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FC Bayern verliert Champions-League-Finale: Endstation Sehnsucht

Der FC Bayern hat das "Finale dahoam" gegen Chelsea verloren. In dem Drama durchlebten die Münchner die komplette Gefühlswelt des Fußballs - und scheiterten schließlich an sich selbst.

Von Klaus Bellstedt, München

Am Ende war nur noch Stille. Und Leere. Als die geschlagenen Bayern-Profis mit ihren Verlierermedaillen in den Händen um kurz vor Mitternacht durch die Mixed-Zone im Bauch der Arena schlichen, war nur das Klackern ihrer Stollenschuhe zu vernehmen. Mit gesenkten Köpfen ging erst Arjen Robben schweigend an den wartenden Journalisten, die sich selbst kaum trauten, Fragen zu stellen, in die Kabine. Mario Gomez behalf sich einer Verlegenheitsgeste, er strich sich mit der linken Hand durchs Haar, immer und immer wieder. Dann verschwand auch der Stürmer gruß- und kommentarlos in der Umkleide. So ging es weiter.

Einer der ersten Münchner, der die Worte wiederfand, war Thomas Müller. Jener Müller, den das kreischende Publikum nach 83 Minuten eigentlich schon zum Helden dieses Champions-League-Finales auserkoren hatte. Weil dem Nationalspieler zu diesem Zeitpunkt in einem unfassbar einseitigen Endspiel gegen den FC Chelsea endlich der erlösende Führungstreffer für die Bayern gelungen war. "Jeder, der auf Bayern-Seite ist, kann annähernd mitfühlen, was in uns vorgeht. Das gab es leider schon viel zu oft, dass Fußballspiele so enden", sagte Müller. Er versuchte Haltung zu wahren und fügte noch einen trotzig hinterher: "Fußball ist nicht alles im Leben."

"Wie ich das verdaue? Ich habe keine Ahnung"

"Endstation Sehnsucht" ist ein englisches Theaterstück von Tennessee Williams. Es ist ein Drama in drei Akten. Weil eben auch dieses denkwürdige und elektrisierende Königsklassen-Finale ein Drama in drei Akten war, war Müller am Ende nicht der Held - sondern ein furchtbar trauriger Verlierer. Sie wollten Geschichte schreiben, diese Bayern. Sie wollten als erste Fußballmannschaft überhaupt ein Champions-League-Finale im eigenen Stadion gewinnen. Aber jetzt reckte hoch oben auf der Ehrentribüne ihres Stadions Chelsea-Kapitän Frank Lampard den silbernen Henkelpokal in die Fankurve der "Blues". Das war auch für den neutralen Betrachter unwirklich. Man wähnte sich im Kino. Aber es war die Realität. Endstation Sehnsucht.

Uli Hoeneß, der den Finaltraum vom Sieg im eigenen Stadion von allen Bayern vielleicht am intensivsten gelebt hatte, rang nach der 4:5-Niederlage nach Elfmeterschießen mit den Worten: "Ich habe dafür noch keine Erklärung. Wie ich das verdaue? Ich habe keine Ahnung. Das ganze Spiel war totaler Wahnsinn. Zu allen Phasen des Spiels waren wir die bessere Mannschaft", stammelte Hoeneß. Seine Augen waren noch feucht. Natürlich war der FC Bayern das bessere Team. Schweinsteiger, Kroos und Co. schossen unfassbare 35 Mal aufs gegnerische Tor, sie erarbeiteten sich sagenhafte 20 Ecken, sie spielten insgesamt wunderbaren Kombinationsfußball - aber sie scheiterten letztlich an sich selbst. Gestorben in Schönheit, so könnte man es auch formulieren. Wer in 120 Minuten Chancen wie am Fließband produziert, es aber in dieser unendlich langen Zeit nicht schafft, mehr als ein Tor zu erzielen, der hat es vielleicht auch nicht verdient, den Pokal zu gewinnen.

Robben, der Egomane

Der FC Chelsea spielte im ersten Akt des Dramas von München, in der regulären Spielzeit, genauso, wie es alle erwartet hatten: Abwartend, destruktiv und auf Kontor aus. Das war ja nicht verwerflich. So hatten die Engländer schon den großen Favoriten auf den Titelgewinn, den FC Barcelona, bezwungen. "Chelsea hat sehr kompakt gespielt, es ist nicht einfach gegen sie zu spielen", sagte Jupp Heynckes hinterher. Und weil die „Blues“ vorne mit Didier Drogba einen Stürmer der Extraklasse haben, ging es in die Verlängerung. Drogba war an diesem Abend auch ein entscheidender Faktor. Chelseas Angreifer stellte sein Pendant bei den Bayern, Mario Gomez, deutlich in den Schatten. Davon konnte man sich in jener für die Münchner so verhängnisvollen 88. Spielminute eindrucksvoll überzeugen, als dem ivorischen Stiernacken mit einem kraftvollen Kopfball der Last-Minute-Ausgleich gelang. Drogba brauchte genau eine einzige Chance für sein Tor, Gomez schoss gefühlte zwanzig M! al auf Petr Cechs Kasten - und schoss reihenweise links und rechts am Tor vorbei oder gleich direkt in den sternenklaren bayerischen Nachthimmel.

Aber auch Arjen Robben muss genannt werden. So sehr der Niederländer mit seiner Dynamik auch in dieser Partie wieder glänzen konnte, die Art und Weise, wie er in der Nachspielzeit den Elfmeter verschoss, war kläglich. Dass Robben nach seinem fatalen Fehlschuss von Dortmund, der den Bayern die Meisterschaft kostete, überhaupt wieder vom Punkt antrat, ist beinahe skandalös, hat aber mit dem Charakter diese Ausnahmespielers zu tun. Robben ist ein Egomane. Als er und Mario Gomez sich vor der Ausübung des Strafstoßes darüber unterhielten, wer von den beiden denn den Elfer treten würde, war allen vorher klar, dass sich Robben durchsetzen würde. Nach dem neuerlichen Desaster vom Punkt dürften die ohnehin schon niedrigen Beliebtheitswerte des Niederländers innerhalb der Mannschaft weiter gesunken sein.

Wunden brauchen lange, um zu verheilen

Als es schließlich in en dritten Akt des Dramas, das Elfmeterschießen ging, durchlebten die Bayern ein letztes Mal an diesem sommerlichen Abend von München die komplette Gefühlswelt des Fußballs. Wie schon beim Shootout in Madrid, so schien sich auch dieses Mal wieder Manuel Neuer zum Matchwinner aufzuschwingen, als er gleich den ersten Elfmeter von Juan Mata halten konnte. Aber Geschichte wiederholt sich eben doch nicht. Weder für den Klub, der 2001 den bisher einzigen Champions-League-Triumph im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia feiern konnte, noch für Manuel Neuer, der die vier restlichen Schüsse von David Luis, Frank Lampard, Ashley Cole und Didier Drogba nicht mehr abwehren konnte. Weil zudem auch noch Ivica Olic und Bastian Schweinsteiger am alles überragenden Cech und am Pfosten scheiterten, versank die rote Hälfte der Allianz-Arena schließlich in einem Tränenmeer.

Ein bitteres Spiel war für die Bayern vorüber. Als die Vorbereitungen für die Siegerehrung liefen, sanken die Spieler am Mittelkreis zu Boden. Jeder beanspruchte für sich, in dieser schwarzen Stunde allein und für sich zu sein. Zum dritten Mal in dieser Saison sind sie nur Zweiter geworden. Mit dem eigenen Selbstverständnis des deutschen Vorzeigeklubs ist das eigentlich nicht zu vereinbaren. Es wird lange brauchen, bis die Wunden vor allem dieses Abends verheilt sind. Dem unbekümmerten Thomas Müller traut man am, auch im Hinblick auf die EM, am ehesten zu, das Erlebte möglichst schnell zu verarbeiten und wieder nach vorne zu schauen. Als für die feiernden Chelsea-Fans ein Hit der englischen Kultband Madness vom Stadion-DJ aufgelegt wurde, erhob sich Müller vom Rasen. Er ließ seinen Blick durch das Stadion wandern. Schließlich hatte er seine Frau auf der Tribüne erblickt und warf ihr einen Handkuss zu. Fußball ist wirklich nicht alles im Leben. Auch wenn man das nach dieser Nacht kaum glauben mag.

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