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Sportpsychologen: "Langfristig in den Trainingsalltag integrieren"

Jan Simak, Sebastian Deisler: Wie sehr der Leistungsdruck die seelische Verfassung von Sportstars angreift, ist in der letzten Zeit öffentlich geworden. Sportwissenschaftler Eberspächer plädiert für eine nachhaltige seelische Betreuung von Spitzensportler.

Ein Sportprofi verdient viel Geld und hat perfekt zu funktionieren. Wie sehr der Leistungsdruck aber die seelische Verfassung kleiner wie großer Stars angreift, ist erst in der letzten Zeit öffentlich geworden. Sebastian Deisler begab sich in psychatrischer Behandlung, Hannovers Profi Jan Simak floh ausgebrannt in seine Heimat, Sven Hannawald fiel in ein mentales Loch und vor kurzem hat auch Handball-Europameister Steffen Weber psychische Probleme eingeräumt. Über Nutzen und Nachteil eines dauerhaften Einsatzes von Psychologen im Spitzensport wird inzwischen ernsthaft diskuttiert. In einem dpa-Gespräch plädiert Hans Eberspächer, Professor für Sportwissenschaft von der Universität Heidelberg, für eine angemessene seelische Betreuung von Profisportler.

Als Sven Hannawald in diesem Winter in ein tiefes Leistungsloch fiel, sagte Skisprung-Bundestrainer Wolfgang Steiert, er sei Hobby- Psychologe und würde das allein hinbiegen. Braucht ein Spitzensportler überhaupt einen Psychologen?

Eberspächer: "Ja, denn für vieles, was wir tun, liegen die Grenzen im Kopf, also im Mentalen. Und es gibt viele Sportler, die Misserfolg haben, obwohl sie gut sind. Leider gibt es aber kaum ein Feld, wo sich Trainer so kompetent fühlen wie in der Psychologie. Kein Coach würde sagen, er ist Hobby-Orthopäde und operiert das Knie gleich selbst. Das Image der Psychologen ist nicht so unbelastet wie das eines Zahnarztes. Das wird schon am Vokabular deutlich: Schraube locker, nicht ganz dicht, Irrenklinik, ab auf die Couch. Den Psychologen umgibt immer noch etwas Geheimnisvolles."

Viele Trainer lehnen Mentaltrainer ab, weil sie um ihre Autorität fürchten. Wie sollte die Arbeit mit einem Psychologen aussehen?

Eberspächer: "Der Trainer bleibt die zentral verantwortliche Figur. Und zum Expertenteam, das ihn unterstützt, gehört neben Physiotherapeut, Techniker, Zeugwart, Arzt und Konditionstrainer eben auch der Psychologe. Aber es nützt nichts, wenn der nur sonntags zum Wettkampf oder Spiel kommt. Der Psychologe muss in den Trainingsalltag integriert werden, möglichst langfristig. Er kann nicht den Feuerwehrmann spielen."

Lässt sich der psychische Anteil an Erfolg oder Misserfolg beziffern?

Eberspächer: "Die mentale Seite kann 100 Prozent ausmachen oder nur ganz wenig. Aber es ist eine irrige Annahme, dass man die verschiedenen Systeme des Menschen wie Kuchenstücke gesondert betrachten kann. Es geht darum, im Dreiklang zwischen Körper, Material und Kopf Synergien herzustellen, die Prozesse im Kopf so zu regulieren, dass sie das Handeln unterstützen. Es gibt Routinehandlungen, die merkt man im Kopf gar nicht, und es gibt Handlungen, die werden ausschließlich über den Kopf gesteuert. Auf einem Stuhl am Schreibtisch zu sitzen, ist Routine. Etwas anders sieht es aus, wenn der Stuhl an der Kante eines Zehnmeterturms im Schwimmbad steht."

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