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Inter Mailand-Star Balotelli: Hautfarbe als Zielscheibe

Mario Balotelli ist 19 Jahre alt und Italiens größtes Fußballtalent. Viele Fans aber hassen den dribbelstarken Stürmer von Inter Mailand und pfeifen ihn aus. Grund: Seine Hautfarbe. In Italien macht man das Opfer nun sogar zum Täter.

Von Julius Müller-Meiningen, Rom

Es gibt viele Menschen in Italien, die finden es traurig, dass Mario Balotelli der einzige Italiener ist, der bei Internazionale Milano regelmäßig zum Einsatz kommt. Sie bedauern nicht, dass bei Inter, das seine Weltoffenheit im Namen trägt, so wenige Italiener spielen. Nein, der 19-Jährige mit dem Namen, der italienischer nicht sein könnte, 1990 in Palermo geboren und in der Provinz Brescia aufgewachsen, hat in ihren Augen eine zu dunkle Haut, um ein richtiger Italiener sein zu können.

"Jedes mal widert mich das Publikum hier mehr an"

Manche brüllen ihm deshalb in den italienischen Stadien Affenlaute hinterher, behaupten lautstark, es gebe keine "italienischen Neger". Juventus Turin musste daher als Strafe im vergangenen April ein Heimspiel ohne Publikum austragen. Ausgepfiffen wird Balotelli bei jedem Auswärtsspiel. Auch am Mittwoch gegen Chievo in Verona. Erst schoss er das entscheidende Tor zum 1:0-Sieg Inters. Später wurde er ausgewechselt und applaudierte höhnisch denen, die ihn auspfiffen. Nach dem Spiel sagte Balotelli im Akzent seiner Heimat Brescia: "Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, widert mich das Publikum mehr an."

Dass es sich dabei nur um die norditalienische Rivalität zwischen Brescia und Verona handelte, ist angesichts der Reaktionen ausgeschlossen. Veronas Bürgermeister Flavio Tosi, Parteigänger der offen fremdenfeindlichen Lega Nord, nannte den Spieler "unreif" und prophezeite, Balotelli würde "nie ein Star". Chievo-Präsident Luca Campedelli schimpfte, der 19-Jährige dürfe nicht "die ganze Stadt beleidigen". "Das Problem ist nicht seine Hautfarbe, sondern sein Verhalten auf dem Platz."

Weil sich die Beschimpfungen und Pfiffe gegen Balotelli am Mittwoch im üblichen Rahmen bewegten und das Chievo-Publikum im Gegensatz zu den Anhängern von Hellas Verona als sportlich und fair gilt, stieß Balotellis Kommentar bei vielen auf Unverständnis. Am Donnerstag verhängte der Sportrichter eine 7000-Euro-Strafe – nicht etwa gegen das Publikum, sondern gegen Balotelli, wegen seines als unsportlich gewerteten Applauses.

Balotelli eckt in Italien wegen vermeintlicher Fremdheit an

Der Fall zeigt, wie weit Fußballitalien davon entfernt ist, seine Identität als Einwanderungsland zu akzeptieren. Anders etwa als Deutschland, wo das Potenzial der Özils, Khediras oder Boatengs Thema ist und weniger ihre Herkunft. In Italien eckt Balotelli mit vermeintlicher Fremdheit, wenig Disziplin und großem Können an. Ansonsten verhält er sich wie ein Halbstarker, der in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen ist.

Balotellis Eltern, die nach seiner Geburt aus Sizilien in die Provinz Brescia im Norden zogen, ließen den Säugling im Krankenhaus zurück. Erst im Alter von zwei Jahren wurde "Supermario" ("Gazzetta dello Sport") von der Familie Balotelli aufgenommen und wuchs bei ihr auf. Inter-Trainer José Mourinho mokierte sich immer wieder über die Undiszipliniertheit des 19-Jährigen. Nach dem Verona-Spiel versuchte er, ganz Mourinho-untypisch, zu beruhigen: "Das Beste ist zu verstehen, wer Mario ist. Ein Junge, der manchmal Unsinn redet, den man aber am besten für sein Können auf dem Platz beurteilt."

Balotelli, Sohn ghanaischer Eltern, ist das größte Fußballtalent Italiens. Im Dezember 2007 debütierte er als 17-Jähriger in der Serie A, er ist Stammspieler in der U-21-Nationalelf und trotz Konkurrenten wie Diego Milito und Samuel Eto’o auch bei Inter. Der Sprung in die A-Nationalmannschaft aber lässt auf sich warten. Obwohl Nationaltrainer Marcello Lippi Bedarf an unberechenbaren, dribbelstarken Stürmern hat, berief er Balotelli bisher nicht. Manche meinen, die Aufnahme in die Squadra Azzurra wäre genau das richtige Signal.

Diesen Artikel haben wir für Sie in der Financial Times Deutschland gefunden

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