HOME

Eriksson übernimmt 1860 München: Chaos um den "geilen Sven"

Sven-Göran Eriksson wird neuer Trainer bei 1860 München. Doch der Club vergisst, Eriksson darüber zu informieren. Nach dem vorläufigen Ende des Machtkampfs geht das Chaos bei den Löwen weiter.

Von Maximilian Koch

Sie hatten sich Zeit gelassen. Viel Zeit. Es war bereits kurz vor drei Uhr in der Nacht auf Dienstag, als Otto Steiner, der Aufsichtsratsvorsitzende der Münchner Löwen, das spektakuläre Ergebnis der nächtlichen Zusammenkunft verkündete: Sven-Göran Eriksson wird tatsächlich der neue Trainer des TSV 1860. "Er ist ein Welttrainer. Wir müssen jetzt versuchen, seinen reichen Erfahrungsschatz für uns zu nutzen", lobte Geschäftsführer Robert Schäfer den 64 Jahre alten Schweden geradezu überschwänglich.

Das vorübergehende Ende des Machtkampfs, dachten alle. Doch bereits am nächsten Tag kehrte das Chaos zurück in den fast schon chronisch aufgeregten Club. Als schwedische und deutsche Zeitungen Eriksson um eine Stellungnahme baten, verblüffte der mit folgender Aussage: "Der Vizepräsident sollte mich anrufen, aber das ist nicht passiert. Es ist alles ein wenig seltsam. Ich muss einfach warten und sehen." Die Verwirrung war perfekt.

Trotz des peinlichen Kommunikationsproblems gilt als sicher, dass Eriksson die Löwen übernimmt. Gemeinsam mit dem bisherigen Coach Alexander Schmidt soll er den Fußball-Zweitligaclub zurück in die Bundesliga führen. So schnell wie möglich. Das jedenfalls ist das ambitionierte Ziel von Hasan Ismaik, dem schwerreichen Investor der Münchner. Eriksson war Ismaiks Wunschkandidat. Auch aus diesem Grund überraschte es nicht, dass sich die Sitzung des Kontrollgremiums derart in die Länge zog. Denn die Entscheidung für Eriksson war nicht nur eine sportliche. Es ging auch um Politik.

Waffenstillstand - zumindest vorerst

In den vergangenen Wochen hatte ein Machtkampf zwischen Ismaik und dem Münchner Club getobt, in dem es vor allem um die Frage ging, wie weit die Kompetenzen des jordanischen Geldgebers reichen. Die Logik Ismaiks sah in etwa so aus: Ich gebe euch das Geld, also kann ich gefälligst auch in allen Angelegenheiten mitreden. Der sportliche Bereich inbegriffen. In der Vereinsführung sah man die Dinge naturgemäß ein bisschen anders, weshalb es zum verbalen Schlagabtausch kam. "Ich kann mit diesen Leuten nicht arbeiten", lautete schließlich das Fazit Ismaiks.

Die Verpflichtung Erikssons lässt darauf schließen, dass man sich nun doch auf einen Kompromiss geeinigt hat: Ismaik bekommt seinen Trainer von Weltruf, dafür hält er sich künftig in Personalfragen zurück. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" ist Ismaik außerdem bereit, Investitionen in Zukunft enger mit der sportlichen Leitung abzusprechen sowie eine Garantie für das von ihm gewährte Darlehen zur Schuldentilgung des Clubs abzugeben. Die "Bild"-Zeitung spekuliert indes, dass Ismaik den Club mit einem möglichen Ausstieg erpresst haben könnte.

Es droht schon der nächste Interessenkonflikt

So oder so: Das Chaos wird den Münchnern wohl auch in den kommenden Wochen treu bleiben. Denn während die politischen Diskrepanzen zumindest fürs Erste geklärt scheinen, stellt sich immer noch die Frage nach der sportlichen Kompetenzverteilung. "Wir werden jetzt in die Gespräche mit den Trainern einsteigen, um die beste Lösung zu finden", sagte zwar Geschäftsführer Schäfer. Wie die jedoch im Detail aussehen soll, ist noch völlig offen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein Mann wie Eriksson, der englischer Nationaltrainer war und Lazio Rom zum italienischen Meistertitel führte, einem relativ unerfahrenen Coach mit Namen Alexander Schmidt auf Augenhöhe begegnen will. Und auch Schmidts Reaktion auf die Verpflichtung Erikssons lässt Zweifel an einer harmonischen Zusammenarbeit aufkommen: "Ich bin generell aufgeschlossen", sagte er. "Aber ich werde keinen Co-Trainer mehr machen, egal, ob in Barcelona, Madrid oder weiß der Teufel wo."

Vielleicht hat Schmidts Skepsis auch mit dem angekratzten Ruf des Schweden zu tun, der in der zweiten Hälfte seiner Trainer-Laufbahn häufiger in Klatsch-Blättern auftauchte als in Sport-Magazinen. In seiner Zeit als Coach der "Three Lions" ließ er sich auf diverse Affären ein, was der englische Boulevard zum Anlass nahm, ihm den Spitznamen "Der geile Sven" zu verpassen. Ganz zu schweigen von der sportlichen Erfolgslosigkeit, die ihn auch auf seinen weiteren Stationen in Mexiko und bei Manchester City begleitete.

Ob Eriksson deshalb der geeignete Mann ist, um das zwar talentierte, aber unerfahrene Team der Löwen in die Bundesliga zu führen, bleibt abzuwarten. Langeweile wird bei den Münchnern aber garantiert nicht einkehren.

Wissenscommunity