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Länderspiel Deutschland - England: Hooligan-Angst in Berlin

2001 lieferten sich in München im Vorfeld des Klassikers zwischen Deutschland und England 3.000 Hooligans beider Lager eine Straßenschlacht. In Berlin soll sich das nicht wiederholen. Aber die Stimmung in der Hauptstadt ist nervös. Die englischen Schläger singen sich mit Hassliedern auf die Deutschen warm.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Der Breitscheidplatz in Berlin-West direkt an der Gedächtniskirche gleicht am Dienstagabend einer Festung. Die Berliner Polizei, verstärkt durch Einheiten aus dem gesamten Bundesgebiet, ist nervös. Überall Mannschaftswagen, in denen kampfbereite Bereitschaftspolizisten sitzen. Die Angst geht um in der Hauptstadt, die Angst vor den berühmt-berüchtigten englischen Hooligans, von denen sich für den Klassiker zwischen Deutschland und England etwa 300 (ohne Eintrittskarte!) angesagt haben. Für die "Problemfans" von der Insel soll es die Party des Jahres werden. Insgesamt werden 8.000 Schlachtenbummler aus England erwartet. Eine so große Zahl an Gästefans bekommt Berlin sonst nur jedes Jahr im Mai zum Pokalfinale zu sehen.

Bereits in der Nacht auf Mittwoch kam es in Berlin zu ersten Zwischenfällen. Laut Polizeiangaben gab es in der Hauptstadt Handgreiflichkeiten alkoholisierter Gästefans. In deren Verlauf sei ein Engländer im Gesicht verletzt worden. Insgesamt nahm die Polizei fünf englische Randalierer wegen Körperverletzung und Landfriedensbruch fest und sprach 15 Platzverweise aus.

Im Europa-Center, im vielleicht bekanntesten Irish Pub der Republik, haben die Fans der "Three Lions" am Vorabend des Matches ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Sie intonieren ihr "God save the queen", sie skandieren immer wieder "England", aber sie singen auch ihre Lieblings-Anti-Deutschland-Hymne "Ten German Bombers" und wollen damit an längst vergangene Zweite Weltkriegszeiten erinnern. Das alles kennt die Polizei, und solange nur gesungen wird, und seien es noch so geschmacklose Lieder, ist ja alles in Ordnung. Vor allem auch, weil die Engländer (noch) unter sich sind. Und genau darin liegt der Knackpunkt.

Rädelsführer vom BFC Dynamo

Natürlich hat auch die deutsche Hooligan-Szene für das Spiel gegen die "verhassten Inselaffen", so eine Formulierung auf einer einschlägigen Internetseite, zum Massenprügeln aufgerufen. In Berlin gelten 1.000 Männer als Problemfans. 285 von ihnen sind Hooligans - die meisten gehören nach Polizeiangaben dem BFC Dynamo an. Einige gelten als Rädelsführer der deutschen Szene. Auch sie hatten sich für den Vorabend zu einer Art "Warm up" am Kurfürstendamm verabredet. Die Polizei in Berlin scheint an diesem Dienstagabend exakt darauf vorbereitet, anders ist das riesige Kräfteaufgebot nicht zu erklären.

Das war übrigens nicht immer so. Bei der vorletzten Auflage des Klassikers Deutschland gegen England krachte es zwischen beiden Fanlagern. 2001 prügelten in München deutsche und englische Hooligans aufeinander ein. 3000 gewaltbereite Fans trafen in der Innenstadt aufeinander, lieferten sich eine Straßenschlacht. Es gab Schwerverletzte, Verwüstungen und massenhaft Sachschäden. Hauptverantwortlich damals: die Hools vom BFC Dynamo. Damit sich so etwas nicht in Berlin wiederholt, hat die Polizei so gut es geht vorgesorgt. Vier polizeibekannten Schlägern wurde verboten, sich am Dienstag an zentralen Orten in der City aufzuhalten. 22 polizeibekannte Randalierer haben Meldepflicht, auch die Flughäfen werden kontrolliert.

Stunden vor und nach dem Spiel entscheiden

Auch die britische Polizei geht auf Nummer sicher und hat elf szenekundige Hooligan-Fahnder nach Berlin geschickt. Sie dürfen zwar keine Waffen tragen und niemand festnehmen, aber die deutschen Kollegen darauf hinweisen, wer als Störer bekannt ist. Wenn man genau hinschaut, kann man die Fahnder, die sich wie "normale" englische Problemfans kleiden, also mit hochwertigen Markenprodukten von beispielsweise Burberry oder Stone Island, auch in der Masse im und vor dem Irish Pub erkennen. Mit Knopf im Ohr suchen sie den Kontakt zu den deutschen Zivilfahndern. Der permanente Dialog untereinander ist auf der Jagd nach Hooligans eminent wichtig. Es scheint so, als würde das Konzept der totalen Polizeipräsenz also greifen, zumindest jetzt und am Abend vor dem Duell der beiden Erzrivalen. Aber was wird passieren, wenn die beiden Problemfangruppen aufeinander treffen?

Nach bisherigen Erkenntnissen sei nicht mit "organisierten Ausschreitungen" zu rechnen, sagt der Sicherheitschef des Deutschen Fußball-Bundes, Helmut Spahn. Dennoch sagt auch Spahn sehr zurückhaltend: "In der Problemfanszene wird der Abend mehr thematisiert als ein Spiel gegen, sagen wir, Liechtenstein." So kann man es auch ausdrücken. Am Dienstagabend ist es am Hotspot am Breitscheidplatz bis auf kleinere Scharmützel ruhig geblieben. Aber die größte Herausforderung steht der Polizei noch bevor. Am Mittwoch um 20.45 Uhr wird die Partie Deutschland gegen England angepfiffen, die Stunden vor und nach dem Spiel werden zeigen, ob es zu einem zweiten München 2001 kommen wird. In Berlin geht die Angst um.

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