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Deutscher Mittelfeld-Star: Ilkay Gündogan – Warum warnte ihn kein Berater vor der Erdogan-Huldigung?

Kurz bevor Ilkay Gündogan dem türkischen Despoten Erdogan huldigte, traf der stern ihn zum Gespräch. Die Nahaufnahme eines Mannes, über den Fußball-Deutschland gerade den Kopf schüttelt.

WM-Testspiel: Nach Treffen mit Erdogan: Pfeifkonzert für Özil und Gündogan

An einem sonnigen Freitag Anfang Mai sitzt der Fußballspieler Ilkay Gündoğan im Garten einer Bar in Manchester. Castlefield heißt die Gegend, sie ist beliebt vor allem bei jungen Leuten. Hier ist Manchester so, wie es einmal war. Speicherhäuser, Kanäle, Brücken. Stahl und altes Mauerwerk. Rau und herzlich. Die Bar heißt Barca, wie die Abkürzung des FC Barcelona, und sie gehörte früher dem Simply-Red-Sänger Mick Hucknall.

Dort, am Wasser, sitzt nun Gündoğan. Das heißt: Er sitzt dort nicht allein. Gleichfalls anwesend sein Cousin Ilkan, ein Freund, ein Berater seiner Agentur sowie eine junge Beraterin, auch von seiner Agentur. Beide sind aus Deutschland eingeflogen, es gibt ein paar Dinge zu besprechen mit ihrem Klienten. Wer Ilkay Gündoğan trifft, kriegt das volle Gedeck.

Dazu werden wir noch kommen. 

Ilkay Gündogan – Warum warnte ihn kein Berater vor Erdoğan-Huldigung?

Ilkay Gündogan, 27, fotografiert in Manchester – im deutschen WM-Trikot von 1990

Ilkay Gündogan gilt als Musterschüler

Er ist guter Laune an diesem späten Nachmittag. Manchester City, der Verein, für den er seit zwei Jahren spielt, hat die englische Meisterschaft gewonnen und dabei meistenteils atemberaubenden Fußball gespielt. Er selbst ist verletzungsfrei durch diese Saison gekommen, hat an Statur gewonnen und an Kraft, und er wird bei der Weltmeisterschaft in Russland sein erstes großes Turnier für die Nationalmannschaft spielen. Es scheint obendrein die Sonne, was im englischen Norden eher die Ausnahme von der Regel ist. Und abends kommt sein Vater aus der Türkei geflogen.

Ilkay Gündoğan, 27 Jahre, so hochbegabt wie verletzungsanfällig, ist mit sich im Reinen. Er lächelt viel an diesem Nachmittag; die Welt ist noch in Ordnung. Nichts deutet darauf hin, dass dieser freundliche, zuweilen scheue Mann zwei Wochen später im Zentrum eines selbst verursachten Shitstorms stehen wird. Dass sich Politiker im Bundestag über ihn und seinen Nationalmannschaftskollegen Mesut Özil echauffieren, sich sogar die Kanzlerin zu einem Statement genötigt fühlt, dass der DFB auf Distanz geht und das Netz schäumt mit Häme, Hohn und unverhohlenem Rassismus.

Wie konnte das passieren?

Gündoğan trifft Erdoğan. Im Internet hieß es dazu: "Der Süpergau"

Gündoğan trifft Erdoğan. Im Internet hieß es dazu: "Der Süpergau"

Das Treffen mit Ilkay Gündoğan war lange geplant. Man traf Ilkays Onkel Ilhan im Herbst 2016 in London, auch er ein Berater des Neffen. Er musste selbst lächeln bei der Bezeichnung Onkel, denn der Onkel ist lediglich ein paar Jahre älter. Ilhan Gündoğan erzählte von der Familie, vom Ruhrgebiet und Gelsenkirchen, wo sie lebten und aufwuchsen. Genau wie Mesut Özil im Übrigen. Der Onkel sprach von Ilkays Großvater, der nach Deutschland kam und unter Tage malochte. Von Ilkays Eltern, der Vater fuhr Lkw. Es wurde klar, wie eng sie sind, die Gündoğans. Es war ein sehr angenehmes Gespräch über eine sehr angenehme Familie. Man vereinbarte einen Termin.


Und dann: verletzte sich Gündoğan. Wieder einmal. Und wieder einmal schwer. Es war ein nasskalter Dezemberabend, City spielte zu Hause gegen den FC Watford, und in der 34. Minute blieb Gündoğan liegen, hob, noch im Fallen, die Hand, untrügliches Zeichen für etwas Ernstes, was es auch war: Kreuzbandriss. Sein Trainer Pep Guardiola schlug die Hände vors Gesicht und hatte Tränen in den Augen. Ilkay Gündoğan gilt als einer seiner Musterschüler. Er stand lange auf seinem Wunschzettel, Guardiola wollte ihn unbedingt. Vor dem nächsten Spiel trugen seine Kollegen aus Solidarität ein Trikot mit Gündoğans Namen. Genauso ein Trikot wird er eineinhalb Jahre später dem türkischen Despoten Recep Erdoğan überreichen, signiert mit "Für meinen Präsidenten".

Auch dazu kommen wir noch.

Das Treffen wurde verschoben, Gündoğan ging in die Rekonvaleszenz. Wieder einmal. Ein Reporter der berühmten "New York Times" begleitete ihn zehn Monate lang und schrieb ein außergewöhnlich tiefes Porträt, "The Lonely Road Back From a Very Public Injury", der lange Weg zurück von einer sehr öffentlichen Verletzung. Der Spieler gab, ungewöhnlich für einen Profi, Einblicke in sein Seelenleben. Redete offen von Schmerz und Einsamkeit und Zweifeln. Er habe Angst, vergessen zu werden. Fußball ist ein Geschäft mit Kurzzeitgedächtnis. Niemand weiß das besser als er. Verletzungen und Pech sind die großen Konstanten seiner Karriere.

Prädikat "Weltklasse"

Die unglückselige Serie begann ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da sich ganz Europa um diesen jungen Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund riss. Er war der überragende Spieler auf dem Platz beim Champions-League-Finale gegen Bayern München in Wembley, Mai 2013. Er verwandelte den Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1, und noch heute muss er daran denken, was wohl passiert wäre, hätte der Schiedsrichter den bereits verwarnten Bayern-Spieler Dante nach einem rüden Foul gegen Marco Reus vom Platz gestellt, Dortmund dann in Überzahl – "das will mir heute nicht aus dem Kopf." Das Fachblatt "Kicker" adelte seine Leistungen ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien mit dem Prädikat "Weltklasse".

Aber während die Kollegen 2014 in Rio de Janeiro den Titel gewannen, saß Gündoğan daheim vor dem Fernseher, mit schwerem Herzen und frisch operierter Lendenwirbelsäule. Er hatte da fast ein Jahr lang nicht gespielt mit massiven Rückenproblemen. Und so ging das weiter, Gündoğan verpasste auch die Europameisterschaft 2016 in Frankreich – ausgerenkte Kniescheibe, abermals Pause. Es war die Seuche. Was aber seinen großen Fan Pep Guardiola nicht davon abhielt, Gündoğan zu Manchester City zu holen, für den damit gleich mehrere Träume in Erfüllung gingen: Wechsel in die beste Liga der Welt zu einem der besten Vereine der Welt, trainiert vom mutmaßlich besten Trainer der Welt.

Bundestrainer Joachim Löw musste oft auf Gündoğan verzichten. Bei der WM in Russland soll er dabei sein 

Bundestrainer Joachim Löw musste oft auf Gündoğan verzichten. Bei der WM in Russland soll er dabei sein 

Er spielte erstmals im September 2016, er zauberte, die englischen Zeitungen lobten überschwänglich, und Guardiola lächelte wie ein stiller Genießer, er hatte es immer gewusst, sein Gündoğan. In der Champions League schoss er zwei Tore gegen Barcelona, jenen Verein, den er ewig bewundert hatte. Alles lief, alles war gut. Dann kam Watford, 34. Minute, Kreuzbandriss. Zehn Monate Reha, Comeback und in dieser Saison der erste Titel mit City.

Über all das will man mit Ilkay Gündoğan reden an diesem Nachmittag. Es ist nur so: Man trifft heutzutage nicht einfach Fußballspieler und redet mit ihnen, zum Beispiel, über Fußball. In dieser Branche wird nichts dem Zufall überlassen. Deshalb gibt es Berater, die dafür da sind, Zufälle und Überraschungen auszusortieren, und zwar schon vorab, rein prophylaktisch. Eine Art Interview-Schutzimpfung. Ilkay Gündoğans PR-Mann, ein junger, blasser Mann aus München, möchte erst mal "Themenkreise definieren". Das macht man heute so in dieser Branche, und das macht es nicht besser. Fast jeder Profi hat einen Berater. Oder gleich mehrere.

Der Berater sagt, der Ilkay sei einer, der über den Tellerrand hinausblicke, und wenn sich etwa das "Wall Street Journal" bei Manchester City meldet, schickten die den Ilkay zum Gespräch, weil er sich zuverlässig gut artikulieren kann. Der Berater sagt auch noch, worüber der Ilkay nicht gern redet. Vergleiche zwischen seinem einstigen Trainer Jürgen Klopp und Pep Guardiola oder auch Vergleiche zwischen Manchester und dem Ruhrgebiet. Hat er schon tausendmal gemacht. Langweilt ihn. Das nennt sich "Themenkreise definieren", nach dem Ausschlussprinzip.

Teutonische Elementartugenden

Ilkay Gündoğan ist in der Tat ein intelligenter und aufgeschlossener Mensch, das macht die Erdoğan-Geschichte noch unverständlicher. Er hat Abitur, sein Englisch ist nahezu perfekt; manchmal, so erzählt er, träume er sogar auf Englisch.

Er sagt an diesem Nachmittag in Manchester durchaus kluge und nachdenkliche Dinge, und es ist zugleich offenkundig, dass er sich dann am wohlsten fühlt, wenn er über Fußball spricht, sein Kerngeschäft. Über Systeme und Balleroberung und Ketten. Dann beginnen seine Augen zu leuchten. Das ist seine Welt, diese Welt kann er am besten.

Er spricht über die Verletzungen, und das sie ihn verändert haben: "Das macht natürlich was mit einem. Die Angst ist da als ständiger Begleiter, also die Angst, dass es wieder passieren kann." Sagt, er sei als Mensch feinfühliger geworden.

Er spricht über die Nationalmannschaft und darüber, dass für ihn, den ständig Verletzten, selbst bedeutungslose Freundschaftsspiele bedeutungsvoll sind, weil er – obschon bereits 2011 erstmals berufen – auf gerade mal 24 Länderspiele kommt. Weshalb er sich riesig auf die WM freut, bei der er sein Team als Mitfavoriten auf den Titel ansieht, "in einem Pool mit Brasilien, Frankreich, Spanien, Belgien vielleicht". Er lobt den Bundestrainer Löw, "ich kann mir keinen besseren vorstellen als Trainer der Nationalmannschaft. Der hat ein ungeheures Gespür dafür, wie Spieler ticken. Er hat eine Gabe, das Maximum herauszuholen."

Pep Guardiola ist sein Trainer bei Manchester City – und großer Förderer

Pep Guardiola ist sein Trainer bei Manchester City – und großer Förderer

Erzählt sodann vom Leben in England, und man merkt, wie deutsch dieser Ilkay Gündoğan doch ist, weil er dort die teutonischen Elementartugenden Pünktlichkeit und Verlässlichkeit vermisst und sich aufregen kann über englische Handwerker, die kommen und gehen, wann es ihnen passt. Liebt jenseits solcher Imponderabilien seine neue Heimatstadt und zieht schließlich doch Parallelen zwischen Manchester und dem Revier. Sagt: "Die Menschen hier ähneln denen im Ruhrpott, sehr offen und gerade. Diese Stadt ist jung, sie ist multikulturell mit vielen jungen Studenten aus aller Welt."

Er kritisiert hauchzart die Bundesliga, äußert sich besorgt über seinen alten Klub Borussia Dortmund, und später wird sein Berater texten, dass man über diese Aussagen gern noch mal reden könne. Ilkay solle nicht wie ein Besserwisser dastehen. Dann ist das Gespräch beendet, weil der Berater noch was mit Gündoğan zu beraten hat und die Social-Media-Beraterin auch noch was will. Die vereinbarten zwei Stunden Gespräch sind auf 45 Minuten Geplauder zusammengeschmolzen. Fußballprofis leben in einer ganz eigenen Welt. Sie umgeben sich mit Menschen, die das meiste für sie regeln, und das ist auch sinnvoll. Gündoğan hat einen Koch und einen eigenen Physiotherapeuten, was bei seiner Verletzungsgeschichte verständlich ist. Sein Onkel Ilhan berät ihn, und die Firma aus München berät ihn, und im vergangenen Jahr hat ihn auch die Werbeagentur Jung von Matt aus Hamburg beraten und sein Social-Media-Profil überarbeitet.

Kommunikations-GAU

Nun, zwei Wochen später, fragt man sich, wo diese Menschen waren, nachdem Gündoğan und Mesut Özil am Rande einer großen Stiftungsveranstaltung im Londoner "Four Seasons" den türkischen Präsidenten Erdoğan getroffen hatten. Eine brachiale Dummheit. Özil schwieg dazu, was die wenigsten überraschte. Gündoğan ließ eine Mitteilung verbreiten, die die Sache nicht viel besser machte. Darin stand, er habe es als "Geste der Höflichkeit" verstanden wissen wollen, es sei kein politischer Auftritt und auch keine politische Ansage gewesen. Das mag zwar stimmen, ist aber rasend naiv.

Man will also wissen: Wie konnte das passieren? Wie konnte es passieren, in dieser auf Sicherheit zugeschnittenen Welt, in der nichts dem Zufall überlassen und jedes Zitat dreimal chemisch gereinigt wird, bis es aseptisch daherkommt.

Auf Präsidenten Tour: Vergangenen Samstag besuchte Gündoğan zusammen mit Mesut Özil (M.) das deutsche Staatsoberhaupt Frank Walter Steinmeier

Auf Präsidenten Tour: Vergangenen Samstag besuchte Gündoğan zusammen mit Mesut Özil (M.) das deutsche Staatsoberhaupt Frank Walter Steinmeier

Sein Berater, ein studierter Kommunikationswissenschaftler, sagt am Telefon, er habe von Gündoğans Treffen mit Erdoğan nichts gewusst. Was per se erstaunlich ist für einen Berater, ein Kommunikations-GAU. Man fragt ihn, ob es möglich sei, mit Gündoğan darüber noch einmal zu sprechen und ihn all das zu fragen. Das will er prüfen. Kurz drauf schreibt er, das sei schwierig, weil Ilkay gerade im Urlaub sei, "andere Zeitzone". Schickt dann noch einen Text, in dem er das "mein Präsident" zu erklären versucht. Der Text geht so: "Im Türkischen ist es eine linguistische Höflichkeitsform, jemanden mit dem Possessivpronomen 'mein' + seinem Rang zu titulieren. Z.b. müdürüm, hocam. Also wie in 'meine Dame', 'Monsignore' oder 'Mon Generale'. Wenn man im Türkischen 'Cumhurbaskanim' sagt, ist dies also nicht fraternisierend (verbrüdernd) gemeint, also nicht wörtlich zu nehmen, sondern die normale Höflichkeitsform." Der Berater teilt außerdem mit, dass Ilkay nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitze und bei der Nationalhymne mitsinge. Das werde oft falsch dargestellt. Man dankt ihm für diese wegweisende Klarstellung und schickt ihm vier Fragen mit der Bitte um Beantwortung, notfalls schriftlich.

Sie waren nicht kompliziert. Es waren die Fragen, die sich alle stellen. Wie konnte er so dramatisch unterschätzen, mit diesem Foto einem Despoten in die Hände zu spielen? Es war für Erdoğan ein PR-Geschenk. Ob Gündoğan niemand gewarnt habe aus seiner großen Entourage von Verwandten, Freunden und Beratern, mit der er sich auch umgibt, um solche Kollateralschäden zu vermeiden? Ob er die Kritik nachvollziehen könne? Und wie er mit dem tumben Rassismus umgehe, dem er sich nun ausgesetzt sieht?

Es wäre eine Chance gewesen, ein paar Dinge klarzustellen.

Integrationsdebatte von rechts

Es vergehen Tage. Der Onkel meldet und entschuldigt sich für das Durcheinander, das sei alles sehr unbefriedigend. Der Berater sagt, man arbeite noch an einem Statement, denn das Ganze habe jetzt eine politische Dimension erreicht. Hat es. Genau das ist das Problem. Die üblichen Verdächtigen vom rechten Rand brechen eine Integrationsdebatte vom Zaun; es werden Umfragen veröffentlicht, nach denen 36 Prozent der Deutschen Özil und Gündoğan aus der Nationalmannschaft expedieren würden.

So weit ist es gekommen.

Am vergangenen Samstag treffen Ilkay Gündoğan und Mesut Özil den zweiten Präsidenten binnen einer Woche. Sie reden mit Frank-Walter Steinmeier. Es war Gündoğans Wunsch und seine Initiative. Diesmal haben sie kein Trikot dabei. Gündoğan postet hernach auf Instagram, er verstehe die Kritik. Aber es habe ihn persönlich sehr getroffen, sich vorwerfen zu lassen, "dass ich unsere Werte nicht respektiere". Am Ende schreibt er: "Ab jetzt soll es endlich wieder um das gehen, was wir am besten können: Fußball!" Fußball kann er, das ist seine Welt. Kein Wort darüber, warum er mit Erdoğan posierte.

Gut beraten war er nicht.

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