HOME

Stern Logo WM 2006

England - Portugal: England wird es nie lernen

England hatte gegen Portugal alles gegeben, den Beckham-Ausfall und die rote Karte gegen Wayne Rooney verkraftet. Doch dann kam das Elfmeterschießen - und das können die Jungs von der Insel einfach nicht.

Von Klaus Bellstedt, Gelsenkirchen

Was für eine Stimmung in der Gelsenkirchener WM-Arena! Das Dach wurde geschlossen, innen herrschten tropische Temperaturen, aber den Fans, unter ihnen 40.000 englische Schlachtenbummler, machte das gar nichts aus. Gänsehaut pur beim Abspielen der Nationalhymnen; der Rahmen für diesen Klassiker der WM-Geschichte, England gegen Portugal, war bereitet.

Munterer Beginn auf beiden Seiten und fast ein Auftaktgeschenk der Portugiesen für die Engländer, als Fernando Meira den Ball vor die Füße von Rooney prallen ließ. Der Jungstar der "Three Lions" aber zu überrascht schien. Sein Schuss aus aussichtsreicher Position wurde abgeblockt (2.). Und immer wieder Wayne Rooney. Der Mann von Manchester United avancierte in der Anfangsphase zum auffälligsten Akteur auf dem Platz. In der 9. Minute prüfte er Portugals Schlussmann Ricardo mit einem Dropkick von der Strafraumgrenze. Auch sonst setzte Rooney mit seinen kraftvollen Antritten erste Akzente in einer zunächst lebhaften Begegnung.

Deco fehlt an allen Ecken und Enden

Portugal versteckte sich keineswegs und hatte durch einen gefährlichen Schuss von Cristiano Ronaldo (9.) sowie Tiago (13.) gute erste Gelegenheiten. Das Spiel wog weiter hin und her, ohne erkennbare Vorteile für das ein oder andere Team. Während England durch Einzelaktionen (Gerrard, Rooney, Beckham) glänzte, überzeugte die Seleccao durch kluges und flüssiges Kombinationsspiel. Die bis dahin größte Chance zur Führung besaß Frank Lampard, der eine scharfe Hereingabe von Gerrard um Zentimeter verpasste. Ricardo im Tor wäre geschlagen gewesen (21.).

Bei den Engländern war im Vergleich zu ihren vorausgegangenen Spielen eine klare Leistungssteigerung zu erkennen. Das Team von Trainer Eriksson wirkte hochkonzentriert und auch körperlich sehr präsent. Portugal dagegen merkte man das Fehlen von Kreativspieler Deco an. Die Schaltzentrale zwischen Abwehr und Angriff wurde schmerzlichst vermisst. Die einzige Spitze Pauleta hatte es oft schwer, sich ohne Unterstützung aus dem Mittelfeld gegen die englischen Abwehrriesen durchzusetzen.

Keine Tore zur Halbzeit

Nach gut einer halben Stunde verflachte die so flott begonnene Partie, beide Teams schalteten einen Gang zurück und schonten Kräfte. Die fast schon unerträgliche Hitze tat ihr übriges dazu: Viel Leerlauf, viele Fouls, viele Unterbrechungen. Eine schöne Einzelleistung von Luis Figo in der 39. Minute, als er mit einem Drehschuss vom linken Strafraumeck das Tor um einen Meter verpasste, erregte nach langer Zeit mal wieder die Gemüter der Zuschauer. Und noch mal Portugal, das sich kurz vor der Pause einen optischen Vorteil verschaffte: Nach einer Ecke von rechts köpfte Tiago aufs Tor, Englands Keeper Robinson klärte allerdings per Hechtsprung (42.). Auf der Gegenseite versuchte es noch einmal Lampard mit einem Schuss aus der Distanz, aber auch bei dieser Szene zeigte sich Ricardo auf dem Posten. Kurz danach schickte Schiedsrichter Elizondo beide Mannschaften beim Stand von 0:0 in die Kabinen.

Kurz vor dem Anpfiff der zweiten 45 Minuten schmetterten die englischen Fans wie üblich die Nationalhymne. Vielleicht auch schon als Abschiedslied für ihren Kapitän David Beckham. Der Superstar musste nämlich kurz nach Wiederbeginn verletzt vom Platz. Für ihn betrat Youngster Aaron Lennon von den Tottenham Hotspurs den Rasen. In der 53. Minute hätten sich Becks' Tränen der Enttäuschung beinahe in Freudentränen verwandelt, aber Frank Lampard verpasste nach Ecke von rechts völlig freistehend mit einem Aufsetzer das portugiesische Gehäuse (53.). Und England machte weiter Druck.

Rot für Rooney

Eine Stunde war gespielt, als der frische Lennon in den Strafraum eindrang, zwei Mann stehen ließ. Über Rooney kam die Kugel zum aufgerückten Joe Cole, der im Fallen über das Tor zielte. Kurz danach dezimierte sich die gute englische Elf selbst, als Wayne Rooney nach einem Tritt in den Unterleib von Ricardo Carvalho zur Recht vom Platz gestellt wurde. Nun war Gift in der Partie. Die Reaktion der englischen Fans auf die Rote Karte ihres Lieblings sah so aus: Zum dritten Mal stimmten sie "god save the queen" an, auch eine Form von Frustbewältigung…

Wer nun geglaubt hatte, dass England in Unterzahl dieses Unentschieden bis in die Verlängerung retten wollte, sah sich getäuscht. Mit der Einwechslung von Stürmer Peter Crouch für Joe Cole erhöhte Trainer Eriksson sogar das Risiko (64.). Portugal änderte auch in Überzahl sein Spiel nicht, behäbig wurde aus der Defensive nach vorne gespielt. Einzig Figo sorgte mit seinen angeschnittenen Schüssen vereinzelt für Gefahr. In der 79. Minute musste Paul Robinson schon sein ganzes Können aufbieten, um den Schlenzer des Stars von Inter Mailand zu entschärfen. Nur noch sporadisch in der Schlussphase einer nun niveauarmen Begegnung ließen sich die Engländer vor dem Tor des Gegners blicken. Nach einem Freistoß von Lampard war es Lennon, der an den Ball kam, aber im Nachschuss an Ricardo scheiterte (83.).

England mit Schlussoffensive

Viel tat sich vor Ablauf der regulären Spielzeit nicht mehr, Portugal wollte anscheinend nicht mehr, England, zumal mit zehn Mann, konnte schlichtweg nicht mehr. Erwähnenswert einzig noch, dass Portugals Coach Felipe Scolari kurz vor Ende seinen Kapitän Luis Figo aus der Partie nahm. Der Routinier war offenbar am Ende seiner Kräfte. Wie aus dem Nichts dann noch einmal die Engländer: Nach einer Ecke von rechts und toller Vorarbeit von Owen Hargreaves, war es John Terry, der aus kurzer Distanz den Ball ganz knapp neben das Tor setzte. Dann war Schluss, es ging wie schon bei Deutschland gegen Argentinien in die Verlängerung.

Zu Beginn der Verlängerung spielten sich in der Arena Szenen wie bei Handball ab. England stand massiv im und am eigenen Strafraum, Portugal ließ den Ball durch die eigenen Reihen laufen und suchte vergeblich nach einer Lücke. Das war hier längst kein schöner Fußball mehr, den beide Teams den 52.000 Zuschauern boten. Aber den "Three Lions" konnte man dafür sicher keinen Vorwurf machen. Die Portugiesen waren es, denen kein probates Mittel gegen die unheimliche sicher stehende Defensive der Engländer einfiel. Echte Torchancen blieben folgerichtig Mangelware. Einzig Cristiano Ronaldo mit einem Gewaltschuss aus 25 Metern sorgte in der 105. Minute für Gefahr.

Elfmeterschießen muss Entscheidung herbeiführen

Aufregung unmittelbar nach Wiederanpfiff zur zweiten Hälfte der Verlängerung: Die Engländer wollten einen Elfmeter haben, als Lennon nach einem Solo zu Fall ging, aber Schiri Elizondo zu Recht weiterspielen ließ. Auch in der nächsten umstrittenen Szene sollte der Referee richtig liegen. Ein Abseitstor des eingewechselten Helder Postiga verweigerte er die Anerkennung. Das Spiel lebte jetzt von der Dramatik. Der kleinste Fehler hätte jetzt zum "sudden death" geführt, der passierte aber hüben wie drüben nicht und so ging es ins Elfmeterschießen.

Die Nervenschlacht in der Hitze von Gelsenkirchen eröffnete Simao: Und der Ersatzkapitän traf sicher zum 1:0 für Portugal. Daraufhin versagten Frank Lampard die Nerven, Ricardo hielt seinen Elfmeter. Hugo Viana konnte aus dem Fehlschuss allerdings kein Kapital schlagen, denn der zweite portugiesische Schütze traf nur den Außenpfosten. Owen Hargreaves glich dann für England aus, der Bayern-Profi blieb ganz cool. Anders als Petit, der seinen Elfmeter rechts vorbei schoss. Aber wieder kein Vorteil, denn auch Gerrard vergab im Anschluss. Helder Postiga traf nach langer Zeit dann wieder ins Tor, 2:1 für Portugal. Dann der Auftritt von Carragher: Kurz zuvor erst eingewechselt versagte er mit seinem Elfmeter kläglich, Torhüter Ricardo konnte ohne Probleme parieren. Cristiano Ronaldo machte als letzter portugiesischer Schütze alles klar. 3:1 für die Seleccao.

Hoffnung wegen Deco-Rückkehr

Für England wiederholte sich die Geschichte von der EM 2004. Und das obwohl für die Männer von der Insel hier viel mehr drin war. Die Rote Karte gegen Wayne Rooney brach dem Team aber letztlich das Genick. In Unterzahl kämpften sie zwar vorbildlich, aber vorne fehlte ohne Rooney und dann auch noch ohne Beckham das Überraschungsmoment. Portugal muss sich steigern, wenn es im Halbfinale gegen Brasilien oder Frankreich weiterkommen will. Die Rückkehr von Deco sollte sie aber zuversichtlich stimmen.

Wissenscommunity