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Hitzlsperger ermutigt Spieler zum Coming-out: "Einer muss da jetzt mal durch"

Vor genau einem Jahr outete sich Thomas Hitzlsperger als homosexuell. Nun spricht er in einem Schwulenmagazin über Fans, seinen ersten Freund - und ermutigt aktive Spieler zum Coming-out.

"Ich hatte vor, mich während der Karriere zu outen", sagt Thomas Hitzlsperger. "Davon wurde mir aber abgeraten."

"Ich hatte vor, mich während der Karriere zu outen", sagt Thomas Hitzlsperger. "Davon wurde mir aber abgeraten."

Die Aufregung war groß vor einem Jahr: Mit Thomas Hitzlsperger outete sich erstmals ein deutscher Fußballprofi als schwul. Zwar nur ein ehemaliger, aber immerhin. Lange hatte man darauf gewartet, dass endlich mal einer das ausspricht, was jeder weiß: Dass auch die Männer auf dem Rasen manchmal Männer lieben.

Es ist seither ruhig geworden um Hitzlsperger. Und auch die ganz großen Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Noch immer steht Hitzlsperger alleine da, noch immer wartet die Fußballwelt auf das Coming-out eines aktiven Spielers. Diese Entscheidung ist nicht leichter geworden.

Hitzlsperger selbst äußert sich nun in einem Schwulenmagazin - und ermutigt andere Spieler zum Coming-out. Er verstehe, dass es schwer sei, als Aktiver diesen Schritt zu gehen. "Das größte Problem während der Karriere dürfte die unglaubliche Aufmerksamkeit sein, die ein Outing erregen würde. Ich hatte Zeit dafür, alles zu planen und damit umzugehen. Ein aktiver Spieler hat diese Zeit nicht. Der muss am nächsten Wochenende wieder gewinnen." Das schrecke sicher einige Spieler ab. Aber: "Einer muss da jetzt mal durch."

Eine homosexuelle Beziehung während der Karriere

Hitzslperger sprach im Interview auch über seinen ersten Freund während seiner Zeit beim FC Everton. Er habe nur eine homosexuelle Beziehung während seiner Karriere gehabt, erzählt der Spieler demnach. Es seien nur ein paar Monate gewesen - "aber es war schön, mit einem Mann in einer Beziehung zu leben. Man teilt sein Leben mit jemandem, den man liebt. Man kommt abends nicht in eine leere Wohnung. Wir sind zwar nicht gemeinsam weggegangen, aber es war trotzdem wunderbar für mich."

Dabei habe er selbst nicht schon immer gewusst, was mit ihm los sei. "Bei mir hat sich diese Unsicherheit sehr lange hingezogen, bis ich mir sicher war, dass ich etwas verändern muss. Da war ich Ende 20 und hatte vor, mich während der Karriere zu outen. Davon wurde mir aber abgeraten."

Inzwischen habe sich vieles geändert, auch bei den Fans. "Ich habe schwule Fanclubs getroffen. Ich weiß, dass die sich darauf vorbereiten, wie sie einen oder auch mehrere Spieler nach einem Coming-out unterstützen könnten. In der Fanszene passiert viel in diese Richtung." Natürlich gebe es noch immer rassistische und homophobe Leute in einem Stadion, aber das werde sich langsam selbst regulieren. "Spieler lernen außerdem, so etwas auf dem Rasen auszublenden. Nach dem Spiel sollte man aber schon ansprechen, dass Rassismus, Homophobie und jede andere Form von Diskriminierung im Fußballstadion und nirgends sonst in der Gesellschaft einen Platz haben."

Sportwissenschaftlerin: "Nicht mal ein Startschüsschen"

Es ist noch ein langer Weg. Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens etwa sieht seit dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger kaum Veränderungen im Fußball im Umgang mit dem Thema Homosexualität. "Sein Schritt war nicht mal ein Startschüsschen, das müssen wir jetzt rückblickend sagen", sagte die ehemalige Bundesliga-Fußballerin der ARD-Recherche-Redaktion Sport.

Walther-Ahrens kritisierte auch die Reaktion der 36 Clubs der 1. und 2. Bundesliga der Männer auf eine schriftliche Anfrage zum Thema. Nur ein Viertel habe sich inhaltlich geäußert, darunter die Erstligisten FC Augsburg, Werder Bremen, Borussia Dortmund, Hannover 96, der 1. FC Köln und der SC Paderborn. "Das ist traurig und zeigt, dass sich eben doch relativ wenig bewegt", sagte die Sportwissenschaftlerin.

car
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