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Nationalmannschaft: Schweinsteiger - das Synonym für Stagnation

2006 war er noch einer der Protagonisten des deutschen WM-Sommermärchens, aber ein Star des Weltfußballs ist Bastian Schweinsteiger nicht geworden. Der Niedergang des Nationalspielers illustriert auch die Misere des FC Bayern.

Von Stefan Osterhaus

Damals, es war vor ziemlich genau drei Jahren, da hatten seine Auftritte noch Charme. Exzentrisch war die Garderobe im damaligen Herbst, der weiße Schal erinnerte an Fred Astaire, und als Bastian Schweinsteiger die Bühne betrat, da hatte sein Schritt kein Gewicht. Es war anlässlich der Präsentation einer Filmdokumentation über Deutschlands WM-Sommer, der Kicker feixte mit der Kanzlerin, die sich öffentlich zum Fan erklärte. Der Streifen hieß "Sommermärchen", und Schweinsteiger war sein Star: Leichtfüßig, elegant, unbeschwert, ein Tänzer in einem Musical, das nicht einmal den Hauptgewinn feiern musste, um die Leute froh zu machen. Mittlerweile liegt das Sommermärchen märchenhaft weit zurück, ungefähr so weit wie Schweinsteiger von seiner damaligen Verfassung.

Heute ist er 25 Jahre alt und immer noch ein junger Fußballer, der routiniert wie nur wenige in seinem Alter ist. Am Mittwoch gegen Aserbaidschan bestreitet Schweinsteiger sein 69. Länderspiel, eine ungeheure Zahl. Doch ein Star des Weltfußballs ist er nicht geworden. Sondern ein vollwertiges Mitglied der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft. Als er die Möglichkeit hatte, die Bayern zu verlassen, ist er geblieben, obschon Münchens Manager Uli Hoeness zuvor noch geklagt hatte, dem Burschen werde viel zu sehr der Hintern gepudert. Doch bei Lichte betrachtet, klagte hier der Bademeister über die Wassertemperatur. Dass in München lau gebadet wird, dürfte das größte Problem Schweinsteigers sein.

Nicht mehr als ein begnadeter Teilzeit-Solist


In seinen großen Augenblicken unterschied ihn wenig von den Allerbesten. Und wenn es je die Hoffnung auf den Weltklasse-Fußballer Schweinsteiger gegeben hat, dann war es in diesem Viertelfinalspiel bei der Euro 2008, als die Deutschen Außenseiter gegen Portugal waren und der bis dahin vor allem wegen einer roten Karte gegen Kroatien aufgefallenen Schweinsteiger ein großes Spiel seinerseits ankündigte. Er hielt Wort, war an allen Treffern beteiligt. Niemand sprach nach diesem Abend noch über Cristiano Ronaldo, der mittlerweile der teuerste Spieler des Erdballs ist.

Schweinsteiger, der Supertechniker, beschwor damals "deutsche Tugenden". Doch er kam über die Rolle des begnadete Teilzeit-Solisten nie hinaus; die Show beansprucht in München Franck Ribéry, und im Schatten des launischen Franzosen, der noch längst kein Maitre ist, verschwand der junge Mann mitunter auf der Ersatzbank. Bastian Schweinsteiger ist zu einem Synonym für Stagnation geworden - und er repräsentiert damit seinen Klub, den FC Bayern wie kein anderer. Ist hier zuletzt je einer besser geworden?

Schweinsteiger illustriert bayrische Misere
Miroslav Klose nutzt die Nationalmannschaft als Reha-Zentrum für Enttäuschungen im Klub, der mit viel Tamtam angekündigte Toni Kroos ist zu Leverkusen abgeschoben worden. In Breno sitzt eine millionenschwere Investment-Ruine auf der Bank, nicht wenige wünschen die Abwrack-Prämie für Luca Toni herbei. Marcell Jansen kickt mittlerweile in Hamburg, und Claudio Pizarro zeigt in Bremen, was er wirklich kann. Fabelhafte Gehälter, die kaum ein Konkurrent bereit wäre zu zahlen, für sehr mäßige Leistungen: So fördern die Bayern Mittelmaß auf höchstem Niveau, und in den letzten Jahren haben sie einsehen müssen, dass diese Methode nicht einmal mehr den Meistertitel garantiert.

Kaum ein Fall illustriert die bayrische Misere so deutlich wie der Niedergang Bastian Schweinsteigers. Übt der Kollege Klose mitunter zu viel Selbstkritik, so ist Schweinsteiger, geblendet von der eigenen Überpotenz, für lohnende Reflexionen kaum zu haben, mag seine Situation in München auch ungewiss sein. Er könnte ein Opfer der Experimentierwut des Trainers Louis van Gaal sein. Im Zweifel hat Hamit Altintop den größeren Ehrgeiz. Und im Nationalteam ist ihm im Bremer Mesut Özil ein Konkurrent erwachsen, dessen Klasse im deutschen Fußball gegenwärtig einzigartig ist. Allein seine Variabilität, links wie rechts spielen zu können, verschafft ihm noch Vorteile gegenüber dem Hamburger Piotr Trochowski. Der ist auch noch jung, wie Schweinsteiger. Er ist nicht der bessere Fußballer, aber er hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt. Ob Bastian Schweinsteiger die Konkurrenten überhaupt ernst nimmt? Wahrscheinlich nicht. Es geht ihm einfach viel zu gut.

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