die Premiere von Michael Ballack in der deutschen Elite-Klasse. Heute ist er Leader beim Champions-League-Finalisten Chelsea London, Weltstar, internationale Werbe-Ikone und Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Was für ein Aufstieg! Doch wie gesund ist der Ballack-Hype für das Team von Nationaltrainer Joachim Löw? Wie sinnvoll für eine mannschaftsorientierte Spielstrategie? Kann der Personenkult vielleicht sogar verhängnisvoll sein und den anvisierten Titel kosten?

Einer, der einst ebenso im Mittelpunkt gestanden hat wie derzeit der deutsche Kapitän, ist Ehrenspielführer Uwe Seeler. Er glaubt: "Ballack hat das Zeug, ein Team zu führen." Doch genauso wie damals in seinem Schatten Spieler wie Siggi Held und Wolfgang Overath zu Ausnahmefußballern heranreiften, braucht auch Ballack Unterstützung an seiner Seite. Seeler ist sicher: "Er hat die Leute in der Mannschaft, die in der Lage sind, mit Verantwortung zu übernehmen."

"Alles an Ballack festzumachen, ist der falsche Weg"

Carsten Ramelow, der gemeinsam mit Ballack in jener Elf von Bayer Leverkusen spielte, die 2002 im Champions-League-Finale stand, hält ebenfalls eine eingespielte Achse für die Basis des Erfolges.

"Andere müssen mitziehen", sagt Ramelow, der zwischen 1998 und 2004 Nationalspieler war. "Es wäre der falsche Weg, alles an Micha festzumachen." Auch bei Leverkusen habe Ballack zwar hervorgestochen, "aber ohne die Leistung des Teams ist der Erfolg nicht möglich".

Ramelow, der im Verein wie heute Torsten Frings im Nationalteam häufig versetzt zu Ballack das defensive Mittelfeld ordnete, verweist auf das so wichtige Zusammenspiel von Defensive und Offensive: "Hier entscheidet sich, ob eine Strategie aufgeht, ein Turnier gewonnen wird."

Erfolg nur über das Team

Andreas Möller denkt ähnlich. Der Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 hält es gerade für Ballacks größte Stärke, "dass er so mannschaftsdienlich spielt".

Vor der WM 2006 habe die deutsche Mannschaft laut Möller sogar über das beste Mittelfeld der Welt verfügt. Damals erhielten Ballack und Frings allerdings Unterstützung von einem Schweinsteiger in Top-Form und einem Bernd Schneider auf dem Zenit seines Könnens, der nun verletzt fehlen wird.

"Der Erfolg geht nur über das Team", warnt Möller vor einer Fixierung auf den deutschen Leader und verweist auf Frankreichs grandiose Mittelfeldachse beim EM-Gewinn 1984: "Platini, Giresse, Tigana."

Würden in 25 Jahren die Namen "Ballack, Frings, Schweinsteiger" mit ähnlicher Ehrfurcht intoniert - niemand hätte wohl etwas dagegen. Am allerwenigsten der deutsche Kapitän.


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