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Holland nach der Pleite: Wenn die Euphorie versiegt

Unglaublich: Favorit Niederlande wird von Russland aus dem EM-Turnier gekippt. Dabei waren sich die Holländer sicher, dass es mit dem Titel klappt. Was folgte, waren Frust, Trauer und pure Ungläubigkeit. stern.de hat sich bei den deutschen Nachbarn nach dem EM-Schock umgesehen.

Von Albert Eikenaar, Goirle

Statt Freude herrschte ungläubige Trübseligkeit. Oder noch schlimmer: Große, erwachsene Männer schluchzten. Die Tränen strömten ihnen über das Gesicht. Holland hatte verloren. Holland war raus aus dem EM-Turnier. Wer hätte sich das vorstellen können? Nicht die Einwohner der Irenestraat im Brabanter Städtchen Goirle. Dort hatten sich die die Bewohner, wie überall in den Niederlanden, wochenlang solidarisch voll auf den Fußball eingestimmt. Sie grillten zusammen, tranken ihre Heinekenflaschen leer, ohne Glas - und es gab immer nur ein Thema: Endlich den EM-Titel holen.

Die Häuschen, nicht nur in ihrer Straße, waren zum großen Fest alle mit orangefarbenen Plastikhüllen umkleidet. Mit diesem Dekor im Hintergrund, ein Symbol der wahren Orangitis, schauten sich alle die wunderbaren Spiele ihrer Oranje-Elf an. Die Stimmung stieg und stieg. Bis gestern Abend lief alles reibungslos. Die ganze Irenestraat, 200 Mann, Frau und Kinder, wussten eines ganz genau: Auch die Russen würden überrannt werden, keine Frage.

"Es war ein Trauerspiel"

Aber das Spiel entwickelte sich anders. Allmählich wurde es stiller in der Straße. Nicht die sonst so kreative Oranje-Mannschaft ergriff die Initiative. Es waren die Russen von Guus Hiddink, die sich plötzlich als Favoriten für den Sieg entpuppten. Oranje verblasste dabei.

Fred de Jong aus der Irenestraat: "Es war, als ob sie mit Handbremse spielten. Nichts klappte. Es war ein Trauerspiel". Der mächtige Maurer will auch wissen, woran das lag: "Das Drama von Boulahrouz' tot geborener Tochter. Die Jungs waren davon unbewusst stärker angeschlagen, als sie zeigen wollten."

Das mag stimmen. Denn van Bastens' Team war im Laufe des Turniers eine echte homogene Mannschaft geworden, richtige Freunde, die gemeinsam nur eines im Visier hatten: Miteinander den europäischen Meistertitel zu erobern. Und dann kam mit der Familientragödie Sand ins Getriebe. Van Basten gab seinen Spielern alle Freiheiten, den Tod des frühgeborenen Kindes zusammen mit ihren Fußballfreunden, so weit es ging, zu verarbeiten.

Schwarzer Samstag

Aber die gute Stimmung, das Lockere, die typische Spontanität war dahin. Bei dieser Elf war die Familie immer dabei. Kummer und Freude werden geteilt. Deswegen traf der Schicksalsschlag, den Boulahrouz verarbeiten musste, alle schmerzhaft. Es war eine offene Wunde, die van Basten nicht direkt heilen konnte. Wie stark der Einfluss des Todesfalles gewesen ist, werden die Oranjekicker erst im Nachhinein wissen.

Tatsache ist, dass die niederländische Mannschaft das Viertelfinale nicht überlebte, trotzdem aber viele Millionen Menschen in aller Welt mit Gala-Fußball begeistert hat. Immerhin schlug sie in der Vorrunde in der "Gruppe des Todes" Italien, Frankreich und Rumänien. Kein schlechtes Ergebnis. Dann kamen ihnen die starken Russen in die Quere. Und das war offensichtlich eine zu große Herausforderung. Trainer Hiddinks' Truppe fegte das fast ohnmächtige Oranje rücksichtslos vom Platz. Ein Blitzsieg. Für Oranje ein schwarzer Samstag.

Ganz einfach ins Bett

In der Irenestraat bauten die traurigen Bewohner noch am Abend nach dem Spiel alle gemütlichen Oranje-Zelte und Buden ab - fröhliche Farben waren weit und breit nicht mehr zu sehen. Das Oranjefieber hatte sich ganz plötzlich gelegt, der Zustand schien normalisiert. Hier und da flimmerte noch ein Flachbildschirm. Im Sportprogramm des niederländischen Fernsehens analysierte Fußballgroßmeister Johan Cruyff die Lage: "Im Nachhinein muss man feststellen, dass die Frühform, von der wir alle so begeistert gewesen sind, unseren Spielern zum Verhängnis wurde. Die Erfolge am Anfang waren eigentlich unrealistisch. Deutschland und Italien dagegen hatten einen schlechten Start. Jetzt sind sie die Favoriten - zusammen mit den Russen natürlich. Und auch Spanien kommt leise angeschlichen. Unsere Elf konnte sich einfach nicht mehr steigern. Dass wir Meister der Vorrunde sind, ist nur ein kleiner Trost".

Ob die Niederländer nun durch Hiddinks' Schlag im Schockzustand sind, ist die Frage. Zwar gab es in Delft einen Miniaufruhr, doch die meisten Fans gingen, zwar aufgewühlt und enttäuscht, ganz einfach ins Bett, wie auch die Bewohner in Goirle. Einerseits können die Holländer genießen und ausgelassen feiern wie kein anderes Land, aber sie schalten auch nüchtern und relativierend um, wenn das Fest vorbei ist. Die Masse, die in Basel dabei war, wird in einem langen Oranje-Strom fröhlich nach Hause zurückkehren und den Kollegen am Montag erzählen, wie schön es war, hautnah alles miterlebt zu haben.

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