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Reaktionen auf Hitzlspergers Coming-out: Respekt, Anerkennung und Heuchelei

Noch nie hat ein so prominenter deutscher Sportler derart offen über seine Homosexualität gesprochen wie Thomas Hitzlsperger. Ein Meilenstein - und der Beginn einer lebhaften Diskussion.

Von Oliver Noffke

In der Wochenzeitschrift "Die Zeit" hat Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger seine Homosexualität öffentlich gemacht. Schon bevor die neue Ausgabe am Kiosk liegt, sorgt das Interview für ein breites Echo in der Sportwelt. In einer offiziellen Mitteilung des Deutschen Fussball-Bunds (DFB) bekundet Präsident Wolfgang Niersbach seinen Respekt vor dem Schritt eines Spielers, der "zu seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild" gewesen sei. "Er hat sich entschieden, den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen, und ich stehe zu unserem Wort, dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt", so Niersbach.

Auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sagte, dass der DFB Hitzlsperger alle Unterstützung zukommen lassen will, "damit er seinen mutigen Weg weitergehen kann". Ebenso dankte Theo Zwanziger Hitzlsperger für dessen Schritt.

Respekt - von Löw und Westerwelle

Bundestrainer Joachim Löw hat Respekt für Hitzlsperger gefordert. "Thomas hat für sich persönlich entschieden, diesen Schritt zu gehen, und er sollte in einer toleranten Gesellschaft von allen respektiert werden", sagte Löw auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes. Für ihn als Trainer seien "alleine die sportlichen Leistungen und das soziale Verhalten eines Spielers entscheidend, und ich habe Thomas immer als ehrgeizigen, zuverlässigen Profi kennengelernt", betonte Löw.

Gegenüber "Zeit Online" sagte der ehemalige Bundesaußenminister Guido Westerwelle: "Der Schritt in die breite Öffentlichkeit liest sich viel leichter, als er tatsächlich ist." Der Mut des ehemaligen Fußballspielers "verdient größten Respekt". Westerwelle selbst hatte sich im Sommer 2004 zu seinem langjährigen Freund Michael Mronz bekannt, mit dem er mittlerweile sogar verpartnert ist.

Unterstützung von ehemaligen Mitspielern

Auch ehemalige Teamkollegen aus der deutschen Fußballnationalmannschaft zeigten sich erfreut. Arne Friedrich schrieb über Twitter, dass es eine gute Entscheidung sei sowie der richtige Zeitpunkt gewählt wurde. "Leider kann auch in der heutigen Zeit niemand garantieren ob und wie die Karriere danach weitergehen würde", antwortete Friedrich auf die Frage eines Fans, ob ein Coming-out auch während der aktiven Karriere eines Profispielers möglich sei.

Als "ein wichtiges Signal für unsere Zeit" wertet Lukas Podolski die Entscheidung seines ehemaligen Kollegen, sich öffentlich zu erklären.

Wie schwer es Hitzlsperger gefallen sein muss, diese Entscheidung zu treffen, zeigt die Reaktion eines ehemaligen Weggefährten bei Facebook: "Ich kenne [...] Thomas Hitzlsperger schon seit wir in der C-Jugend gegeneinander und später miteinander gespielt haben", beginnt David Reinisch seinen knappen Kommentar. "Zum einen bin ich echt überrascht, dass das von ihm kam. Zum anderen muss ich sagen, habe ich größten Respekt davor. Das wäre eine gute Gelegenheit, das Thema "Homosexualität im Sport" noch vor Sotschi auch international anzustoßen. Wobei es zeigt leider auch, dass noch eine Weile vergehen wird bis solche Outings von noch aktiven Sportlern kommen werden..."

Lineker freut sich auf das nächste Interview

Gary Lineker gratulierte Hitzlsperger zu seinem Schritt. Der Deutsche sei der erste Spieler, der in der Premier League gespielt hat - und sich anschließend outet. Der frühere englische Nationalspieler wird Hitzlsperger für die BBC-Sendung "Football Focus" interviewen. Lineker glaubt, dass auch ein Coming Out eines aktiven Spielers mittlerweile akzeptiert werden würde.

Noch keine Selbstverständlichkeit

Der Sportmoderator Frank Buschmann rief in einem Youtube-Video zu Ruhe auf. Medien und Fans sollten nicht erwarten, dass sich nun auch aktive, homosexuelle Fußballer in die Öffentlichkeit begeben. "Spielst du noch in der Nationalmannschaft, in der Fußball-Bundesliga, wie gehen die Fans damit um, was passiert an den Fußball-Stammtischen, ...?" Noch sei das Coming-out eines Sportstars keine Selbstverständlichkeit und von daher sei dies ein sehr wichtiger Schritt.

Hitzlsperger wolle mit seinem Coming-out die Diskussion über "Homosexualität unter Profisportlern voranbringen", sagte er gegenüber der "Zeit". Dies ist ihm definitiv schon nach wenigen Stunden gelungen. Nicht nur das Video von Buschmann auch viele Reaktionen auf Respektsbekundungen von Politikern und Offiziellen lassen eine Diskussion erkennen, die sehr schnell an Tiefe und Differenziertheit gewinnt. Nachdem Regierungssprecher Steffen Seibert Hitzlspergers Schritt lobte, nahmen einige User sofort Bezug zur Familienpolitik der Union. Sportjournalist Mike Lukanz fragte sich, wie Seibert reagiert hätte, wenn Hitzelsberger angekündigt hätte, er wolle Kinder adoptieren.

Mitarbeit: Viktoria Meinholz

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