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Analyse: Der Weltmeister liegt am Boden

Schon nach dem ersten Gruppenspiel der Euro steht der amtierende Weltmeister vor dem Aus. Langsam und behäbig wirkte der Titelträger von 2006 wie eine hilflose Altherrenmannschaft im Angriffswirbel der Niederländer. Die Oranje-Elf hat sich dagegen mit einem Spiel in den kleinen Kreis der Topfavoriten katapultiert.

Von Nico Stankewitz

So schwach wie bei diesem EM-Auftakt ist Italien wohl noch nie in ein großes Turnier gestartet. Roberto Donadoni ist seit Amtsantritt höchst umstritten, mit Francesco Totti und Alessandro Nesta haben zwei Weltklassespieler seit der WM 2006 ihren Rücktritt erklärt, die man hier gut hätte gebrauchen können. Dazu kommt der Ausfall von Kapitän Fabio Cannavaro, der unumstrittenen Führungsfigur in der Mannschaft,. Der Substanzverlust durch den Ausfall dieser drei bei gleichzeitigem Verzicht auf Verjüngung oder Erneuerung bringt Italien in eine massive Krise. Auf den technisch starken, beeindruckenden Offensivfußball der Holländer hatte der Weltmeister keine Antwort, in der ersten Halbzeit gab es kein funktionierendes Offensivspiel. Der vermeintliche Top-Torjäger Luca Toni fand überhaupt nicht statt, bekam aber auch nur wenige brauchbare Zuspiele.

Donadoni braucht Mut

Wo kann Italien in den kommenden Tagen ansetzen, um den Weg für zwei Siege in den verbleibenden beiden Gruppenspielen zu bereiten? Vor allem fehlt Donadoni wohl der Mut, tiefgreifende Reformen einzuleiten. Insgesamt zehn Weltmeister brachte Italien ins Spiel, viel Erfahrung in der Mannschaft, die aber auch den mit Abstand höchsten Altersschnitt aller Turnierteilnehmer hat. Auf der italienischen Bank sitzen mit Daniele de Rossi (24) und Alberto Aquilani (23) vom AS Rom die beiden besten italienischen Mittelfeldspieler der abgelaufenen Saison in der Serie A, aber um auf diese beiden zu bauen, müsste Donadoni die Mittelfeldbesetzung seines Stammvereins Milan mit Ambrosini, Gattuso und Pirlo auseinanderbrechen.

Im italienischen Abwehr-Torso könnte Giorgio Chiellini neue Energie einbringen. Der 23-Jährige machte schon vor der EM durch große Aggressivität auf sich aufmerksam: Sein Trainingsfoul beförderte Cannavaro aus dem Turnier und sorgte damit erst für die aktuelle Abwehr-Katastrophe.

Weltklassepartie von van der Sar

Zumindest in der zweiten Hälfte offenbarten die Niederländer aber auch einige Schwächen. Die Abwehr um die biederen Handwerker Ooijer und Mathijsen geriet spätestens nach der Einwechslung von Del Piero auch ordentlich unter Druck, aber im genau richtigen Moment wuchs ein Mann über sich hinaus, der auch schon im Spätherbst seiner Laufbahn steht: Torhüter Edwin van der Sar spielte eine perfekte Partie und entwickelte sich zum herausragenden Rückhalt seiner Mannschaft. Umstritten und schon abgeschrieben erlebt der 37-Jährige die Saison seines Lebens, ist in England Meister geworden und hat mit ManU die Champions League gewonnen. Nun eröffnet er sein wohl letztes großes Turnier mit einer Weltklasseleistung.

Geglücktes Aufstellungspuzzle bei der Elftal

Mit zwei vollkommen überraschenden Nominierungen lag Bondscoach Marco van Basten komplett richtig. Der erst in letzter Minute nachnominierte Ex-Hamburger Khaled Boulahrouz spielte einen starken rechten Verteidiger und mit Dirk Kuyt brachte van Basten einen Stürmer auf der rechten Seite, den er in den vergangenen zwei Jahren meist draußen ließ und dessen EM-Nominierung schon höchst umstritten war. Aber der Liverpooler spielte richtig stark, bereitete zwei Tore vor und spielte mehrfach präzise Steilpässe in die Schnittstellen der verwundbaren italienischen Abwehr. Vor allem brachte Kuyt ein ungewohntes Element ins holländische Spiel ein, denn so fleißige und unermüdlich mit zurück laufende Offensivspieler sind selten in der Elftal.

Faszinierend in jedem Fall das Offensivpotenzial, über das die Niederlande verfügen: van Nistelrooy, Kuyt, Sneijder, van der Vaart, dazu der eingewechselte Robin van Persie, die Bankdrücker Claas Jan Huntelaar und Vennegoor of Hesselink, dazu der noch geschonte Arjen Robben – diese Mannschaft zu verteidigen, dürfte jede europäische Abwehrreihe in arge Bedrängnis bringen. Die Losung für den nächsten Gegner Frankreich kann nur lauten, selber Tore zu schießen, denn verwundbar scheint die Oranje-Defensive trotz des deutlichen Sieges weiterhin zu sein. Angesichts des Besorgnis erregenden Zustandes der französischen Torfabrik, muss man sich nach den ersten Gruppenspielen aber auch um die Equipe Tricolore Sorgen machen.

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