HOME

Neuer HSV-Trainer Bert van Marwijk: "Van der Vaart ist ein Liebhaber"

Die Vorstellung von Bert van Marwijk als HSV-Trainer glich stimmungsmäßig eher einer Trauerfeier. Die Situation beim Chaos-Club ist ja auch zu ernst. Am Ende wurde es doch noch witzig. Unfreiwillig.

Von Klaus Bellstedt

Die Präsentation von Bert van Marwijk beim HSV passt an diesem Mittwoch irgendwie zum Hamburger Herbstwetter: grau, kühl, trübe. Der neue Trainer trägt ein anthrazit-farbenes Sacko, darunter ein dunkelblaues Hemd. So gehen Menschen auch auf Trauerfeiern. Das vorweg: Geweint wurde bei der Präsentation des 61-jährigen Holländers im Pressesaal der Imtech-Arena nicht, aber viel gelacht eben auch nicht. Oder selten. Dazu später mehr.

Eingerahmt von HSV-Sportchef Oliver Kreuzer und Präsident Carl Jarchow, beide überwiegend mit versteinerter Mine, sitzt van Marwijk also da oben auf dem Podium und beantwortet eine knappe halbe Stunde lang die Fragen der Reporter. Dass das hier keine Witzveranstaltung werden würde, war klar. Zu ernst ist die Situation bei den Hamburgern nach einem dramatisch schwachen Saisonstart.

Aktuell belegt der Club Position 16 in der Tabelle, hat nach sechs Spieltagen die meisten Gegentore kassiert und am vergangenen Wochenende auch noch das für die Fans wichtigste Heimspiel der Saison gegen den Erzrivalen aus Bremen verloren. Der HSV steht am Abgrund. Wieder einmal. Vielleicht ist er auch schon einen Schritt weiter. Viele im Verein sagen, dass es noch nie so schlimm um den taumelnden Dino stand. Es gibt leichtere Aufgaben für einen neuen Trainer.

Neunter Trainer in zehn Jahren

"Natürlich hätte ich auch lieber, dass der HSV um die Meisterschaft spielt, aber das hier ist auch eine Herausforderung", sagt der Nachfolger von Thorsten Fink. Van Marwijk hat Lust auf seinen neuen Job. Das merkt man ihm an. Er will das Ruder herum reißen. Er muss. Aber ob er die Situation in Hamburg auch wirklich richtig einschätzt? "Wenn alles normal läuft, müsste der HSV um Platz eins bis sechs spielen", glaubt der ehemalige Bondscoach der Niederländer. Solche Sätze müssten rund um den Volkspark eigentlich verboten werden. Weil sie sinnbildlich für diesen völlig vernebelten Realitätssinn bei immer noch viel zu vielen Menschen nicht nur im Umfeld, sondern auch im Verein selbst stehen.

Van Marwijk ist beim HSV der neunte Trainer in zehn Jahren. Er erhält einen Zweijahresvertrag mit Option auf eine weitere Saison und soll rund 1,4 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Mehr war nicht drin. Die Kasse ist leer. So mussten die Bosse dem Niederländer auch seinen Wunsch abschlagen, Andreas Möller als Assistenten mitzubringen. Aber ganz durch ist die Sache wohl noch nicht. "Ich hätte Andy gern dabei gehabt, aber der Verein hat gesagt, das geht im Moment nicht", sagt van Marwijk - und ergänzt zum allgemeinen Erstaunen: "Ich habe immer noch im Kopf, ihn zu holen."

Van Marwijk und Van der Vaart

Bei der kleinen Fragerunde geht es schließlich auch noch um eine andere wichtige Personalie: Rafael van der Vaart, Kapitän des HSV, Schlüsselspieler, Fan-Liebling und seit Wochen außer Form. Van Marwijk kennt van der Vaart von der Nationalmannschaft. Die Stimmung zwischen den beiden Landsleuten war nie besonders gut. Der Spieler hatte seine vielen Auswechslungen und Nicht-Berücksichtigungen als demütigend empfunden und sich darüber öfter mal, zuletzt bei der EM 2012, beschwert. Wie läuft das Zusammenspiel des Oranje-Duos nun beim HSV?

Van Marwijk sieht die Sache entspannt: "Ich kenne ihn sehr gut, wir haben vier Jahre gut zusammen gearbeitet. Er ist ein Liebhaber. Ich mag solche Spieler". Ein Raunen geht durch den Saal. Endlich wird gelacht. Van der Vaart ein Liebhaber? Da war doch was. Schönen Gruß an Sylvie. Ach nee, Sabia ist jetzt ja sein Girl. Hamburgs neuer Trainer bemerkt den kleinen sprachlichen Wackler und sucht nach einem anderen Wort. Schließlich rettet Vorstandsboss Jarchow die Angelegenheit: "Ein Liebhaber am Ball", sagt er. "Über alles andere wissen wir nicht Bescheid."

Kurze Zeit später ist Schluss und das neue Führungstrio verlässt die Bühne. Das erste Training unter dem neuen Trainer steht gleich an. Nähert man sich Bert van Marwijk fallen einem sofort die tiefen Augenringe auf. Der Niederländer sieht sehr müde aus. Aber das muss nichts heißen.

Wissenscommunity