EM-Tagebuch, Tag 9 Stasi-Methoden statt Wiener Schmäh


Das hat noch gefehlt: Die Deutschen zittern um den Einzug ins Viertelfinale und unser EM-Reporter wird kurz vor dem Alles-oder-Nichts-Spiel gegen die Ösis von den eigenen Landsleuten malträtiert. In der Sicherheitszone vor dem Stadion wird Sächsisch gesprochen. Die Methoden erinnern an gute, alte DDR-Zeiten.
Von Klaus Bellstedt

Ich muss Ihnen jetzt mal erzählen, was mir schon seit einer Woche auf der Seele liegt. Verrückterweise hat das nichts mit dem Wetter zu tun. Das soll ja rechtzeitig zu den Viertelfinalspielen ab Donnerstag wieder besser werden. Aber auch egal, wir Deutschen wissen derzeit ja überhaupt noch nicht mal, ob wir dann noch dabei sind. Wobei, wir Deutschen sind bei der EM im Grunde doch allgegenwärtig - sogar bis zum Finale besetzen wir in Österreich und der Schweiz Schlüsselpositionen. Und genau das ist mein Problem.

Jeder Journalist trägt, damit er sofort und von jedermann als solcher auch identifiziert werden kann, bei der EM eine Akkreditierung um den Hals. Nur mit diesem Lichtbild-Ausweis kommt man in die Stadien und darf sich in den frost-gekühlten Medienzentren der Uefa aufhalten. Stilles Wasser in Plastikfalschen inklusive.

Soweit so schlecht. Akkreditierung hin oder her, theoretisch betrachtet könnte ja jeder Journalist zum Terror-Schreiberling mutieren und kleine Bomben mit in die Arena schmuggeln. Um dem aber vorzubeugen, gibt es Einlasskontrollen. Und die haben es wirklich in sich!

Kennen Sie den Flughafen London/Heathrow? Dann wissen Sie, wie die Engländer jeden Fluggast bis auf die Unterbuchse durchleuchten. Bei der EM geht es den Journalisten nicht anders. Laptop, Handy, Geldbörse, Schlüssel, Jacke, Sonnenbrille (!), alles darf munter abgegeben werden.

Und nicht nur einmal. Wer es auch nur wagt, die künstlich aufgeblasene Sicherheits-Zone der Uefa für die obligatorische Stadion-Wurst zu verlassen, dem droht 15 Minuten später die nächste Filzung.

Weiter geht der Spaß: Zu allem Überfluss wurde ich nun bereits schon zum dritten Mal vom Sicherheitspersonal der Uefa während der Stasi mäßigen Kontrolle aufs Schärfste angeblafft. Von wegen Wiener Schmäh! Im breitesten SÄCHSISCH darf man sich in Klagenfurt und Salzburg anranzen lassen. Sie haben richtig gelesen.

Fragen Sie jetzt nicht, warum die Österreicher nicht ihre Landsleute an diesem neuralgischen Punkt eingesetzt haben. Ich weiß es auch nicht. Fakt ist: Vor dem Betreten der Stadien fühle ich mich jedes Mal wie damals an der Grenze bei der Einreise in die DDR. Und ich kann nicht leugnen, dass der sächsische Dialekt mein Gefühl eher noch verstärkt.

Zuletzt hat mich übrigens eine kernige Lady im dezenten Grau auf mein Passfoto auf der Akkreditierung angesprochen. "Sind Sie des of dem Fodo?" "Nee, das ist mein Vater", hab ich zurückgefaucht. "Nu, man wird ja noch mal fragschen dürfen, is ja schließlich schwazz-weiß."

Ich war bedient. Sächsisches Sicherheitspersonal bei der EM in Österreich und der Schweiz. Es ist das letzte ungelöste Rätsel dieses Turniers.

Das nächste Mal in der Mixed Zone werde ich mir mal Michael Ballack greifen und ihn zu der Problematik befragen. Vielleicht hat ja der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft eine Erklärung dafür, warum seine sächsischen Landsleute hier sind und derart schlechte Laune verbreiten. Hoffentlich liegt's nicht an Ballack selbst…


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