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Frankreich: Streiten für den Titel

Fußball-Frankreich hatte ein Trauma und das hieß WM 2002. Um 2006 ein frühzeitiges Ausscheiden zu vermeiden, pflegte das Team um Zinedine Zidane eine intensive Streitkultur.

Sich den Problemen stellen oder vorzeitig nach Hause fahren: Das war die Frage. Bedroht von einem neuerlichen peinlichen Aus in der WM-Vorrunde entschieden sich die französischen Spieler für die erste Option. Nur diese freimütigen Diskussionen, in denen jeder ohne Ansehen seines Rangs in der Hackordnung seine Meinung äußern durfte, haben die "Equipe Tricolore" vor dem Vorrunden-Aus gerettet und den Grundstein für den Finaleinzug gelegt, glaubt der für den FC Bayern spielende Nationalverteidiger Willy Sagnol.

Bei den Aussprachen ging es richtig zur Sache. "Es waren hitzige Streitereien", erinnert er sich. "Eine Menge Themen kamen dabei aufs Tablett." Inzwischen habe die Mannschaft die richtige Formel für ein erfolgreiches Spiel gefunden. "Jetzt liegt es an uns, noch einmal mindestens 90 Minuten weiterzumachen", fügt er mit Blick auf das Finale am Sonntag gegen Italien hinzu. Knackpunkt auf dem Weg ins Berliner Olympiastadion war nach Sagnols Einschätzung das letzte Vorrundenspiel gegen Togo. Nach zwei mageren Unentschieden gegen die Schweiz und Südkorea war die Spannung im Team zum Greifen. Etwas musste passieren.

"Jeder mit anderen Vorstellungen"

"Wir wollten zwar alle in die gleiche Richtung, aber offenkundig jeder mit anderen Vorstellungen", blickt Sagnol zurück. Es sei Trainer Raymond Domenech zu verdanken, dass die Schranken zwischen den Generationen niedergerissen und eine offene, diskussionsfreundliche Atmosphäre geschaffen worden sei, meint Sagnol. "Wir hatten zum Glück einen Trainer, der uns unsere Meinung hat sagen lassen, der dafür sorgte, dass wir uns unserer Verantwortung stellten. Er hat uns zum Herrn unseres eigenen Schicksals gemacht."

Worum es genau bei den Streitereien innerhalb der Mannschaft ging, will der 29-Jährige nicht verraten. Er räumt aber ein, dass die Spieler mit ihrem Nerven am Ende waren aus Angst, schon in der Vorrunde auszuscheiden. Der 2:0-Sieg über Togo habe die Mannschaft dann befreit, erinnert er sich. "Es war ein ganz schweres Spiel, wir wussten, was alles passieren konnte. Es hat uns aber geholfen, die Gespenster der WM 2002 zu vertreiben."

Bei dem Turnier vor vier Jahren schied der Titelverteidiger Frankreich sieg- und torlos nach der Vorrunde aus. Die Geister von 2002 mögen vielleicht verbannt sein, doch einen Schlussstrich unter all die Angriffe gegen die "Equipe Tricolore" will Sagnol nicht ziehen. "Wir können das nicht einfach abhaken. Ich habe nicht vergessen, wer diese Dinge geschrieben hat. Die Angelegenheit wird früher oder später noch geregelt."

Jerome Pugmire/AP / AP
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