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Mitgliederversammlung: HSV versinkt im Chaos

Schon im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, die Mitgliederversammlung des Hamburger SV könnte für Kundgebungen gegen die Politik von Vorstand und Aufsichtsrat genutzt werden. Aber den folgenden Eklat hat wohl niemand vorhergesehen.

Von Nico Stankewitz, Hamburg

Was für ein Massenandrang im Hamburger CCH! Über 1500 Mitglieder wollen dabei sein, wenn Vorstand und Aufsichtsrat des krisengeschüttelten Bundesligisten Hamburger SV ihre Jahresbilanz präsentieren. Die Versammlung beginnt mit einstündiger Verspätung, da nicht genügend Stimmzettel vorhanden sind, offenbar ist der Vorstand nicht auf den Ansturm vorbereitet.

"Presse raus"-Rufe

Nach einigen Ehrungen folgt eine vermeintliche Formsache: Die Zustimmung der Mitglieder zur Anwesenheit der Medienvertreter. Sofort branden Sprechchöre auf: "Presse raus, Presse raus!" Da bei zwei Abstimmungen kein optisch klares Ergebnis herauskommt, kündigt Aufsichtsratchef Udo Bandow unter großem Gejohle vieler offensichtlich alkoholisierter "Supporter" eine schriftliche Abstimmung an. Während der Auszählung der Stimmen gibt sich der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann noch entspannt: "Da passiert gar nichts, das war höchstens ein Drittel der Leute", so der HSV-Boss.

Es kommt anders, mit knapper Mehrheit beschließen die Mitglieder den Ausschluss der Medienvertreter (und aller anderen Gäste) - ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des deutschen Spitzensports und des HSV. Mehr "Presse raus"-Rufe, "Auf Wiedersehen" und Pfiffe begleiten den Auszug der Medienvertreter, darunter mehrere Fernsehstationen und überregionale Tageszeitungen. Nur gut, dass die Journalisten durch einen Seitenausgang an der Pressetribüne den Saal 1 im CCH verlassen können, bei einem Spießrutenlaufen durch die Menge der aggressiven HSV-Mitglieder hätte es wohl die eine oder andere "Bierdusche" gegeben.

HSV-Boss ausgepfiffen

Hoffmann zeigt sich dann wenig später auf dem Podium entsetzt: "Ich weiß, wir sind ein Verein, der eine Krise hat. Aber ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass wir dokumentieren, dass wir kein Chaosclub sind." Antwort: Ein gellendes Pfeifkonzert, "Hoffmann raus"-Rufe. Neben den etwa 60 Medienvertretern verlassen auch einige altgediente HSV-Mitglieder das CCH, unter ihnen der empörte ehemalige Präsident Dr. Wolfgang Klein. Die Journalisten werden von Ordnungskräften gezwungen, auch die Vorräume zu verlassen und sich ins ein Stockwerk tiefer liegende Foyer zurück zu ziehen. Nachdem die Verantwortlichen später dann bemüht sind die sportliche Schieflage zu erklären, wird die Mitgliederversammlung um Mitternacht ergebnislos abgebrochen, der Zeitplan kann nicht eingehalten werden.

Krise erreicht neuen Tiefpunkt

Die beispiellose Krise des hanseatischen Traditionsclubs hat mit diesem Abend einen neuen Tiefpunkt erreicht, auch wenn das zuvor kaum für möglich gehalten wurde. Nach beschämenden sportlichen Leistungen, einer Flut von Roten Karten aufgrund haarsträubender Unsportlichkeiten und zuletzt der Publikumsbeleidigungen durch den Spieler Atouba, zeigen nach der Mannschaft jetzt auch Teile der Mitglieder, dass sie nicht bundesligatauglich sind. Die Hamburger Presse als Sündenbock hinzustellen ist nicht nur sehr einfach, sondern auch sehr dumm. Das verantwortliche Trio Doll, Beiersdorfer, Hoffmann kann sich über Wohlwollen seitens der Medien nicht beklagen - andere Trainer (und Sportchefs) mussten schon mit weit besseren Bilanzen ein Sperrfeuer der Kritik über sich ergehen lassen.

Doch selbst wenn die Medien die Arbeit in einem Verein kritisch begleiten - das gehört zu ihren Aufgaben. Ein Fußball-Bundesligaklub gehört zu den wichtigsten Imageträgern einer Stadt und einer Region, die Berichterstattung interessiert Millionen von Lesern, Hörern und Zuschauern. Auf "Supporter" wie die brüllenden und pfeifenden Mitglieder kann nicht nur der HSV, sondern der Fußball insgesamt verzichen - auch in der zweiten Liga.

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