Uefa-Pokal-Pleite Bayern brauchen neue Superstars


National top, international ein Flop: Die Bayern reden sich die desolate Niederlage im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Zenit St. Petersburg schön. Uli Hoeneß riet dem Team zu "saufen und zu feiern". Eines scheint sicher: Der künftige Trainer Jürgen Klinsmann wird kräftig auf dem Transfermarkt zuschlagen müssen, um die Bayern international fit zu machen.

Als der erste Schock nach der Demütigung überwunden war, versuchten sich die Verlierer des Abends am nationalen Titeln aufzurichten. Der Pokalsieg und die deutsche Meisterschaft sollen in der Gesamtbilanz die internationale Prügel des 0:4 bei Zenit St. Petersburg und den jäh geplatzten Traum von erstmals drei Trophäen in einer Fußballsaison überstrahlen. "Es ist nicht die erste Mannschaft, der das Triple nicht gelingt. Da waren schon andere große Mannschaften von Bayern München auf der Spur, die das auch nicht geschafft haben. Wir gehen erhobenen Hauptes aus dieser Saison", betonte Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge.

Die "katastrophale Leistung", die Ottmar Hitzfeld geschockt hatte, wurde kurzerhand zum ärgerlichen Betriebsunfall erklärt. "Wir sollten uns alle nicht verrückt machen jetzt. Wir haben aus meiner Sicht alle Ziele erreicht", meinte Uli Hoeneß. "Saufen und Feiern" riet der Manager den Spielern, die wie Luca Toni entsetzt waren: "Das war das schlechteste Spiel, an das ich mich erinnern kann", kommentierte der italienische Weltmeister.

Kritik wischen die Bosse barsch beiseite

Bei Rummenigges Bankettrede im prachtvollen Wintersaal des Hotels Astoria gab es um Mitternacht nicht einen Vorwurf an das demontierte Team, sondern vielmehr Dankesworte für eine stolze Jahresleistung. "Wir brauchen nicht groß um den heißen Brei herumzureden. Wir haben ziemlich einen auf die Mütze gekriegt und sind enttäuscht. Aber wir sollten nicht den Fehler machen, Grundsätzliches infrage zu stellen, nicht eine Klasse-Saison der Mannschaft kritisieren", verkündete Rummenigge und schloss mit einem lösbaren Auftrag: "Ich wünsche der Mannschaft, dass sie diesen Abend schnell vergisst und Sonntag den Punkt holt, den wir mathematisch noch zur Meisterschaft brauchen." Da werden die Bayern auf Miro Klose verzichten müssen. Der Stürmer unterzieht sich der notwendigen Operation seines Trümmerbruchs am Nasenbein. Die Bundesliga-Saison ist für ihn vermutlich aber noch nicht zu Ende.

Die Kritik, dass zwischen der nationalen Dominanz der Bayern und ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit ein riesiges Loch klafft, wischten die Bosse barsch beiseite: "Ach, hören Sie mir doch auf mit dem national und international. Das lasse ich mir nicht einreden, dass wir international keine Rolle spielen. Unsere Mannschaft ist müde - basta!". Das ist so ein Ereignis der Medien, Triple, Viertel, Quarterback, das interessiert mich alles überhaupt nicht. Wir haben zwei Titel gewonnen, wir sind nächstes Jahr in der Champions League, wo wir schon lange wieder hingehören. Und alles andere ist mir ziemlich egal," polterte Hoeneß.

Lahms Einschätzung ist realistischer

Die klarste und schonungsloseste Einschätzung dazu gab Philipp Lahm ab, der weiterhin mit einem Wechsel zu einem europäischen Top-Club liebäugelt: "Meine Aussage steht, dass wir nächstes Jahr nicht die Champions League gewinnen oder ins Finale kommen", kommentierte der Nationalspieler: "Aber ich lasse mich gerne überraschen."

Tatsache ist, dass die Bayern seit ihrem Champions-League-Sieg 2001 international kaum eine Rolle gespielt haben. Stattdessen wird der Gegner stark geredet. Oliver Kahn schwärmte von dem famos aufspielenden Zenit-Kollektiv, das mit den Treffern von Pawel Pogrebnjak (4./73.), Konstantin Syrjanow (39.) und Victor Faysulin (53.) für die insgesamt erst fünfte Europapokal-Niederlage des FC Bayern mit vier Toren Differenz sorgte und im Finale am 14. Mai auf die Glasgow Rangers trifft: "Das war einfach eine Klasse-Leistung der Russen, die absolutes Champions-League-Format haben. Die Russen waren einfach nicht Getafe."

Kahn nahm Niederlage sehr gelassen in

Das eigene, bittere Ende seiner internationalen Laufbahn nahm der 38-Jährige verblüffend gelassen hin: "Irgendwann ist man einfach froh, dass es dann auch mal vorbei ist." Eine echte Zuneigung zum Uefa-Pokal hatte der FC Bayern nie aufgebaut, wie Kahn zugab: "Wir haben den Uefa-Cup immer groß gemacht, einen Wettbewerb, der für den FC Bayern nicht einfach ist." Die Champions League ist und bleibt der Maßstab, wie der scheidende Kapitän betonte: "Die Mannschaft wird nächstes Jahr zeigen können, wo sie letztendlich in Europa steht."

Die Super-Einkäufe Franck Ribéry und Luca Toni haben genügt, um der Bundesliga Glanz zu verleihen und die Gegner nach Belieben zu dominieren. "International waren wir nicht so stark", gestand Hitzfeld. Man darf gespannt sein, welche Schlüsse Jürgen Klinsmann aus der Augen öffnenden Niederlage zieht. Der neue Cheftrainer könnte weiteren Handlungsbedarf auf dem Transfermarkt anmelden, ein Ribéry und ein Toni genügen nicht für höchste Champions-League-Ambitionen.

Leisten könnten sich die Bayern weitere hochkarätige Stars: Rummenigge kündigte nach den 225,8 Millionen Euro der Vorsaison eine weitere Umsatzsteigerung an. "Wir machen weiter Gewinne." Finanziell war auch der Uefa-Pokal mit Einnahmen von fast 30 Millionen Euro ein erfolgreiches Jahr. Nur die Chance aufs historische Titel-Triple dürfte so schnell nicht wiederkehren, wie Hitzfeld traurig bemerkte: "Die kommt alle zehn Jahre einmal." Kahn und ihm ist sie an einem "schwarzen Abend" zum zweiten Mal nach 1999 entglitten.

DPA/tis DPA

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