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England-K.-o.: Football's staying home

Sie sind es gewohnt, bei Turnieren meist tragisch auszuscheiden. Die Fans der "Three Lions" singen trotzdem weiter. Jetzt ist der Super-GAU eingetreten: England fährt nicht zur EM. Das Leiden hat eine neue Dimension erreicht.

Von Klaus Bellstedt

Englische Fußball-Fans sind hart im Nehmen. Sie sind es gewohnt, dass ihr Team bei Welt- und Europameisterschaften selten über ein Viertel- oder Halbfinale hinauskommt - 1966 mal ausgenommen. Meist verlieren die von ihren Anhängern so inbrünstig geliebten "Three Lions" dann noch im Elfmeterschießen oder durch dusselige Fehler ihrer Torleute. Fast immer enden englische Träume bei großen Turnieren tragisch.

Die Fans kennen das mittlerweile, sie schütteln sich nach den immer wiederkehrenden Desastern und singen weiter. "Come on England", der stets trotzig angestimmte Schlachtruf, wirkt in Pubs und Arenen nach Niederlagen fast lauter als nach Siegen.

Seit Mittwochabend 22.51 Uhr hat das Leiden der englischen Supporters eine neue, grausame und nur selten dagewesene Dimension erreicht. Durch das 2:3 gegen Kroatien verpasst England erstmals seit 23 Jahren die Qualifikation für eine Europameisterschaft - der Super-GAU ist eingetreten. Dabei schien während dieser denkwürdigen 93 Minuten bei brutalem Dauerregen im neuen Londoner Wembleystadion alles auf ein Happy End hinauszulaufen, sogar eines mit Hollywood-Anstrich. Schnell, nach nicht einmal 15 Minuten, lagen die "Three Lions" nach teilweise unfassbaren Fehlern (Zwischenfrage: Wird England nach Peter Shilton eigentlich jemals wieder einen Torhüter im Kasten stehen haben, der diese Berufsbezeichnung auch wirklich verdient?) mit 0:2 hinten. Paralysiert geht eine ganze Nation mit Lampard, Gerrard und Co. in die Halbzeitpause. Alle hoffen auf das Wunder.

Eben doch ein göttliches Recht darauf, immer dabeizusein

Dann zieht der mittlerweile (endlich!) gefeuerte Nationalcoach Steve McClaren seinen letzten Trumpf. Volksheld David Beckham, der seine Dollars in der amerikanischen Operettenliga in LA verdient, soll es richten. Und Becks zeigt sofort, warum ihn seine Landsleute immer noch zutiefst verehren. Nach dem Anschluss-Elfmeter von Lampard bebt das Stadion. Es läuft die 65. Minute, die es aus englischer Sicht eigentlich verdient gehabt hätte, eine ewige zu werden: Perfekte Rechtsflanke von Beckham - nur er kann das so auf der Welt - der dünne Schlacks Crouch stoppt mit der Brust, knallt volley das 2:2 ins Netz - Wembley im Wahn! Das "God save the queen" schwappt rein geräuschpegelmäßig über den Kanal. Das ist Support! Auf dem europäischen Festland wackeln die Pubs, die Pints fließen noch schneller als sonst.

Die Herrlichkeit hält knapp zehn Minuten an. England will das Unentschieden verwalten - und wird gekillt. Kroatiens Bundesliga-Star Mladen Petric von Borussia Dortmund jagt die Kugel aus 25 Metern ins lange Eck, 2:3. Ein Tor, das England mitten ins Herz trifft. Es folgen Minuten des chaotischen Anrennens - natürlich ohne Erfolg. Das hätte einfach nicht gepasst (siehe oben...), aber es wäre so bitter nötig gewesen. Nach diesem Spielverlauf so zurückzukommen und sich doch noch für die EM zu qualifizieren, das Tragik-Trauma wäre endgültig spielend überwunden. Aber so? "Wir Engländer haben kein göttliches Recht darauf, bei jedem großen Turnier mitzuspielen", sagte der Präsident des englischen Fußball-Verbandes FA, Geoff Thompson, am Donnerstag nach der verpassten EM-Teilnahme. Die Fans sehen das anders. Auch wenn es in Deutschland so richtig keiner zugeben wird: Wir werden sie vermissen, die Engländer.

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