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U21-Europameisterschaft: Neues deutsches Selbstverständnis

Ausgerechnet gegen England könnte die deutsche U21-Nationalmannschaft am Abend in Malmö (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) Europameister werden. Das Selbstbewusstsein bei den Jungs von Trainer Horst Hrubesch vor diesem Finale ist enorm - auch dank Matthias Sammer.

Von Klaus Bellstedt

Sie stehen jetzt schon beinahe ganz oben. Was fehlt, ist noch ein Sieg. Ein Sieg im Endspiel der U21-EM hätte für die deutsche Nationalmannschaft historische Dimensionen. Noch nie hat Deutschland den ranghöchsten Wettbewerb der Junioren gewonnen. Und genau diese Chance, in Schweden gegen England etwas Historisches zu schaffen, hat dem Team um Kapitän Sami Khedira Flügel verliehen. Die Spieler haben spätestens nach dem gewonnenen Halbfinal-Duell mit Italien den Tunnelblick aufgesetzt. Am besten kann man das an den Äußerungen der Mannschaft, die im Finale aller Voraussicht nach auf den angeschlagenen Marko Marin verzichten muss, festmachen. Zurückhaltung war gestern, diese Spielergeneration hat eine andere Bewusstseinshaltung.

"Da müssen Sie Herrn Sammer fragen"

"Wir sind Deutschland, und so treten wir auch auf", sagt etwa Andreas Beck im Brustton der Überzeugung. Bei Sami Khedira hört sich das ganz ähnlich an: "Das geht jetzt nur noch über den Willen. Und wir haben den Willen und die Überzeugung, dass wir die großen Spiele für uns entscheiden können", so der Kapitän, der nach auskurierter Knie-Verletzung im Finale wieder mit von der Partie sein wird. Wie sehr es brennt, macht auch Gonzalo Castro von Bayern Leverkusen deutlich: " Wir sind heiß auf dieses Spiel", meint er, "wir wollen jetzt den ganzen großen Coup landen, und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden." Dass die Engländer im Halbfinale ihr Elfmeter-Trauma überwanden, betrachtet der Schalker Innenverteidiger Höwedes schmunzelnd als "neue Qualität. Aber wir wollen es ohnehin gar nicht zum Elfmeterschießen kommen lassen".

Irgendwie muss man diesen Jungs glauben. Nicht so sehr, weil sie bei dieser EM in Schweden bislang spielerisch jeden Gegner in Grund und Boden versenkt hätten. Nein, richtig mitreißend waren die Auftritte bislang nicht. Es ist vielmehr das beschriebene deutsche Selbstverständnis, das aus dem Kader dringt. Ein Selbstverständnis, von dem die A-Nationalmannschaft derzeit vielleicht sogar gerne ein Stückchen abhaben würde. Fragt man nach den Ursachen für den Einzug dieser neuen, alten Philosophie verweisen die Junioren gerne auf den Sportdirektor. "Da müssen Sie Herrn Sammer fragen", sagt der bei dieser EM bis jetzt so herausragend auftretende Torwart Manuel Neuer.

Ganz in Rot zum Titel

Für die Spieler ist Matthias Sammer mehr als nur ein Bestandteil des U-21-Umfeldes. "Der Sportdirektor hat die personellen und strukturellen Bedingungen reformiert, weiter professionalisiert und extrem an Leistung und Erfolg orientiert", schreibt das Fachmagazin "Kicker" lobend über Sammer. "Wir bilden Sieger aus", "unser Anspruch ist die Weltspitze" oder "Wir brauchen diese Gier nach Titeln", die Worte des verbissenen Sammers in diesen EM-Tagen haben ihre Wirkung anscheinend nicht verfehlt. Als Beleg dafür dient ein weiterer Satz von Andreas Beck: "Wir bekommen diese Siegermentalität täglich eingeimpft", verrät der Hoffenheimer.

Beim Kampf um die EM-Krone soll eine Titelprämie von 12.000 Euro übrigens für zusätzliche Motivation sorgen. Aber ist das überhaupt nötig? Eher nicht. "Das Geld interessiert uns überhaupt nicht. Uns interessiert nur der Titel", meint der Bremer Mesut Özil, der nach den Endspielen im Uefa-Cup und DFB-Pokal sein drittes Finale in knapp sechs Wochen bestreiten wird. Gegen die Engländer wird der etatmäßige Mittelfeldspieler einen neuen Sturmpartner erhalten, wahrscheinlich den Duisburger Sandro Wagner. Der Wolfsburger Ashkan Dejagah ist wegen zweier Gelber Karten gesperrt. Ansonsten wird es gegenüber dem Italien-Spiel zwei Änderungen geben, für Khedira muss Aogo weichen, für den nach dem Marin-Ausfall im System nach vorne rückenden Castro nimmt Mats Hummels die zweite Sechserposition neben Khedira ein.

Auch in Sachen Trikotfarbe bleibt alles beim Alten: Deutschland wurde zwar das Heimrecht zugelost, dennoch wird die Hrubesch-Truppe wie schon im Halbfinale gegen Italien im ungewohnten roten Auswärtsdress auflaufen. "Ich habe die Jungs gefragt, sie wollen in Rot spielen", bestätigte der Coach den Wunsch seiner Mannschaft. Aber dahinter steckt mehr. England gewann 1966 vor heimischem Publikum gegen Deutschland im roten Auswärtsdress unverdient den WM-Titel. Jetzt wollen die deutschen Himmelsstürmer ganz in Rot und mit einer unbändigen Siegermentalität ausgestattet Rache für Wembley nehmen. Die Chancen könnten also nicht zuletzt wegen dieses kleinen Griffs in die Psychokiste kaum besser stehen.

So will Deutschland spielen: Neuer - Boenisch, Höwedes, Boateng, Beck - Khedira, Hummels - Castro, Johnson - Özil, Wagner

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