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England: Insel im Tränenmeer

Sie können es nicht fassen, England steht unter Schock. Schon wieder sind sie gegen Portugal ausgeschieden, schon wieder im Elfmeterschießen. Zumindest hat man auf der Insel schon einen Schuldigen für die Niederlage gefunden.

John Terry heulte wie ein Schlosshund, David Beckham war erschüttert und Sven-Göran Eriksson geschockt: Nach einem herzzerreißenden Viertelfinal-Krimi endete die WM-Mission der englischen "Löwen" in einem erneuten Elfmeter-Desaster. "Wir haben versagt. Diese Niederlage tut höllisch weh", sagte Englands Trainer Eriksson nach dem schrecklichen Ende seiner fünfeinhalbjährigen Amtszeit. "Mir ist hundeelend", stotterte Steven Gerrard. Aus der Traum vom ersten WM-Titel seit 40 Jahren - zum dritten Mal seit 1990 zogen die "Three Lions" in der Elfmeter-Lotterie bei einer WM eine Niete und mussten nach dem bitteren 1:3 Portugal den Vortritt ins Halbfinale gegen Frankreich lassen.

Im Mutterland des Fußball herrschte nach dem insgesamt sogar fünften Elfmeter-K.o. bei großen Turnieren Untergangstimmung. "Das Ende der Welt", klagte der "Sunday Express". "Tapferes England leidet wieder im Elfmeterschießen", schrieb die "Times". Das Massenblatt "The Sun" titelte "Es ist vorbei" und stellte Wayne Rooney an den Pranger: "Unsere Träume in Ruinen." Ausgerechnet der 20-jährige Stürmerstar von Manchester United, der nach ausgeheiltem Fußbruch Englands Titelhoffnungen trug, war zum Spielverderber in den eigenen Reihen geworden.

"Alles lief nach Plan. Wir hatten das Spiel im Griff, aber dann ging alles schief. Ein Mann weniger, das kostete Energie", sagte Eriksson. In der 62. Minute sah Rooney Rot, als er vor den Augen von Schiedsrichter Horacio Elizondo den am Boden liegenden Ricardo Carvalho in den Unterleib trat und danach seinen ManU-Kollegen Cristiano Ronaldo umstieß. "Über die Rote Karte können wir uns nicht beschweren. Ich bin wütend", verhehlte Eriksson nicht seinen Zorn über Rooneys Frustreaktion. Sein Team habe in Unterzahl Charakter gezeigt und enorm gefightet, "aber im Elfmeterschießen mussten wir für unseren Kraftakt bezahlen." Auch der wieder enttäuschende Fehlschütze Frank Lampard bestätigte: "Wir hatten nichts mehr im Tank."

Wortlos, mit einem blauen Müllsack auf dem Rücken und begleitet von zwei Bodyguards ging Rooney nach Spielende an den Journalisten vorbei als erster in den Mannschaftsbus. "Mit Rooneys Platzverweis nahm das Unglück seinen Lauf", sagte Geoff Hurst, Schütze des legendären Wembley-Tors beim WM-Triumph 1966 der "Sun". Die Spieler machten dem Heißsporn keinen Vorwurf. "Wayne steckt das weg. Er ist unsere Zukunft", meinte Beckham, der in der 58. Minute wegen einer Knieblessur vom Platz musste und auf der Reservebank in Tränen ausbrach. "Wir alle sind am Boden zerstört", sagte der Superstar nach seinem womöglich letzten WM-Spiel.

Der heutige Kapitän hatte bei der WM 1998 gegen Argentinien als bis dato letzter Engländer bei einer WM Rot gesehen und war damals bei der englischen Öffentlichkeit in Ungnade gefallen. Rooney droht ein ähnliches Schicksal. Sein Platzverweis habe keinen massiven Einfluss gehabt, meinte Owen Hargreaves und fasste das Entsetzen des Möchtegern-Weltmeister zusammen: "Es ist eine Schande. Wir müssen heim. Damit hat keiner von uns gerechnet." Der Bundesligaprofi von Bayern München machte sein bestes Spiel für England und wurde von den rund 30.000 englischen Fans mit Sprechchören "Es gibt nur einen Owen Hargreaves" endlich akzeptiert.

Der gebürtige Kanadier behielt als einziger Engländer im "Shoot out" die Nerven. Frank Lampard, Steven Gerrard und Jamie Carragher im zweiten Versuch ("Ich wusste nicht, dass der Ball freigegeben werden muss") scheiterten an Portugals Torhüter Ricardo. Englands Elfmeter- Albtraum als endlose Geschichte - drei Mal bei WM-Turnieren (1990, 1998 und 2006) und zwei Mal bei einer EM (1996 und 2004) gescheitert. Eriksson war ratlos: "Wir haben sehr viele Elfmeter geübt. Ich weiß nicht, was wir mehr hätten tun sollen."

Der 58-Jährige, dessen Job sein bisheriger Assistent Steve McClaren übernimmt, hatte wie beim EM-Viertelfinale vor zwei Jahren in Lissabon wieder kein Elfmeterglück und war erneut der große Verlierer im Trainerduell mit seinem Widersacher Luiz Felipe Scolari. "Eriksson hat die falsche Mannschaft ausgewählt", kritisierte Englands ehemaliger Top-Torjäger Gary Lineker in der BBC. Aber nicht allein der Schwede musste zahlen. Englands Buchmacher kostete das WM-Aus der "Löwen" umgerechnet 36,14 Millionen Euro. Ein Londoner Geschäftsmann verlor allein 290.000 Euro.

Gerd Münster und Morten Ritter/DPA / DPA

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