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Matchwinner beim 6:1 gegen Irland: "Rolls Reus" überrollt sie alle

Erst war der Buhmann der gegnerischen Fans, dann spielte er groß auf: Marco Reus, Doppeltorschütze beim 6:1 des DFB-Teams gegen Irland. Der Dortmunder ist aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken.

Von Klaus Bellstedt, Dublin

Als Marco Reus nach gut einer halben Stunde im Strafraum von Irlands Kapitän John O'Shea für jeden im Stadion deutlich sichtbar gehalten wurde, ertönte folgerichtig der Pfiff. Soweit war alles in Ordnung. Das Dumme nur: Der Schiedsrichter entschied nicht etwa auf Strafstoß, sondern auf Schwalbe. Er hielt Reus die Gelbe Karte vors schmale Gesicht.

Es war eine Szene zum Lachen. Und eine, die für den weiteren Verlauf dieser Partie nicht ganz unwichtig war. Denn nachdem die deutsche Nationalmannschaft in der Anfangsphase des WM-Qualifikationsspiels nur sehr träge ins Spiel fand und keine Mittel fand gegen die eng stehende irische Defensive, schien der nicht gegebene Elfmeter auch den letzten Spieler aus dem Team von Bundestrainer Joachim Löw aufgeweckt zu haben. Was folgte, war ein Gala-Auftritt der DFB-Auswahl garniert mit sechs schönen Toren.

Marco Reus hatte den Weckruf gar nicht nötig. Der Dortmunder hatte schon bis zum seinem persönlichen Aufreger eine starke Leistung abgeliefert. Die eigentliche Herausforderung des Abends folgte für ihn in den 120 Sekunden zwischen dem falschen Pfiff und seinem ersten Tor. Drei Mal kam Reus in dieser kurzen Zeit an den Ball. Drei Mal wurde er vom ansonsten so fairen irischen Publikum für seine Schwalbe, die keine war, gnadenlos ausgebuht. Andere Spieler hätten sich in so einer Situation erst mal weggeduckt. Nicht so Reus. Den genialen Offensivmann schienen die Unmutsbekundungen der gegnerischen Fans nichts auszumachen. Das Gegenteil war der Fall: Der 23-Jährige drehte jetzt erst richtig auf.

Tuscheln bei der BVB-Connection

In der 32. Minute erzielte der manchmal wie schwerelos erscheinende Reus seinen ersten Treffer. Der ebenfalls überragende Bastian Schweinsteiger hatte den öffnenden Pass in die Tiefe gespielt. Marcel Schmelzer leitete ein wenig unfreiwillig weiter, ehe Reus in seiner unnachahmlichen Dynamik dazwischen preschte, dabei fast noch den einschussbereiten Miro Klose ummähte, um schließlich selbst mit einem trockenen Schuss unter die Latte das 1:0 für Deutschland zu erzielen. Es war Reus' pure Gier nach Erfolg, die diese Szene so bemerkenswert machte. Auch bei seinem zweiten Tor kurz vor der Pause unterstrich "Rolls Reus", was für ein kompletter Spieler er ist. Sein platzierter Schuss aus vollem Lauf mit dem linken Fuß war meisterhaft. Die Pfiffe der irischen Zuschauer waren da längst in anerkennende Bewunderung für den derzeit besten deutschen Fußballer umgeschlagen.

Als in Dublin wenig später Pause war und die Spieler in Richtung Kabine schlenderten, steckten Reus und Marcel Schmelzer kurz die Köpfe zusammen. Beide zogen sich die Ausschnitte ihrer Trikots über den Mund und lachten vor sich hin. Was da zwischen der BVB-Connection so getuschelt wurde, wollte hinterher keiner von beiden verraten. Es ist nur eine Vermutung, dass es sich um die Szene mit dem nicht gegebenen Elfmeter und dessen für die Iren so verhängnisvollen Folgen gehandelt haben muss. "Bei dem Foul an mir gibt es keine zwei Meinungen, dass das ein Elfmeter war", sagte der Matchwinner der deutschen Nationalmannschaft hinterher. Über seine eigene Leistung wollte er nicht sprechen. Auch Bescheidenheit zeichnet den trickreichen Offensivspieler aus.

Applaus vom Gegner

Marco Reus bestach in seinem erst zwölften Länderspiel mit enormer Schnelligkeit und Kälte vor dem Tor. Gegen Irland unterstrich er eindrucksvoll, dass er nach der EM zur festen Stammkraft im Team von Joachim Löw geworden ist. In Dublin rechtfertigte "Woody", wie er in Dortmund aufgrund der optischen Nähe zur Comicfigur Woody Woodpecker genannt wird, dass er klar vor dem nach einer guten Stunde eingewechselten Lukas Podolski zur Nummer Eins auf der linken Seite geworden ist. Und auch die Iren werden sich wohl noch lange an den Auftritt des 120-Sekunden-Buhmanns erinnern. Bei seiner Auswechslung in der 62. Minute gab es auf der Haupttribüne der Aviva-Arena respektvollen Applaus. Auf der Insel wissen sie eben doch, was sich gehört. Gerade dort.

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