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Interview mit HSV-Trainer Martin Jol: "Sechs Teams können Meister werden"

Er greift mit dem HSV überraschend nach dem Meistertitel: Martin Jol. Im Interview mit stern.de spricht der Trainer des Bundesliga-Spitzenreiters über das Erfolgsgeheimnis seines Teams, Unterschiede zwischen englischem und deutschem Fußball - und über Rafael van der Vaart.

Herr Jol, von allen Teams, die sich an der Tabellenspitze Chancen auf den Titel ausrechnen, scheint ihre Mannschaft am gierigsten zu sein. Wie haben Sie es geschafft, auch die letzten Zweifler im eigenen Lager davon zu überzeugen, dass in dieser Saison die Meisterschaft für den HSV drin ist?

Ich sage den Spielern immer, dass sie alles schaffen können, was sie in den Köpfen haben. Und offenbar haben sie einiges darin. Dazu hat die Mannschaft einen hervorragenden Charakter. Ich nenne ihnen ein paar Beispiele: Marcell Jansen haben wir als Linksverteidiger geholt. Dann brauchten wir ihn im linken Mittelfeld - und er spielt dort ohne Murren. Alex Silva kam als Innenverteidiger, dann musste ich ihn ins defensive Mittelfeld stellen - problemlos. Paolo Guerrero ist Vollblutstürmer. Nach dem Weggang von Rafael van der Vaart hat er zum Teil dessen Rolle im offensiven Mittelfeld übernommen und war über Wochen unser bester Mann.

Der HSV kann Meister werden, weil...

Aktuell sind wir eine von sechs Mannschaften, die um den Titel spielt. So spannend war es in der Bundesliga schon lange nicht mehr. Wir wollen bis zum Schluss oben dabei bleiben. Dabei geht es für uns darum, die Balance innerhalb der Mannschaft Stück für Stück zu verbessern. Unsere Mittefeldspieler beispielsweise sind viel effektiver geworden. Jetzt gegen Leverkusen hat Jansen zwei Tore gemacht. Trochowski hat in der vergangenen Saison einen Treffer erzielt, in dieser Saison schon vier. David Jarolim bereitet viele Tore vor. Das ist eine sehr gute Entwicklung.

Auch beim HSV gibt es eine leicht ausgeprägte Form der Grüppchenbildung. Spieler, die die gleiche Muttersprache sprechen, sind sich automatisch näher. Inwiefern nehmen Sie Einfluss auf die Grüppchenbildung, die ja durchaus gefährlich für eine Mannschaft werden kann...

Grüppchenbildung? Das ist doch ein Klischee. Wenn die Muttersprache dreier Spieler Französisch ist, sind sie nicht automatisch eine Gruppe. Ihnen fällt nur die Verständigung leichter. Bei drei Deutschen dürfte das auch der Fall sein. Ich habe meine Mannschaft als echte Einheit kennengelernt, die auf dem Platz zusammen hält. Dass es bei einer so großen Gruppe, die so viel Zeit miteinander verbringt, auch mal zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen kommt, ist doch völlig normal. Da macht der Fußball keine Ausnahme.

Die Euphorie in Hamburg rund um den HSV ist riesig, die Erwartungshaltung traditionell hoch. Ist für sie der immense Druck manchmal eine Last? Kann man es mit Ihrer früheren Trainer-Tätigkeit bei den Spurs vielleicht sogar vergleichen? Auch Tottenham ist ja ein Traditionsclub...

Jeder, der im Profifußballgeschäft tätig ist, hat Druck. Ob bei Tottenham oder beim HSV. Damit lernt man umzugehen, wird gelassener. Die Erwartungshaltung übersteigt die Realität in den meisten Vereinen. Was zählt, ist der schnelle Erfolg. Wer hat schon die Geduld für einen kontinuierlichen Aufbau? Überlegen sie mal, wie viele neue Spieler wir im Laufe dieser Saison beim HSV integrieren mussten. Niemand hatte erwartet, dass es dennoch so gut laufen würde. Wer konnte sich den HSV noch ohne van der Vaart vorstellen? Aber wenn wir jetzt nur Achter in der Tabelle wären und die Gruppenphase des UEFA-Cups nicht überstanden hätten, würden sicher Köpfe gefordert.

Ihr Torhüter, Frank Rost, weiß, wie man Deutscher Meister wird. Er strahlt Ruhe aus, befindet sich vielleicht sogar in der Form seines Lebens. Aber Rost legt auch mal den Finger öffentlich in die Wunde, wenn es mal nicht läuft. Ist Rost Ihr heimlicher Lieblingsspieler?

Ich habe keinen Lieblingsspieler. Frank Rost ist ein herausragender Torhüter und eine echte Persönlichkeit, ein wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft. Natürlich hat sein Wort Gewicht. Er hat ein gutes Gespür und weiß genau, wann er was zu sagen hat - auch öffentlich.

Sie kennen die englische Liga, sie kennen die Bundesliga, was sind die größten Unterschiede?

Der größte Unterschied ist, dass die Bundesliga viel offener ist. Fast jedes Training ist für Fans und Medien zugänglich. Mir gefällt das gut. Wir wollen für unsere Fans da sein. Sie sollen sehen, was wir machen. Sportlich ist die Bundesliga sehr viel ausgeglichener als die Premier League. Hier kann der Letzte an einem guten Tag beim Ersten gewinnen. In England schwärmen sie übrigens von der Bundesliga. Eines unserer Spiele in der Hinrunde habe ich erst im deutschen, ein paar Tage später nochmal im englischen TV gesehen. Hier war das Spiel schlecht, da haben sie sich fast überschlagen vor Freude.

Sollte Rafael van der Vaart Real Madrid wieder verlassen - wonach es im Moment nicht aussieht - sollte sich der HSV wirklich darum bemühen, ihn erneut zu verpflichten? Es geht schließlich ohne ihn...

Rafael van der Vaart hat mehr als einmal gesagt, dass er sich bei Real Madrid durchsetzen möchte. Alles Andere ist jetzt nicht unser Thema. Ich äußere mich ungern über Spieler, die bei anderen Vereinen unter Vertrag stehen.

Das Interview führte Klaus Bellstedt

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