WM 2010: Deutschland gegen England Hello again, geliebter Erzfeind


England ist im Rausch: Im WM-Achtelfinale treffen die "Three Lions" auf den Erzrivalen Deutschland. Und gegen den wird in guter alter Tradition gehetzt.
Von Cornelia Fuchs, London

Die Kommentatoren des englischen Senders ITV überschlugen sich schier bei der gestrigen WM-Übertragung: Ein junges Team "voller erstaunlicher Reife" spiele da, das vielleicht schon jetzt, aber "in jedem Fall in zwei Jahren Erstaunliches wird leisten können". Es sei ein "unglaublich schnelles" Spiel "ohne Pause, mit großartigen Pässen", "flexibel, kreativ, frei", vielleicht das beste Spiel, das bisher zu sehen gewesen sei in Südafrika. "Ich sage Euch eines", sagte der Kommentator über den Schlusspfiff der Partie Deutschland gegen Ghana. "Am Sonntag wird England auf Deutschland treffen - und zwar auf ein sehr gutes deutsches Team!"

Diese ungewöhnlichen Worte des Lobes zu einem deutschen Team werden vielen englischen Fernsehzuschauern ebensowenig geschmeckt haben, wie den Pub-Besuchern in meiner Nachbarschafskneipe "Robert Steel", die lieber den Ton leise stellten und bei jedem ghanaischen Angriff brüllten: "Give it to them - macht sie fertig!"

Die Schubladen sind weit geöffnet

Es ist Englands liebste Feindschaft, die nun wieder gepflegt werden darf bis zum Achtelfinale am Sonntag. Wie auch die Hoffnung, dass es dann nicht zum Elfmeterschießen kommen wird. Kolumnist Simon Barnes nennt es den schlechtesten Fußballwitz der WM-Geschichte: "Die gute Nachricht: Wir sind im Achtelfinale. Der schlechte: Wir treffen auf Deutschland." Jede Zeitung druckt heute Bilder der großen Fußballereignisse zwischen den beiden Nationen, vom umstrittenen englischen Tor 1966 bei der WM in Wembley über den weinenden Paul Gascoigne im WM-Halbfinale 1990 bis zum - aus englischer Sicht - großen Tag des 1:5 gegen die Deutschen bei einem Qualifikationsspiel 2001 im Münchner Olympiastadion.

Es sind - natürlich - nicht die einzigen geschichtlichen Bezüge, die nun aus der üblichen Schublade in den Redaktionen gekramt werden. Beim gestrigen Spiel sinnierte der Kommentator, dass Deutschland nur einmal der Einzug in die Weltmeisterschaft nicht gelungen sei, im Jahre 1938: "Da hatten sie wohl andere Dinge im Kopf." In den Zeitungen wird vom "alten Feind" gesprochen, und zwar durchgängig in Überschriften vom links-liberalen Independent bis zur Boulevardzeitung "The Sun", die sich seit Jahren mit besonderer Eifrigkeit des Deutschland-Bashings widmet.

Vom Neid getriebene Briten

Die Sun-Fußball-Experten sahen das Spiel vom gestrigen Abend entsprechend anders als ihre Fernsehkollegen: "Lahms to the slaughter - La(h)mm zur Schlachtbank" ließen sie verlauten. Und das Team aus Deutschland sei "kein vielgepriesener Porsche", sondern "höchstens ein Volkswagen". Das Wichtigste aber: Die können wir schlagen!

Mit Erstaunen stellen die Engländer fest, dass die fixe Feindschaft, die sie mit Deutschland verbindet, nicht geteilt wird. Gerne erklären Experten ihren englischen Zuschauern, dass deutsche Fußballfans lieber Holland hassen. Kolumnist Simon Barnes versucht, die englische Besessenheit zu erklären: "Es ist unser moderner Ersatz für Geschichte - oder zumindest verschafft es uns eine neue Mythologie, die keine Toten braucht, um sie lebendig zu machen."

Deutschland habe, so fühlen laut Barnes viele Engländer, dem Land das Geburtsrecht gestohlen, das Brasilien Europas zu sein. Deutschland spielte siebenmal im Finale der Weltmeisterschaft, England nur einmal: "Und sie taten dies, und ich weiß, das ist für viele schwer verständlich, sie taten dies, weil sie besser Fußball spielen und überaus besser spielen in Fußballturnieren."

England im Rausch

Doch solch leere Statistik hält niemanden in England davon ab, sich schon jetzt um die Probleme im Viertelfinale gegen Argentinien zu kümmern. Deutschland scheint plötzlich nur noch ein kleines Problem zu sein auf dem Weg zur Weltmeisterschaft. Nach Tagen der bodenlosen Selbstzweifel angesichts desaströser Spiele sehen sich die Engländer nach dem gestrigen Sieg wieder ganz oben auf. Geholfen habe, so geht die Legende, dass der strenge italienische Trainer Fabio Capello die trinkfeste englische Mannschaft am Abend vor dem Spiel doch endlich mal ein Bier hat trinken lassen. "Er lernt!", jubilieren die Zeitungen.

Es sind übrigens allein die Engländer in Großbritannien, die sich in den kollektiven Rausch begeistern. Schotten, Waliser und Nordiren können dem Theater wenig abgewinnen. In Schottland verkaufte der Plattenladen HMV ein T-Shirt zur WM mit der Aufschrift: "ABE - Anything but England South Africa 2010" - alles ist besser als England.

P.S.: Freuen Sie sich genauso wie die Engländer auf das Duell mit den "Three Lions?" ;-) Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker