Fußballfreie Territorien Gähnende Leere in den Antikicker-Zonen


Während sich ganz Deutschland im WM-Taumel befindet und Tausende die Public Viewing-Plätze stürmen, gibt es hartgesottene Geschäftsleute, die ihr Lokal zur "fußballfreien Zone" erklärt haben. Zu blöd, denn diese Angebote werden kaum wahrgenommen.

Asima Gilani hasst Fußball und diese Einstellung macht ihr den Alltag im fußballverrückten Deutschland derzeit ziemlich unerträglich. Die 29-jährige Wirtschaftsstudentin aus Berlin ist völlig entnervt, dass es derzeit kaum eine Möglichkeit gibt, dem WM-Fieber zu entfliehen. Fahnenschwenkende, euphorisierte Massen umringen sie, sobald sie ihre Wohnung verlässt. In jedem noch so kleinen Vietnam-Imbiss werden auf einem überdimensionierten Plasmabildschirm sämtliche Spiele live gezeigt und selbst ihre Freundinnen unterhalten sich nur noch über Ballack, Klose und Co.

"Die WM geht mir total auf die Nerven", stöhnt Gilani und verdreht die Augen. "Es ist mir viel zu laut, überall sind nur noch Besoffene und Rowdys unterwegs". Auch wenn ganz Deutschland zur Zeit im kollektiven Fußballtaumel versinkt, gibt es tatsächlich einige wenige Orte in der Republik, die offiziell zu "fußballfreien Zonen" erklärt wurden, und eine davon hat Gilani ganz erleichtert entdeckt. Entspannt sitzt sie am Mittwochabend in einem Liegestuhl und schlürft ihren Drink in der menschenleeren Open-Air-Lounge "Sommerwelt am Potsdamer Platz" am Piano-See, einem künstlichen, dreieckigen Teich, eingeklemmt zwischen DaimlerChrysler-Hochhaus und Staatsbibliothek. Entspannte Musik läuft im Hintergrund und nur ganz aus der Ferne hört man hin und wieder das Geschrei der Fans, die das Spiel Deutschland gegen Polen verfolgen.

"Wenn die Freundin mit der Freundin"

Die Open-Air Lounge ist eine von mindestens 50 Bars, Restaurants und Biergärten, die sich in Deutschland zu fußballfreien Zonen erklärt haben, doch wie die meisten anderen No-Go-Areas für Fußballfanatiker ist die Lounge an diesem Mittwochabend ziemlich leer. Höchstens 15 Gäste sitzen auf den 100 Liegestühlen zwischen kleinen Topfpalmen und Fackeln, allein 6 davon sind schwedische Fans, die "zwischendurch mal eine kurze Pause vom Fernsehgucken machen". Bei dem geringen Interesse an "fußballfreien Zonen" ist es daher mehr als fraglich, ob sich das Geschäft mit den Fußballmuffeln während der WM tatsächlich lohnt. Dennoch gibt es verschiedenste Internetseiten, die mit Spezialangeboten für Fußballmuffel werben.

Der Münchner Regisseur Stephan Barbarino hat die Internet-Plattform FussballfreieZone.de ins Leben gerufen. Neben einer Liste von Biergärten und Kneipen ohne Fernseher, gibt es auch verschiedenste Anti-Fußball-Fan-Artikel zu kaufen: Für 17,80 Euro gibt es T-Shirts mit einem rot durchgekreuzten Fußball, Männerunterwäsche mit dem gleichen Logo kann man für 19,80 Euro kaufen. Das Land Brandenburg bemüht sich ebenfalls, WM-müde Touristen in idyllische Ferienorte fernab des Sportrummels zu locken. Auf einer eigens gelaunchten Homepage werden fußballfreie Ausflugsziele für jeden Tag während der WM beschrieben. Außerdem bieten brandenburgische Hotels jede Menge WM-Specials an. Unter dem Motto "Wenn die Freundin mit der Freundin" können Frauen von ihren vor dem Fernseher festsitzenden Männern ins Seehotel nach Burg im Spreewald flüchten. Zwei Übernachtungen inklusive Wellnesstag kosten 190 Euro pro Person. Aber auch hier gibt es kaum Interessenten. Nur zwei Buchungen hat Hotelbesitzerin Christiane Martin bislang erhalten.

"Das Geschäft läuft schlecht"

Auch Salvatore Sigismondo, ein Barkeeper in der szenigen "Greenwich Bar" in Berlin-Mitte, wundert sich wo die Fußballhasser bleiben. In der Bar gibt es keine Fernseher - mit dem Resultat, dass das "Greenwich" am Dienstagabend von 20 Uhr bis 3 Uhr gähnend leer war. "Das Geschäft läuft so schlecht, wir könnten eigentlich gleich während der ganzen WM dicht machen", sagt Sigsimondo, 37, und klagt, dass er wegen der ausbleibenden Trinkgelder diesen Monat kaum genug verdient, um seine Miete zahlen zu können. Der Deutsche Reiseverband hat keine exakten Zahlen zum Tourismusgeschäft mit den Fußballmuffeln, Pressesprecherin Sibylle Zeuch kann nur berichten, dass der "Juni sehr, sehr gut gebucht war, sowohl trotz als auch wegen der WM".

Und während Anfang Mai noch 28 Prozent aller Berliner laut einer für die "Berliner Zeitung" durchgeführten Forsa-Umfrage der WM so weit wie möglich aus dem Weg gehen wollten, hat sich die Stimmung seit WM-Beginn rapide verbessert. 62 Prozent aller Deutschen freuen sich über das Großereignis laut einer am Mittwoch herausgegebenen forsa-Umfrage fuer den Nachrichtensender n-tv, 26 Prozent der Befragten ist die WM egal und nur 12 gaben an, genervt zu sein. Das Fußballfieber, so scheint es, hat inzwischen auch die weltabgewandtesten Winkel Deutschlands erreicht und selbst vor den Nonnen des Sacre Coeur Ordens in München nicht Halt gemacht. "Ich finde die WM total klasse und hab schon viel Spiele geguckt", sagt die 80-jährige Schwester Mechthild begeistert und erzählt, dass sie abends zusammen mit ihren Mitschwestern vor dem Fernseher sitzt und leidenschaftlich die Spiele der deutschen Mannschaft durchdiskutiert. "Ich passe auf, dass wir auch ja kein wichtiges Spiel verpassen - und besonders nicht das Endspiel".

Kirsten Grieshaber/AP AP

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