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Thomas Hitzlspergers Coming-out: Mutig erst nach Abpfiff

Thomas Hitzlsperger ist schwul. Sein Coming-Out ein mutiger Schritt. Trotzdem bleibt dem deutschen Fußball der Ernstfall erspart. Denn der Ex-Nationalspieler war nicht mutig genug.

Ein Kommentar von Jens Maier

Lukas Podolski ist der schnellste. Als erster deutscher Fußball-Nationalspieler kommentiert er das Coming-Out seines ehemaligen Teamkollegen Thomas Hitzlsperger. "Mutig - und richtig. Respekt, Thomas Hitzlsperger! Ein wichtiges Zeichen in der heutigen Zeit", schreibt Podolski auf Twitter, nur wenige Minuten nachdem die Bombe geplatzt ist.

Um 13.27 Uhr veröffentlicht "Zeit-Online" Auszüge aus dem Interview mit Thomas Hitzlsperger, das am Donnerstag in der Wochenzeitung erscheint, und titelt: "Thomas Hitzlsperger bekennt sich zu seiner Homosexualität." Die Meldung verfehlt ihre Wirkung nicht. Der Ansturm ist so enorm, dass er teilweise die Server des Verlages in die Knie zwingt. Es ist, als hätte Deutschland nur darauf gewartet, seinen ersten schwulen Fußballer begrüßen zu dürfen.

Hitzlsperger löst mit seinen Äußerungen eine Welle an Sympathiebekundungen aus. Ob der englische Fußballprofi Gary Lineker, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach oder sogar der Regierungssprecher von Angela Merkel, Steffen Seibert - sie alle loben Hitzlspergers Schritt in die Öffentlichkeit und überschlagen sich mit Glückwunschformeln.

Mutig nach Karriereende

Vor allem sein Mut wird immer wieder gelobt. Aber zu Recht? Ist es nicht ziemlich feige, sich sechs Jahre lang, wie Hitzlsperger im Interview mit der "Zeit" berichtet, mit der Frage nach seinem Coming-Out zu beschäftigen, um dann doch den Schwanz einzuziehen und bis zum Ende der Karriere zu warten, um es endlich zu tun?

Zu jedem Coming-Out gehört Mut. Ob gegenüber den Eltern, der Schule, Freunden, den Kollegen - zu dem zu stehen, was man ist, kostet jeden Homosexuellen Kraft. Noch immer. Das gilt besonders für Menschen, die sich in Tabuzonen bewegen, den sogenannten Männerdomänen. Dazu zählt die Autowerkstatt ebenso wie der Schützenverein. Und ganz besonders der Profifußball. Ein heterosexuelles Bollwerk.

Statistisch gesehen gibt es Dutzende von schwulen Kickern in der Fußball-Bundesliga. Ob beim FC Bayern, bei Borussia Dortmund, beim HSV oder beim VfL Wolfsburg: Sie stehen überall auf dem Platz, machen Tore, werden bejubelt. Doch keiner äußert sich öffentlich zu seiner Homosexualität. Das wäre okay, wenn es deshalb geschähe, weil die Spieler ihre Sexualität als Privatsache ansähen. Doch die Vermutung liegt nahe, dass es aus Angst geschieht.

Homosexualität ist im Profifußball tabu - bis jetzt

Es ist die Angst, stigmatisiert zu werden. Von Fans als "schwule Sau" beschimpft und von Teamkollegen dumm angemacht zu werden. Schwulenfeindliche Sprüche, sagt Thomas Hitzlsperger im Interview, gebe es in jeder Kabine. "Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird."

Da nützen auch die gebetsmühlenartigen Beteuerungen des DFB nichts, sich gegen Homophobie im Fußball engagieren zu wollen. Denn ein Konzept, wie dies erreicht werden soll, gibt es nicht. Stattdessen viele gute Worte. Auch für Thomas Hitzlsperger. Der DFB hat ihm "jede erdenkliche Unterstützung" zugesagt. Fast so, als sei ihm etwas Schreckliches widerfahren. Wie ein Unfall oder eine Krankheit. Dabei ist er nur schwul.

Der Ernstfall bleibt aus

Dass Hitzlsperger bis vier Monate nach seinem Karriereende gewartet hat, um seine Homosexualität öffentlich zu machen, ist bedauerlich. Damit erspart er seinen Teamkollegen, den Funktionären und den Fans die direkte Konfrontation, den Ernstfall. Wäre er im Stadion ausgebuht worden? Wie hätten seine Kollegen auf dem Platz reagiert? Wären Sponsoren abgesprungen? All das werden wir vorerst nicht erfahren.

Doch Hitzlsperger sagt als erster deutscher Nationalspieler überhaupt, dass er Männer liebt. Das haben alle anderen schwulen Kicker, die mit Adler auf der Brust auf dem Platz standen, nicht geschafft. Grund genug, ihm jeden erdenklichen Respekt zu zollen.

Hitzlsperger hat "ein wichtiges Zeichen" gesetzt, wie Lukas Podolski es nennt. Endlich traut sich einer aus der Deckung und beweist: Ja, es gibt sie: schwule Fußballer. Besser spät, als nie. Olé, olé!

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