EM-Zwischenbilanz Im Tempo liegt die Kraft


Die erste Woche der EM stand ganz im Zeichen des Hochgeschwindigkeitsfußballs. Immer deutlicher schält sich heraus, dass immer mehr Teams durch präzise vorgetragene Schnellangriffe zum Erfolg kommen wollen. Diese beziehen längst nicht mehr nur die Offensivkräfte ein. Eine Analyse von Mathias Schneider.

Und dann läuft er los. Er überquert die Mittellinie, wie von einem unsichtbaren Magnet angezogen. Keinen Ruf, keinen Schrei vernimmt er von der eigenen Trainerbank. Sein Trainer Luiz Felipe Scolari lässt ihn gewähren, nein, er ermutigt ihn gar, sich vor des Gegners Tor zu schleichen. Also rennt Pepe weiter in dieser 61. Minute der Partie gegen die Türkei. 0:0 steht es noch immer, Portugal drückt mit Vehemenz auf die Führung, doch das Tor, es will einfach nicht fallen.

Viel spricht dafür, nun kollektiv den Rückzug anzutreten. Bloß keine Niederlage zum Auftakt, welche die Angst vor einem frühen Aus schon in der zweiten Partie in die Glieder kriechen lässt. So hat man früher doch gedacht. Pepe bekleidet die Position des Innenverteidigers, er ist in erster Linie für die Sicherung des eigenen Tors eingeteilt. Doch er mag einfach nicht hinten stillhalten, erreicht schließlich die Strafraumgrenze, wo bereits der Stürmer Nuno Gomes ihn erwartet. Ein Doppelpass, dann zappelt der Ball im Netz. 1:0. 30 Minuten später hat Portugal mit 2:0 gewonnen.

Gefahr erwächst aus der Unberechenbarkeit

An keinem Tor lässt sich die Qualität des Fußballs bei dieser EM bislang besser nachvollziehen als an diesem Treffer der Portugiesen, der getrost als Gesamtkunstwerk des modernen Spiels bezeichnet werden darf. Pepes Führungstreffer offenbart trefflich, welch multiple Anforderungen der Sport an seine Spitzenkräfte richtet. Längst hängt die Offensive einer Elf nicht mehr allein am Tropf einiger weniger so genannter Kreativkräfte. Die Gefahr für den Gegner erwächst vielmehr aus der eigenen Unberechenbarkeit. "Wie die Spanier oder auch Portugiesen bei Ballbesitz im Vollsprint antreten mit zwei bis drei Spielern, das ist überragend", sagt etwa der Fußballtrainer Hans Meyer, einer der Taktikweisen des deutschen Fußballs.

In der Tat machen sich beide südeuropäische Nationen und vor allem die Niederländer bislang in höchstem Maße um das schöne Spiel verdient. Wie ein Schwarm Hornissen fallen sie bei Ballbesitz in die gegnerische Hälfte ein. Erkämpft ein Verteidiger in der Vorwärtsbewegung des Kontrahenten den Ball, sprintet er nicht selten als zusätzliche Option mit übers Feld, um die Überzahl noch zu erhöhen.

ManU und Arsenal machen es vor

Der Fußball sei "aktiv geworden", ist Meyer aufgefallen. "Die Mannschaften wollen etwas erreichen, die warten nicht ab." Die Europameisterschaft, ob der Leistungsdichte der einzelnen Nationen noch immer eine Art Messe für die Neuerungen des Spiels, folgt damit bislang dem Trend, den erfolgreiche Vereinsmannschaften wie Manchester United, Arsenal London oder auch der FC Barcelona vorgeben. In atemberaubender Geschwindigkeit zirkuliert der Ball, es entwickeln sich daraus Spielzüge, die selbst ohne konkreten Torabschluss beeindrucken. Das Debakel des Europameisters Griechenland, der sich dem Trend verschloss und in der eigenen Hälfte förmlich erstarrte, nährt die Hoffnung, dass der Mut zum schnellen Spiel zu einem dauerhaften Trend wird. Längst verfügen Verteidiger wie Pepe oder dessen Kollege Ricardo Carvalho über eine Handlungsschnelligkeit, welche durch weit geschlagene Bälle nicht mehr herauszufordern ist.

Nur das schneidige Direktspiel sorgt noch für Konfusion. Das Dauerplädoyer des Bundestrainers Joachim Löw, ein jeder Nationalspieler, ach was, ein jeder deutscher Fußballer müsse dringend neben seiner Explosivkraft an einer schnelleren Ballverarbeitung arbeiten, mutet vor diesem Hintergrund nicht mehr wie die Lehre eines Fußballintellektuellen an, sondern eher als Grundvoraussetzung, um in der nahen Zukunft nicht abermals den Anschluss zu verlieren. Der gute alte Direktpass, nie war er so unverzichtbar wie heute.

Beim 2:0 über Polen durfte Löw bereits Lernziele bestaunen. Nach der Balleroberung passte der Außenverteidiger Philipp Lahm das Leder sogleich zum Stürmer Gomez, der ihn auf seinen Kollegen Klose weiterleitete, der sich im Rücken der Viererkette gelöst hatte. Ein akkurater Querpass und es stand 1:0 durch Podolski.

Schon 100 Jahre alt

Der Tempofußball ist keinesfalls eine Erfindung der letzten paar Jahre: Die Wurzeln des wissenschaftlich weitgehend ausgeleuchteten Hochgeschwindigkeitsansatzes der Fußballneuzeit liegen bereits 100 Jahre zurück. Derzeit wird manches als Produkt der Forschung verkauft, das längst Eingang in die Fußballhistorie gefunden hat. So formte bereits 1915 der Trainer von Ajax Amsterdam, Jack Reynolds, ein taktisches Konstrukt, in dem das Individuum nicht mehr allein auf eine Position festgelegt war. Vielmehr rotierten die Profis auf dem Feld, wobei sämtliche Positionen zu jeder Zeit besetzt sein mussten, um eine Grundordnung zu gewährleisten. Hollands Trainer Rinus Michels, einst unter Reynolds aktiv, verfeinerte das Prinzip als Trainer von Ajax Amsterdam und der niederländischen Nationalmannschaft. Es entstand der "totale Fußball" mit dem jungen Johan Cruyff an der Spitze.

Die Modifikation des Ansatzes der totalen Flexibilität besteht heute darin, dass der einzelne nur punktuell seine Position verlässt – abgesichert von einem Kollegen. "Es wird definitiv keine Mannschaft Europameister, die nicht in einem vorgegebenen System spielt", sagt Meyer. Wer die Partien bei dieser EM im Stadion bestaunt, erkennt in der Tat, dass sich mittlerweile das gesamte Team im Kollektiv zum Ball hin verschiebt.

Keine dogmatischen Diskussionen

Die taktische Grundordnung variiert dabei, sieht man einmal von der durchgängig praktizierten Viererkette ab, die sich durchgesetzt hat. Ob sich davor abermals vier Mittelfeldspieler aufreihen, wie bei den Deutschen, plus zwei Stürmer (4-4-2), oder ob drei Mittelfeldspieler und drei Offensivkräfte folgen (4-3-3) taugt nur auf den ersten Blick zu einer dogmatischen Diskussion. Beide Systeme lassen sich extrem offensiv wie defensiv interpretieren, je nachdem, auf welcher Höhe Mittelfeld und Sturm die Verteidigungsarbeit aufnehmen.

Eher hängt die Offensivkraft davon ab, welche Fertigkeiten der einzelne mitbringt, wenn der Ball dann endlich in den eigenen Reihen landet. Was Akteure wie Cristiano Ronaldo (Portugal), Andres Iniesta (Spanien) oder Wesley Sneijder (Niederlande) in dieser Hinsicht in der ersten Woche der Europameisterschaft mit dem Ball anstellten, nährt die Hoffnung, dass dieses Turnier einmal für ihr Spektakel in Erinnerung bleiben wird.


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