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Interview

WM in Russland 2018: Per Mertesacker über Eistonnen, Qualen im Training und Teamgeist

Per Mertesacker hat seine Karriere als Fußball-Profi nach 15 Jahren beendet. Im stern-Interview spricht er über den Titelgewinn vor vier Jahren, die Qualen im Trainingslager und wie er heute auf seine berühmtes Eistonnen-Interview zurückblickt.

Per Mertesacker Buchvorstellung

15 Jahre als Profi liegen hinter Per Mertesacker, ab dem Sommer übernimmt er die Leitung der Nachwuchsakademie von Arsenal London

DPA

Herr Mertesacker, sie haben nach 15 Jahren eine erfolgreiche Karriere als Profifußballer beendet. Haben Sie sich schon an ihr neues Leben gewöhnt?

Nein, nach der Saison fahre ich mit der Familie in den Urlaub. Es fühlt sich noch relativ normal an. Ich glaube, ich werde es erst in den nächsten Wochen realisieren, wenn ich nicht an die Vorbereitung denken muss oder daran, irgendwelche Läufe zu machen, weil man wieder fit ins Training starten will. Das wird das Erste sein, das anders ist als in den 15 Sommerpausen zuvor.

Die Nationalelf hält sich gerade zur WM-Vorbereitung in Südtirol auf. Vor vier Jahren waren sie dabei, später wurden sie Weltmeister. Blicken Sie mit ein wenig Wehmut nach Eppan?

Nein, ich freue mich für die, die dabei sind, und ich denke gleichzeitig an diejenigen, die noch aus dem Kader gestrichen werden. Ich weiß, was die Jungs durchmachen. Man reist mit dem Kader an, alles ist ein bisschen unsicher, weil noch vier nach Hause geschickt werden. Dann gibt es die Spiele gegen die U-Mannschaften und man ist in Gedanken bei den letzten Testspielen, die anstehen. Ich denke aber nicht mit Wehmut zurück. Ich hatte tolle Momente im Trainingslager und mit der Nationalelf. Jetzt sind andere an der Reihe, dort Eindruck zu schinden und sich gut vorzubereiten.

Vor vier Jahren waren die Sorgenfalten größer als heute. Spieler wie Schweinsteiger, Neuer und Lahm waren angeschlagen. Reus hatte sich in einem Testspiel so schwer verletzt, dass er passen musste. Bei einem PR-Termin ereignete sich ein Autounfall mit Höwedes, die Journalisten hatten Zweifel an den Fähigkeiten der Nationalelf. Wie haben Sie das erlebt?

Erstmal freut man sich auf die Zeit, in der man nach einer langen Saison und nach einem kurzen Urlaub zusammenkommt, weil die Atmosphäre bei der Nationalmannschaft sensationell ist und die Unterstützung ist sehr, sehr groß. Man muss hier wirklich schwitzen, aber es ist eine tolle Zeit. Es gab damals die angesprochenen Sorgen wegen der Verletzten und der Spieler, die noch gestrichen werden. Aber das gilt auch für heute: In den Trainingseinheiten kann noch viel passieren. Im Vordergrund stand aber, dass die Mannschaft gut vorbereitet wird.

Haben Sie im Moment Kontakt zu Spielern oder Betreuern aus der Nationalmannschaft?

Nein, im Moment nicht. Da ist in dieser Phase jeder sehr fokussiert. Außerdem bekommt man so viel mit über alle möglichen Kanäle, das man topinformiert ist. Mit einigen Betreuern, die einem ans Herz gewachsen sind, schreibe ich ansonsten hin und wieder.

Wie schätzen Sie die aktuelle Mannschaft ein?

Sie ist sehr stark besetzt. Wir sind zu Recht einer der Favoriten und wollen die Titel verteidigen. Das ist allen klar. Das ist aber auch große Bürde. Dazu gehört auch, dass man sich trotz dieser Stärke als Mannschaft finden muss. Da werden einige Hürden für den Teamgeist kommen. Das geht los, wenn Joachim Löw den endgültigen Kader nominiert. Und später dann, wenn er die Spieler für die Startelf des ersten Spiels nominiert. Da wird es einige Dynamiken geben, die in und um die Mannschaft passieren. Das Team ist eine spannende Mischung aus jungen und erfahrenden Spielern. Ich hoffe, dass wir in Russland einen ähnlich starken Zusammenhalt entwickeln wie in Brasilien.

Ist der Teamgeist der entscheidende Faktor auf dem Weg zur Titelverteidigung?

Ja, das ist er. Die Frage ist immer, wie gehen wir mit schwachen Leistungen und Enttäuschungen um. Ich hoffe, dass sich die Spieler gegenseitig unterstützen und immer wieder fordern.

Vielleicht erleben wir wieder ein Eistonnen-Interview, so wie sie es vor vier Jahren nach dem mühsamen Sieg gegen Algerien im Achtelfinale gegeben haben. Ein vollkommen erschöpfter Per Mertesacker hat damals den übertrieben kritisch fragenden ZDF-Reporter Boris Büchler ziemlich auflaufen lassen. Die Nationalelf hat sich in dem Spiel ziemlich schwer getan, danach stellte Löw die Taktik um.

Das waren befreiende Momente. Zum einen war das Ergebnis befreiend, weil es im Spiel nicht gut lief und wir trotzdem als Sieger vom Platz gegangen sind. Zum Zweiten habe ich als Mensch mal einen rauslassen und uns gegen Kritik verteidigt. Es war so viel los um die Mannschaft. Im Rückblick finde ich es toll, sich das Interview nochmal anzuschauen. Ich hoffe, dass es in Russland zu gegebener Zeit so einen Ausbruch geben wird.


In der aktuellen Vorbereitung gab es bislang nur einmal Unruhe, weil sich Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan fotografieren ließen. Dafür setzte es viel Kritik. Wie beurteilen sie die Aktion?

Ich war schon überrascht, dass die Jungs sich ablichten ließen. Der ganze Ärger hat deutlich gemacht, was für eine große Verantwortung wir als Nationalspieler haben, auch als Vorbilder. Es war nötig, dass sie beiden das Ganze durch das Treffen mit dem Bundespräsidenten wieder zurechtgebogen haben.

Reden wir über den Bundestrainer. Was ist die größte Stärke von Joachim Löw?

Den Ton zu treffen in den richtigen Momenten. Sei es im Training, sei es in den Ansprachen vor und nach dem Spiel. Er besitzt die Fähigkeit, die Mannschaft immer wieder mitzuziehen. Das ist seine große Stärke. Er hat durch seine Erfahrung und den Gewinn des WM-Titels eine große Gelassenheit entwickelt und das Selbstvertrauen, immer wieder schwierige Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Deshalb vertraue ihm total, weil ich das alles selbst miterlebt habe und sehr dankbar bin für die gemeinsame Zeit. Ich weiß, dass er der richtige Mann ist, um uns durch das Turnier zu führen.

Zur nächsten Saison werden Sie die Leitung der Nachwuchsakademie von Arsenal London übernehmen. Was wollen sie Nachwuchsspielern vermitteln? 

Es wird eine sehr spannende Aufgabe, dass ich mich nicht mehr in erster Line um mich kümmern muss, sondern um andere und das Beste aus ihnen herausholen will. Natürlich muss ich viel lernen und ich möchte bestimmte Werte in die Akademie einbringen. Einen gewissen Realismus und eine gewisse Normalität, für die ich stehe. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass die jungen Spieler verstehen, dass es nicht nur zählt, angekommen zu sein und möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen, sondern das die ganze Ausbildung sehr wichtig ist.


Ist der Druck auf jugendliche Fußballer zu groß?

Er ist enorm gestiegen, weil die Aufmerksamkeit größer ist und das Geld eine größere Rolle spielt als früher. Deshalb müssen die Jungen auf das Ziel, Fußballprofi zu werden, ordentlich vorbereitet werden. Es kommt viel auf die Spieler zu. Ich möchte keine eiskalten Jugendlichen haben, sondern welche, die verstehen, worauf sie sich einlassen und die zuhören. Jeder Spieler muss durch bestimmte Phasen gehen und mit Druck umgehen können. Wichtig ist, dass sie verstehen, dass das normal ist. Ich werde zu jeder Sekunde für die Jungs ansprechbar sein.

Neben ihren Job als Akademieleiter bei Arsenal werden Sie auch Experte für den Streamingdienst DAZN in der Champions League tätig sein. Im Moment ist die Kritik am deutschen Vereinsfußball groß. Es heißt der deutsche Fußball sei international nicht mehr konkurrenzfähig. Sehen Sie das auch so?

Da ist man in Deutschland sehr von der aktuellen Situation gefangen. Langfristig gesehen steht der deutsche Fußball gut da, natürlich mit dem Aushängeschild Bayern München. Sie haben zwar eine große Dominanz in der Liga, aber ich hoffe, dass sich das verändert und ein Verein wie Dortmund mit dem neuem Trainer Lucien Favre wieder angreift. Grundsätzlich ist der deutsche Fußball absolut konkurrenzfähig, auch wenn es nicht die gleichen finanziellen Ressourcen wie in Spanien oder England gibt.


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