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Nihat Kahveci: Tore mit der Sehne eines Toten

Andere hätten ihre Karriere beendet. Doch Nihat Kahveci kam nach zwei Kreuzbandrissen wieder zurück - und ist der neue Star in der türkischen Mannschaft. Bei seiner Genesung half ihm eine Spende aus dem Jenseits.

Von Oliver Trust

Wenn Nihat Kahveci Witze macht, fallen die zuweilen derb aus. Und er macht wirklich gerne Witze über sein Knie und die Sehne, die man ihm beim ersten seiner zwei Kreuzbandrisse im Frühjahr 2005 einsetzte. Es ist eine besondere Sehne, die Sehne eines Toten. Eine "Spende aus dem Jenseits", weshalb man dem türkischen Nationalspieler nun einen guten Kontakt in die andere Welt nachsagt. Das findet er auch völlig in Ordnung und nutzt den Umstand zu seinen Späßen. "Wenn ich schlecht schieße, dann sage ich einfach, die haben mir die falschen Bänder eingesetzt", sagt der nur 1,75 Meter große Nihat, der neben den meisten Verteidigern wirkt wie ein Zwerg. Und jedes Mal lacht der 28-Jährige laut und fängt mit dem nächsten Spruch an.

Im Februar 2005 passierte es das erste Mal, im November 2006 erneut. Zweimal Kreuzbandriss, normalerweise bedeutet das im Spitzensport das Aus. Es gleicht fast einem Wunder, dass er überhaupt noch spielen kann, dass sein Schuss noch so gewaltig ist wie vor seinen schweren Verletzungen. Aber es ist so. Wirklich erklären kann es Kahveci selbst nicht. Nur mit seiner Leidenschaft, die er für seinen Job empfindet und für sein Land. "Wir alle tragen die Türkei in unserem Herzen", sagt er und liegt damit tadellos auf der offiziellen Linie. Wenn große Turniere anstehen, werden in der Türkei Helden geboren, die Versager müssen wochenlang Hohn und Spott ertragen. Nirgendwo gibt es mehr Sportzeitungen als in der Türkei. Und jeden Tag erscheinen in den "normalen" Zeitungen seitenweise Fußballgeschichten.

Nachfolger des "Bullen vom Bosporus"

Männer wie Nihat Kahveci nutzen diese Chance, zum Nationalhelden aufzusteigen. Nun heißt es sogar, er sei der legitime Nachfolger des "Bullen vom Bosporus". Damit ist Hakan Sükür gemeint, 112-maliger Nationalspieler, den Nationaltrainer Fatih Terim gegen alle Widerstände aussortierte. Nun hat ihn der kleine Kahveci erlöst. Terim ist ebenfalls zu einem der Helden geworden, die es ins Viertelfinale geschafft haben und der Türkei so Ruhm und Ehre gebracht haben. Der Grat zwischen Nationalismus und Begeisterung ist manchmal fließend.

Aber nun haben sie ihn. Schnell, trickreich, mit Zug zum Tor. Ein kleiner Zauberer, der nicht viel braucht, um daraus eine Torchance zu machen. Die derzeitige EM-Form des Stürmers ist umso erstaunlicher, wenn man seine jüngste Geschichte betrachtet. Lange fehlte er, plagte sich mit Reha-Übungen herum und lange wusste auch der Stürmer des FC Villareal nicht, ob er seine Karriere überhaupt fortsetzen kann. Und ob sein Knie den Belastungen standhalten würde. "Es ist ein besonderes Geschenk, so nicht gehen zu müssen. Ich empfinde es als seltenes Glück, noch hier auf dem Rasen zu sein", sagt Nihat Kahveci.

18 Saisontreffer in der Primera Division

Er kämpfte sich zurück und zeigte seine Klasse. 2007/2008 landet er mit 18 Toren auf Platz vier der Torjägerliste der Primera Division. "El Pais" schrieb, "Nihat ist zwei wert". Und "El Mundo" machte ihn zum "besten Spieler" der Saison in seinem Klub. 2002/2003 schoss er in Spanien 23 Tore, so viele wie Ronaldo. Nur Roy Makaay traf mit 29 Mal öfter.

Wie es aussieht, wenn Nihat schießt, zeigt er gegen Tschechien in der letzten Spielminute. Es gleicht einem Naturereignis. Der 1,75 Meter große Offensivspieler wurde innerhalb von zwei Minuten zum Volkshelden. Wenn er das nach den Toren in der EM-Qualifikation gegen Norwegen und Bosnien nicht ohnehin schon war. Auf der EM-Bühne schlug das einstige "Jahrhunderttalent" von Besiktas Istanbul wieder zu. Beim 2:2 stand er goldrichtig und schob den Ball nach Petr Cechs fatalem Fangfehler ins Tor. Torriecher nennt man das wohl. Beim 3:2 hämmerte der 28-Jährige ein Zuspiel von Hamit Altintop atemberaubend unter die Latte.

Das erwarten die Fans in der Türkei nun auch von ihm gegen Kroatien heute Abend im Viertelfinale. Wieder ist die Türkei wie gegen die Tschechen nur der Außenseiter. Aber wieder haben sie ihn, den Wunderstürmer mit der besonderen Kniesehne. Und sie haben ein neues Gemeinschaftsgefühl. "Die Siege über die Schweiz und Tschechien haben uns sehr viel Selbstvertrauen gegeben", sagt Nihat Kahveci und grinst dabei schelmisch. Er will vor dem Kroatienspiel noch mal mit dem Jenseits sprechen.

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