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Jürgen Klinsmann: "Über mich kann niemand urteilen"

Eigentlich hat er den falschen Job. Denn er mag keine Talkshows und den Rummel um seine Person schon gar nicht. Immer wieder flieht er nach Amerika und verweigert sich: Jürgen Klinsmann. Wer zum Teufel ist dieser Typ, der Deutschland bei der WM glückselig machen soll?

Herr Klinsmann, Ihr Leben ist Stoff für große Dramen...

Wie bitte?

Sie sind ein Held für die Bühne, ein Stück des württembergischen Theaters "Lindenhof" wurde in Stuttgart gerade heftig beklatscht: "Schiller, Klinsmann und mir".

Also Sachen gibt's. Das ist doch zu viel der Ehre. Viel zu viel.

Dieses Stück basiert auf einem Interview aus dem Jahr 1990 mit Ihnen, da sagten Sie Sätze wie: "Ich bin nicht fußballverrückt. Das Leben jenseits des grünen Rechtecks ist für mich wichtiger als Fußball."

Was soll denn das? Wollen die mir jetzt aus jedem Satz einen Strick drehen?

Sie sind schrecklich misstrauisch.

Nein, überhaupt nicht. Aber ich mag einfach dieses ganze Tohuwabohu, dieses Mediengebrüll nicht, jetzt vor der WM ist es besonders groß. Und nun auch noch ein altes Gespräch von 1990 - na ja, ich weiß nicht!

Ein Satz von Ihnen ist in dem Theaterstück der große Lacher: "Nur das eine weiß ich ganz genau: Ich werde kein Fußballtrainer."

Aha. Ich habe ja auch mal gesagt: "Zu Bayern München gehe ich nicht" - und wurde dann dort Deutscher Meister und Europacupsieger und...

Was wollen Sie damit sagen? Was schert mich mein Geschwätz von gestern?

Ich bin nun Bundestrainer, ja - es gab eben eine besondere Situation, die eine besondere Entscheidung nötig machte. Doch das habe ich nur mit mir selbst und meiner Familie auszumachen.

Vielleicht kitzelt Sie einfach der Reiz, ein ganz Großer werden zu können, ein Denkmal für immer? Mit dem WM-Titelgewinn in die Liga der Unantastbaren aufzusteigen - zu Beckenbauer, zu Schmeling?

Nein, ich muss für mein Glück nicht in die Geschichte eingehen, ich muss kein Held sein. So pathetisch sehe ich das alles nicht. Ich habe eine Aufgabe, ja, eine besondere Aufgabe, die ich erledigen will - die muss ich machen, so einfach ist es.

Den Job als Bundestrainer hätten Sie nie ablehnen können.

Nein, das konnte ich nicht, ich hätte es mir mein Leben lang vorgeworfen. Ich hätte dann ständig das in mir nagende Gefühl gehabt, vor einer Herausforderung weggelaufen zu sein. Schlimmer: vor mir versagt zu haben.

Man hat Aufgaben, man muss sie erfüllen, man muss Leistung, Leistung, Leistung bringen - so sehen Sie das.

Ja, so ist es. So bin ich erzogen worden. Man kneift nicht. Man stellt sich. Man gibt das Beste - und für das Beste kämpft man. Druck und Erwartungen stimulieren mich. Wir wollen Weltmeister werden. Das ist die Herausforderung, die mich enorm reizt, und die mich auch mit Stolz erfüllt. Das ist doch ein Traum, im eigenen Land um den WM-Titel spielen zu dürfen! Und ich bin überzeugt, dass wir erfolgreich sein werden.

Denn im Kopf ist die große Angst, dass, falls Sie bei der WM kläglich versagen sollten, "Bild" mit dieser Schlagzeile aufmacht: "Deutschland atmet auf - Klinsmann geht und keiner weint ihm nach!"

Diese Schlagzeile - mit dem Wort "Bayern" - gab es ja, als ich vom FC Bayern wegging. Angst? Die habe ich nicht. Wer Angst vor der Hitze hat, sollte nicht Koch werden. Und wer Angst vor Schlagzeilen hat, kann nicht Bundestrainer sein. Wir alle arbeiten akribisch daran, dass wir bei der WM gut aufspielen. Wir wollen die Zuschauer mitreißen. Wir wollen einen aggressiven, herzerfrischenden Fußball bieten, wir wollen nach vorne spielen, mit hohem Tempo, wir wollen agieren und nicht reagieren. Das ist das Ziel.

Sie wollen, Sie wollen.

Ja, klar will ich! Ich möchte für den Erfolg das Maximale aus allen herauskitzeln, so bin ich nun mal. Ich bin da sehr geprägt von meinem Elternhaus, bin sehr geprägt von meinem Vater. Er hat zu mir immer gesagt: Wenn du etwas in Angriff nimmst, dann mach es hundertprozentig. Und sei von dem, was du tust, überzeugt, zweifle nicht an deinem Weg. Diese Philosophie habe ich von ihm übernommen, auch diese Zielstrebigkeit. Mein Vater stand jeden Morgen in seiner Backstube, und jeden Tag hat er ordentliche Ware angeboten: Brezeln, Torten, Brötchen. Er hat immer gesagt: "Was zählt, ist die Qualität." Du musst vor dir selbst den Anspruch haben, Qualität abzuliefern. Und ich will das auch.

Sie haben sich mal so beschrieben: "Hätte ich nicht diese Willenskraft, eine Mischung aus Härte, Kreativität, Unbekümmertheit und Fantasie - ich hätte es wohl nie so weit gebracht."

Es gab früher Stürmer, die sicherlich vom Talent her besser waren als ich, aber ich habe an meinem Können unablässig gearbeitet, ich habe immer versucht, alles aus mir rauszuholen, ans Limit zu gehen. Es macht mir einfach Spaß, mich durchzubeißen.

Sie sind ein Getriebener.

Nein, ich habe heute viel mehr Ruhe in mir, viel mehr Gelassenheit.

Ein Jugendfreund hat Sie als "brutal ehrgeizig", "übertrieben ehrgeizig" beschrieben.

Früher, als Spieler, war ich tatsächlich besessen, absolut besessen. Ich wollte Tore schießen, einfach nur Tore schießen, Tag und Nacht. Ich hatte einen Überehrgeiz in mir. Ich hatte unfassbare Wutausbrüche, ich konnte weinen, wenn es nicht lief, wie es sollte. Nach jedem Spiel dauerte es lange, bis ich mich wieder einkriegte. Bei Sampdoria Genua hatte ich mal zwei Minuten vor Schluss den Siegtreffer auf dem Fuß, ich hätte den Ball bloß noch reinschieben müssen, der Platz war nass, der Ball rutschte mir über den Innenrist. Und ich saß nachher in der Kabine, die Tränen liefen mir runter. Ich hatte den Sieg vergeigt. Ich hatte das Gefühl, die Jungs im Stich gelassen zu haben. Die Jungs im Stich gelassen zu haben - was für ein fürchterliches Gefühl!

Der Ball - was ist er für Sie?

Als Kind hat er mir geholfen, mich auszutoben. Ich kam von der Schule nach Hause und habe den Ball gegen das Garagentor gedonnert, er gab mir einen inneren Halt, ein Mit-ihm-bin-ich-aufgehoben-Gefühl. Wenn es in der Schule Ärger gab, saß ich in meiner Bank und hab geträumt, wie schön heute Abend das Training sein wird - die Lehrer konnten mir dann nichts mehr anhaben.

Der Ball machte Sie zum Millionär.

Nicht nur der Ball. Ich habe ja selbst auch was dazu beigetragen. Aber es ist klar: Im Blick zurück haben mir der Ball und dieses Spiel ermöglicht, dass ich unabhängig bin und innerlich frei. Wenn ich jetzt diesen Job als Bundestrainer nicht hätte, würde es mir auch gut gehen. Ich bin auf dieses Amt nicht angewiesen, ich brauche es nicht für mein Ego, nicht für das Geld. Für mich zählt nur eins: Erfolg oder Nichterfolg.

Erfolg oder Nichterfolg.

Ja, klar! Als Sie ein Kind waren, hat Ihr Vater ein so genanntes Rekordbuch angelegt, und auf die erste Seite schrieb er: "Olympisch sein heißt: ehrlich im Kampf, bescheiden im Sieg, neidlos in jeder Niederlage und sauber in deiner Gesinnung. Das hofft dein Vater und Turnkamerad Siegfried Klinsmann." Mein Vater gab Turntraining in meinem Heimatdorf, aber er hat bald gesehen, dass mir Kicken mehr Spaß macht. Er hat diesen Satz sehr bewusst gewählt, weil er meinen Überehrgeiz erkannt hat. Ich habe diesen Satz erst nach und nach verstanden. Ich denke schon, dass er ein Schlüssel zu mir ist. Der Satz ist mir so wichtig, dass ich für meinen Sohn auch solch ein Buch angelegt habe, mit genau dem gleichen Leitspruch. Ich selbst habe mein Rekordbuch von der Jugend bis zu meinem ersten Profivertrag geführt, habe jedes Spiel eingetragen, das Ergebnis, die Tore, die ich geschossen habe.

Staunen Sie über das, was aus Ihnen geworden ist?

Eigentlich nicht. Ich bin einfach dankbar. Ich schaue auch selten zurück auf mein Leben. Stillstand ist für mich Rückschritt. Ich habe zu Hause irrsinnig viele Videobänder, einen ganzen Schrank voll, mit Spielen und Toren von früher - ich gucke sie nicht an, das ist vorbei, Geschichte, erledigt. Ich versuche stets nach vorne zu schauen. Ich habe mich immer neuen Aufgaben gestellt, deshalb bin ich als Spieler so oft ins Ausland, ich wollte mehr sehen, mehr erleben, mehr lernen.

Sie wollten mehr Geld.

Ach was! Das Geld hätte ich auch in Deutschland verdient. Ich will für mich wachsen, ich möchte mich als Mensch immer weiterentwickeln. Deshalb bin ich nach meiner Karriere zurück auf die Schulbank, habe Kurse belegt, um mich in den nächsten Lebensabschnitt einzuarbeiten.

Und sind Sie heute auch das: glücklich?

Ja! Ich bin glücklich. Ich freue mich zu sehen, wie meine Kinder aufwachsen. Da war ja überhaupt nichts geplant, und als der Nachwuchs da war, haben wir uns einfach riesig gefreut. Ich fühle mich sehr wohl mit meiner Familie. Bei ihr bin ich daheim. Sie wird auch bedingungslos von mir geschützt. Dass mein Vater vergangenes Jahr gestorben ist, tut uns sehr weh. Aber ich weiß, dass er von oben auf mich runterschaut und will, dass ich meine Arbeit gut erledige. Und es ist doch eine wunderbare Aufgabe, die ich habe.

Wirklich? Es kann Sie doch nicht kalt lassen, wenn fast die gesamte Presse an Ihnen rumnörgelt, wenn "Bild" verlangt, dass der deutsche Fußball-Nationaltrainer in Deutschland lebt.

Na und? Ich weiß, dass es gut ist, so wie ich lebe. Ich weiß, was wichtig ist für den Erfolg. Ich bin überzeugt von diesem Weg. Es gibt immer wieder Ratschläge - aber die Entscheidung muss ich treffen. Bei vielen Attacken der "Experten", die allerdings nicht nur von "Bild" stammen, geht es um Auflage und Quote. Lebte ich nicht in den USA, würden sie halt ein anderes Spielchen spielen. Wenn ich mich in den Bundesligaalltag einmischen würde, brächte das nicht nur nichts, sondern wäre sogar kontraproduktiv. Diese Experten wollen, dass man sich ständig für irgendetwas rechtfertigt. Aber über mich kann niemand urteilen.

Wie bitte? Was meinen Sie denn damit?

Viele urteilen über mich, aber sie können es nicht. Im Grunde hast du, wenn du in der Öffentlichkeit stehst und unabhängig bleiben willst, kaum eine Chance. Egal, wie du dich verhältst, egal, was du machst, du kriegst immer ein Kontra. Ich kenne die Medienlandschaft, ich werde sie nicht ändern können. Sie ist Teil des großen Spieles.

Sie klingen doch verletzt, Sie sind wütend.

Nein, nein. Aber ich habe einfach keine Lust, mich ständig zu rechtfertigen. Denn letztendlich gibt es nur einen, vor dem wir alle Rechenschaft ablegen müssen.

Nun bin ich aber gespannt.

Und das ist Gott. Von ihm werden wir alle irgendwann gemessen. Und vor ihm ist dann die Frage zu beantworten, ob du gewissenhaft warst und anständig.

Und sind Sie das? Ich hoffe es.

Was ist eigentlich Ihre Heimat: Deutschland oder die USA? Heimat ist für mich dort, wo meine Familie ist. Wenn ich in den USA bin, fühle ich mich zu Hause. Ob ich mich dann mehr als Amerikaner oder Deutscher fühle, beschäftigt mich nicht.

Sprechen Sie mit Ihren Kindern Englisch oder Schwäbisch?

Manchmal sagt meine Tochter zu mir, und das klingt sehr lustig: "Sag a mol!" Meine zwei Kinder verstehen Deutsch, aber ich rede nicht Schwäbisch mit ihnen.

Schade. Denn so stirbt ja "die wo" und "der wo" langsam aus.

Machen Sie sich da mal keine Sorgen. "Die wo" und "der wo" sind tief in mir verankert. Es wäre doch wunderbar, wenn wir die wären, die wo im Sommer Weltmeischder werden.

Interview: Arno Luik / print
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