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FC Bayern verliert CL-Finale: München trauert und schimpft

Das "Finale dahoam" in München sollte zur ganz großen Party werden. Doch nach der Niederlage des FC Bayern gegen Chelsea herrscht auf den Straßen der Stadt Frust und Enttäuschung.

Von Malte Arnsperger, München

Blair ist in diesem Moment einfach nur glücklich. Die Sonnenbrille hat sich der dunkelhäutige Mann auf die Glatze geschoben, in der linken Hand hält er einen halbvollen Plastikbecher mit "Löwenbräu"-Bier, mit der rechten Hand streicht er liebevoll über sein blaues Chelsea-Trikot. 5000 Euro hat der Chelsea-Fan aus Trinidad und Tobago für den Viertages-Trip nach München ausgegeben. Zusammen mit einigen Kumpels von der Karibikinsel hat er sich das Champions-League-Finale in einer Kneipe an der Münchner Freiheit angeschaut. Die Freunde sind schon wieder im Hotel, nur Blair sitzt eine Stunde nach Spielschluss noch auf einer Bank, trinkt sein Münchner Bier – "es ist das beste der Welt" - beobachtet die vorbeiziehenden Bayern-Fans und sagt mit einem hochzufriedenen Lächeln auf den Lippen: "Its lovely", es ist wundervoll.

Blair hat sich einen Platz direkt an der Münchner Leopoldstraße ausgesucht. Ausgerechnet. Denn der vierspurige Prachtboulevard sollte an diesem Abend eigentlich zur rot-weißen Feier-Meile werden. Hier wollten die Bayern-Fans den Sieg im "Finale dahoam" bejubeln, wollten die Nacht zum Tag machen. Die Polizei hat die Straße weiträumig abgesperrt, wurden doch hunderttausende Menschen erwartet. Doch statt ohrenbetäubender Fangesänge dominiert das Geschepper von leeren Bierdosen, die von frustrierten München-Anhängern über den Asphalt gekickt werden. Menschen in Bayern-Trikot, Dirndl oder Lederhose irren über die Fahrbahn, streben in die U-Bahn-Haltestelle oder sitzen auf den Bordsteinen und lassen die Köpfe hängen. Nur ganz vereinzelt traut sich einer mal "Bayern, Bayern" zu rufen. Doch es stimmt niemand ein.

"Herrlich, dass die Bayern schon wieder verloren haben"

Mitten auf der Straße stehen drei junge Männer zusammen. Einer davon ist Julian, Student aus Essen, Bayern-Trikot. "Ich bin extra angereist für dieses Spiel um die Bayern so richtig zu feiern. Und jetzt das. Es ist so traurig", sagt er und nuckelt an seinem Bier. Neben ihm steht sein Kumpel Jan, eingefleischter Borussia Dortmund Fan, und grinst. "Für mich ist das echt geil heute Abend. Ich studiere zwar in München. Aber ich finde es herrlich, dass die Bayern schon wieder verloren haben."

Damit dürfte er eine Minderheitenmeinung in München vertreten. Seit Tagen hat die Stadt auf dieses Ereignis hingefiebert. Die Zeitungen haben Sonderseiten gedruckt und bereits den Weg für die Bayern-Siegesfahrt am Sonntag veröffentlicht. Seit Mittags hatten die Bars und Biergärten überall in der Stadt zum Public-Viewing eingeladen, rund 100.000 Fans hatten sich im alten Olympiastadion und auf der Theresienwiese zum gemeinsamen Fußball-TV-Erlebnis getroffen.

Kaum Kundschaft in den Kneipen

Doch aus der erhoffen Siegessause in der Stadt und speziell auf der "Leo" wurde nichts. Enttäuscht, aber zumindest weitgehend friedlich versuchen die Bayern-Fans die Niederlage in "ihrem Finale" zu verdauen. Selbst die Lust auf Alkohol ist da vielen anscheinend vergangen. Am Fahrbahnrad der Leopolstraße hat ein Kneipenbetreiber drei Kühlschränke aufgebaut. Sie sind randvoll mit Bierdosen. 3,60 Euro sollen sie kosten. Aber Kundschaft gibt es kaum.

"So eine Scheiße, alle gehen nach Hause", sagt Kellner Thomas, der an der improvisierten Theke steht und wehmütig den vorbeilaufenden Massen hinterherschaut. "Wenn die Bayern gewonnen hätten, hätten wir hier heute wahrscheinlich doppelt so viel verdient. Ich denke, 20.000 Euro gehen uns wegen der Niederlage durch die Lappen."

"Der Schweini erholt sich davon nicht mehr"

Die zwei Schuldigen für diesen frustrierenden Abend sind hier rund um die Leopoldstraße schnell gefunden. Arjen Robben und Bastian Schweinsteiger. "Ich habe es gewusst, dass der Robben verschießt", sagt Unternehmensberater Sebastian aus München. Analena aus Rosenheim meint: "Ja mei, wenn man schießt wie ne Frau, so wie der Schweinsteiger, kann das ja nichts werden."

Auch in den U-Bahnen gibt es an nur ein Thema: Die verschossenen Elfmeter von Robben und Schweinsteiger. "Der Schweini erholt sich davon nicht mehr", heißt es da und "Robben darf nie wieder einen Elfer für die Bayern schießen". Einen, der es besser gemacht hat, treffen viele Bayern-Fans an diesem Abend beim Nachhauseweg desöfteren unfreiwillig wieder. Überall in der Stadt hängen Werbeplakate einer Sportartikelfirma. Sehr beliebtes Motiv: Chelsea-Matchwinner Didier Drogba.

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