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Stuttgart im Meister-Rausch: Brasilianische Nacht in Stuttgart

Stuttgart im Ausnahmezustand: Weit nach Mitternacht präsentierte VfB-Kapitän Fernando Meira den mehr als 100.000 Fans auf dem Schlossplatz die Meisterschale - und machte die Schwaben-Metropole zur Fußball-Hauptstadt der Republik.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Mehrere zehntausend Menschen hatten sich an den Straßen und in der gesamten Stuttgarter Innenstadt versammelt, um das Auto-Corso ihrer Meister-Helden zu begleiten. Eine Begeisterung, die jegliche WM-Stimmung aus dem vergangenen Jahr vergessen ließ und auch Manager Horst Heldt während der Fahrt nahezu sprachlos machte: "Diese Begeisterung ist der absolute Wahnsinn und einfach brutal. Das ich so etwas noch erleben darf." Ex-Bayern-Spieler Markus Babbel fassungslos: "Was hier abgeht, damit kann selbst der große FC Bayern nicht mithalten." Stuttgart bebte, es herrschte eine Stimmung, die nur schwer mit Worten zu beschreiben ist.

In der Tat bestanden zeitweilig berechtigte Zweifel, ob die VfB-Spieler in den noblen Schwaben-Karossen ihr Ziel, den Schlossplatz, überhaupt erreichen würden. Zu groß war der Ansturm der euphorischen Fans, die den hautnahen Kontakt zu ihren Lieblingen suchten und so die Durchfahrt verwehrten. Immer wieder mussten Spieler, Trainer und Funktionäre mit den Fans anstoßen und singen - der Corso geriet wieder und wieder ins Stocken.´

Sogar den Spielern war während der stundenlangen Fahrt der Feierstress anzumerken, der Schweizer Angreifer Marco Streller: "Die Fahrt ist anstrengender als das Spiel, aber natürlich auch viel schöner." Letztendlich war es weit nach Mitternacht, als der Konvoi schließlich den Schlossplatz erreichte.

Dort harrten noch immer über 100.000 Fans aus, um auf dem Balkon des Neuen Schlosses den gesamten VfB-Tross zu begrüßen. Das lange Warten auf die Spieler spielte scheinbar keine Rolle, sie sangen, tanzten und jubelten ohne Unterlass. Auf der Bühne gaben sich die schwäbischen Kult-Rapper der Fantastischen 4 die Ehre und sorgten dafür, dass Stuttgarts brasilianische Nacht kein Ende findet. Kaum vorstellbar, was passiert, sollte der VfB am kommenden Wochenende das Double perfekt machen.

Irgendwann zu später Stunde war es dann doch soweit: VfB-Kapitän Meira reckte auf dem Balkon des Neuen Schlosses unter unglaublichem Jubel die Schale in die Höhe und allen war klar: Dieser Moment und diese Atmosphäre werden auf Jahrzehnte unvergessen bleiben.

So recht wissen Sie immer noch nicht, was sie erreicht haben

Mario Gomez, Cacau, Thomas Hitzlsperger, die jungen Sami Khedira oder Serdar Tasci - einer nach dem anderen herzte und küsste die Schale auf dem Meisterbalkon und es war ihnen anzumerken: So recht wissen Sie immer noch nicht, welche unglaubliche Leistung sie in dieser Saison vollbracht haben. Selbst Timo Hildebrandt, Nationalkeeper und der einzige Top-Spieler, der den Verein verlässt, wurde frenetisch gefeiert und verabschiedet. Er bedankte sich bei seinen Fans mit viel Wehmut in der Stimme: "Es war immer mein Traum, mit dem VfB Meister zu werden, das haben wir jetzt geschafft. Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen." Auch er wird die anschließende teaminterne Meister-Feier beim Italiener und in der Promi-Disco genossen haben.

Auf dem Meister-Balkon gewohnt bescheiden: Meister-Trainer Armin Veh und Manager-Novize Horst Heldt, die Hauptverantwortlichen für das Stuttgarter "Meister-Märchen". Beide, sichtlich erschöpft vom stundenlangen Jubeln während der Anfahrt, erfahren im Schwabenland mittlerweile allergrößten Respekt. Ihnen ist es gelungen, nach schwachem Saisonstart eine verschworene Gemeinschaft zu formen.

"Einfach ein perfektes Team"

"Zusammenhalt, Charakterstärke, eine Einheit, einfach ein perfektes Team", beschrieb ein überglücklicher VfB-Präsident Erwin Staudt die VfB-Erfolgsfaktoren. Veh hat Spieler wie Roberto Hilbert oder Gomez zu Nationalspielern gemacht und Jungstars wie Khedira oder Tasci geformt. Alle von Heldt verpflichteten Neuzugänge haben sich im Laufe der Saison zu Volltreffern entwickelt, der Ex-Profi hat in seinem ersten Jahr im neuen Job einfach alles richtig gemacht.

Besonders die letzten acht Meisterschafts-Spiele waren der eindeutige Beweis, wie stark der VfB in der Spielzeit 07/08 aufgetreten ist. Acht Siege in Folge, immer die Nerven bewahrt und zudem noch tollen Fußball gespielt - eine Serie, die dem VfB auch von der Konkurrenz größten Respekt einbrachte. Und das letztlich nur einen Schluss zulässt: Der VfB ist der verdiente Meister 2007/2008.

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