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Frankreich: Auferstehung eines Weltmeisters

Sie wären fast in der Vorrunde ausgeschieden, niemand glaubte mehr an den Titel. Doch dann steigerte sich die "alten Herren" - bis zum WM-Tiel

Vive la France! Acht Jahre nach dem Triumph im eigenen Land ist die "Grande Nation" wieder die Nummer eins der Fußball-Welt. Mit dem Gewinn des zweiten WM-Titels feierte ganz Frankreich das "Déjá-vu"-Erlebnis erster Klasse und die wundersame Wiederauferstehung des schon totgesagten Weltmeisters von 1998. Im Nachbarland Deutschland erwachte die "Équipe tricolore" aus einem vier Jahre währenden Albtraum mit dem kläglichen torlosen Vorrunden- K.o. bei der WM 2002 in Südkorea und dem Viertelfinal-Aus gegen den späteren Titelträger Griechenland bei der EM 2004 in Portugal.

Die in den deutschen WM-Stadien vorgenommene Korrektur der Schande sorgte jenseits des Rheins für einen nie für möglich gehaltenen radikalen Stimmungswandel. Nach einer Umfrage der "L'Équipe" nach dem blamablen 1:1 gegen Südkorea hatten 88 Prozent der Befragten eine Finalteilnahme ausgeschlossen. Nach den Siegen gegen Spanien (Achtelfinale/3:1) und Brasilien (Viertelfinale/1:0) glaubten plötzlich 91 Prozent an einen Endspielauftritt in Berlin.

Dem Aufstieg aus dem Jammertal auf den Gipfel ging ein langer Leidensweg voran. Während der mühevoll geschafften Qualifikation musste bis zum letzten Spiel um die WM-Teilnahme gezittert werden. Als Retter trat der vom ungeliebten Trainer Raymond Domenech zum Rücktritt vom Rücktritt überredete Superstar Zinédine Zidane wieder auf den Plan. In seinem Sog folgten die alten Kämpen Lilian Thuram und Claude Makelele. Ex-Junioren-Coach Domenech korrigierte notgedrungen seinen Plan vom Aufbau einer jüngeren Mannschaft. Eine der Ausnahmen war der 23-jährige Debütant Franck Ribéry als belebendes Element.

Der WM-Beginn weckte schlimmste Erinnerungen an 2002. Als "Rentnerband" und "Rolling Stones auf Abschiedstournee" verspottet, stolperte die mit durchschnittlich 30 Jahren älteste französische Nationalmannschaft mit Anti-Fußball durch die Vorrunde. Verletzter Stolz war danach eine der Antriebsfedern einer von der Öffentlichkeit und den Medien verrissenen Mannschaft.

Im "Schlosshotel Münchhausen" im niedersächsischen Aerzen wurde in langen Nächten Ursachenforschung betrieben und sich des "Geistes von Martinique" erinnert. In dem Übersee-Département kam es anlässlich eines Benefizspiels zu einem Beschnuppern zwischen den Spielern dreier Fußball-Generationen. Der Spielverlauf beim 3:2 gegen Costa Rica nach.0:2-Rückstand setzte ein erstes Zeichen harmonischer Koexistenz im Team der "Blauen".

Der Wendepunkt beim WM-Turnier kam mit dem Spanien-Spiel, in dem Zidane alle Kritiker eines Besseren belehrte, den Schalter umlegte und das Team auf den "Königsweg" führte. Mit der Wiederbelebung des zum Retter mutierten Strategen, der gegen Brasilien überragte, wurde die WM plötzlich fast zu einem Selbstläufer. Auch Portugal (1:0) musste dran glauben.

"Es macht die Qualität dieser Mannschaft aus, leidensfähig zu sein, sich für ihren Traum aufzuopfern, Solidarität, Durchhaltevermögen und Leidenschaft zu zeigen", charakterisierte der stets in Frage gestellte Trainer Domenech sein Team, das "immer bis zum Ende gehen wollte". Am 9. Juli, dem Datum, das der lange belächelte 54-Jährige seit der WM-Qualifikation als Ziel angegeben hatte, war der Weg vollendet - auch für Zidane.

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